Ab Mitte Oktober startet an der Haltestelle Charlottenplatz ein Pilotversuch. Eine sogenannte Faltrampe ist in dem grauen Kasten auf Höhe der Fahrerkabine untergebracht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Noch immer sind nicht alle Stadtbahnstationen in Stuttgart barrierefrei. Doch das soll sich ändern. In den kommenden Wochen werden weitere zwölf Bahnsteige mit Rampen versehen. Zudem startet am Charlottenplatz ein Pilotversuch.

Noch immer weisen zahlreiche – vor allem ältere – Stadtbahnhaltestellen in Stuttgart einen gehörigen Höhenunterschied aus, wies Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann zu Beginn der vergangenen Sitzung des städtischen Beirats für Menschen mit Behinderung hin. „Der Einstieg ist daher nur sehr schwer oder gar nicht möglich“ – insbesondere mit den bis zu 175 Kilogramm schweren Elektrorollstühlen.

 

Daher hatte sich die Stadt im Jahr 2018 dazu verpflichtet, die Europäische Säule sozialer Rechte (European Pillar of social Rights) umzusetzen. 2021 wurden dafür vom Gemeinderat 1,07 Millionen Euro als Sonderbudget bewilligt. An einigen Stellen wie zum Beispiel an den Wangener Haltestellen Marktplatz und Wasenstraße wurden zudem bereits bauliche Nachbesserungen vorgenommen. Nun erfolgt ein weiterer Schritt.

„Wir werden in den kommenden Wochen zwölf weitere Haltestellen mit Rampen ausstatten“, verspricht Julia Hampe, die SSB-Fachbereichsleiterin für Bauwerke. Die aus Kunststoff bestehenden Aufbauten können einen Höhenunterschied um bis zu vier Zentimeter ausgleichen und auch den Spalt zwischen der Bahnsteigkante und einem Zug verringern. Diese sind immer auf Höhe der ersten Tür hinter der Fahrerkabine in Fahrtrichtung angebracht, um das Einsteigen für Rollstuhlfahrer zu erleichtern. Bis Mitte Oktober sollen die gelben Rampen an den Haltestellen Neckarpark (Stadion), Bahnhof Feuerbach, Neckargröningen (Remseck), Degerloch, Sonnenberg, Riedsee, am Rotebühl- und Berliner Platz sowie an je zwei Haltestellen am Bahnhof Untertürkheim und Vaihingen installiert sein.

Probleme vor allem an Haltestellen in der Kurve

Dann soll auch ein Pilotversuch mit einer sogenannten Falt- oder auch Schmetterlingsrampe am Charlottenplatz starten. Die Haltestelle ist dabei bewusst gewählt. Denn gesetzlich vorgeschrieben soll die Spaltbreite zwischen Bahnsteigkante und Zug unter 25 Zentimetern liegen. „Das selbst gesteckte Ziel der SSB ist es aber, unter 15 Zentimeter zu kommen“, betont Hampe. Besonders schwierig gestaltet sich dies an Haltestellen, die in einer Kurve liegen. Ein großes Problem stellt auch der Charlottenplatz dar. Mit bis zu 23 Zentimern auf Höhe der Türen liegt diese beim Einstieg in Fahrtrichtung Degerloch weit über den eigenen Ansprüchen.

Per Stoppuhr werden die Auswirkungen auf den Fahrplan ermittelt

Ab Mitte Oktober soll daher die neue Faltrampe zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich – wie der Name bereits sagt – um zwei mobile Teile, die bei Bedarf vom Stadtbahnfahrer per Hand über den Spalt zwischen der Bahnsteigkante und einem Zug geklappt werden können. Wie üblich kommt diese lediglich an der ersten Türe zum Einsatz, wo sich Rollstuhlfahrer auch aufstellen müssen, um bei der Einfahrt ihren Bedarf zu signalisieren. Um den Weg für das Personal so kurz wie möglich zu halten, wurde bereits im August eine entsprechende Rampe mit einem grauen Kasten am Ausfahrtsportal errichtet, in dem die Rampe untergebracht ist. Und das Personal geschult.

Zunächst sei der Testbetrieb auf sechs bis zwölf Monate angelegt. Um die Häufigkeit sowie die tatsächliche Einsatzzeit im täglichen Gebrauch zu ermitteln, sei der Kasten mit einem Zähler und einer Stoppuhr ausgestattet. „So sollen die Auswirkungen auf den Fahrplan der Stadtbahnen ermittelt werden“, erklärt Hampe. Erst im Anschluss wollen die SSB entscheiden, ob ein Einsatz auch an anderen Stellen sinnvoll wäre.

Klar scheint aber bereits, dass entgegen der Regelung in den S-Bahnen, wo die Rampe im ersten Waggon untergebracht ist, nicht alle Züge ausgerüstet werden können, sondern die Faltrampen direkt an den Haltestellen stationiert werden sollen. „Der Aufwand wäre viel zu groß, da es sich nicht um viele Problemfälle handelt“, stellt Hampe klar. Ein erster Schritt in die richtige Richtung aus Sicht der Experten und des Gemeinderats.

Kritik gab es aus den Reihen des Gremiums aber daran, dass auch mit der neuen Faltrampe eine wirkliche Barrierefreiheit nicht gewährleistet sei. „Denn nach wie vor sind die Menschen damit auf fremde Hilfe angewiesen, anstatt wirklich durch eine automatisch ausfahrende Rampe selbstbestimmt die Stadtbahnen nutzen zu können.“ Eine ähnliche Technik sei in anderen Ländern wie zum Beispiel in Spanien bereits im Einsatz.

Ohne elektrische Rampe keine wirkliche Barrierefreiheit