Therese Dörr und Gábor Biedermann spielen am Staatstheater Stuttgart die „Offene Zweierbeziehung“. Ein Gespräch über die Abgründe der Liebe, Geschlechterrollen und den Wunsch, sich auszudrücken.
Wie soll man es zusammen aushalten? Heute finden sich viele Antworten auf die Frage, wie Frauen und Männer einander lieben und miteinander leben können. In Stuttgart im Schauspiel führen Therese Dörr und ihr Kollege Gábor Biedermann zurzeit vor, was geschehen kann, wenn ein Ehepaar sich aus dem Trott befreien will, indem es die Beziehung öffnet.
Frau Dörr, Herr Biedermann, heute können alle frei so zusammenleben und einander lieben, wie sie wollen, oder?
Dörr: Ja, zumindest sehen das besonders Jüngere so. Ich habe einen 17-jährigen Sohn, diese Generation wirkt sehr befreit von alten Geschlechterklischees. Ich bin gespannt, wie sie sich entwickeln. Aber man muss auch sagen, dass beispielsweise über polyamore Lebensmodelle zurzeit sehr viel berichtet wird, während die meisten gar nicht so leben.
Biedermann: Das stimmt, ich finde es sogar erstaunlich, wie oft man Paaren begegnet, bei denen die Rollen sehr konventionell definiert sind. Mich erschreckt das auch. Ich möchte nicht sagen, dass ich komplett befreit bin von solchen Ansichten. Aber ich versuche dagegenzusteuern.
Dörr: Wenn ich mir aus unserem Umfeld anhören muss: Ach, das ist doch alles vorbei, dann denke ich oft, ich weiß nicht recht, ob das wirklich so vorbei ist. Ein Großteil lebt doch in aufgeteilten Rollen miteinander.
Im Stück will der Mann eine offene Ehe, die Frau lässt sich darauf ein, und das Paar schaut einander beim Fremdverlieben zu. Es ist wohl sehr idiotisch, ein rasend Verliebter zu sein?
Dörr: Es ist natürlich nicht idiotisch, sich zu verlieben! Ich würde jeden dazu beglückwünschen. Manchmal ist es hart, unpassend auch. Und es kann kompliziert werden. Zur Zeit der Entstehung des Stückes war klar, dass Trennen die letzte Option ist, während es heute eine der ersten ist. Und ich weiß noch nicht mal, was besser ist.
Biedermann: Ich glaube, dass die Paare, die dann doch zusammenbleiben, einen anderen Weg gehen als die vor 40 Jahren. Heute kann mehr Arbeit an der Beziehung stattfinden, es gibt Ehe- und Familienberatung.
Warum will man überhaupt ständig mit Leuten Sex haben, die man interessant findet? Sind wir solche Tiere?
Dörr: (Lacht) Na, es ist zumindest eine einfache Art, sein Ego zu streicheln. Manchmal nimmt das auch Formen an, die mich an Kapitalismus erinnern, das sind Sammelleidenschaften: Was kann ich haben, wie ist die Marktlage?
Biedermann: Ich glaube, für viele ist das ein Thema, für manche weniger. Lust, Begehren und Verliebtsein sind schön. Aber es entstehen auch Konflikte, innerlich und äußerlich.
Kehrt in jeder Liebesbeziehung irgendwann schnöder Alltag ein?
Dörr: Ich glaube, bestimmte Herausforderungen entstehen dadurch, dass man sehr lange zusammen ist. Hinzukriegen, dass es trotzdem lebendig bleibt, man es nicht für normal hält, dass der andere neben einem sitzt, sich miteinander zu verändern – das sind die Herausforderungen.
Einmal heißt es im Stück: „Falls die Beziehung nach beiden Seiten geöffnet wird, entsteht Durchzug“ – wie haben Sie das verstanden?
Biedermann: In der Ehe, aber auch in Arbeitsverhältnissen gibt es heute sehr viele Bekundungen zur Offenheit. Man sagt: Klar, mach du auch mal. Dabei ist unausgesprochen klar: Du kennst deine Rolle, und du lässt es lieber bleiben. Aber man tut so, als wäre alles offen und frei. Dabei gibt es durchaus Machtstrukturen und Machtkämpfe.
Ist es nicht längst egal, ob man ein Mann oder eine Frau ist – zumindest so lange, bis man als Paar zusammen Vater und Mutter wird?
Dörr: Ich glaube, es findet eine Verschärfung statt, wenn Kinder im Leben sind. Man muss sich besser organisieren, Dinge öfter aushandeln. Und diese Bilder, die das Patriarchat erzeugt, sind sehr stark in uns. Für mich war ein erster Schritt, mich davon zu distanzieren. Durch Steuerbegünstigungen von Ehepaaren ist das Patriarchat außerdem weiter politisch gefördert und gewollt.
Das alles erleichtert es nicht gerade, sich aus diesen Rollen zu befreien.
Dörr: Mir ist während der Proben auch aufgefallen, wie oft die Rede davon ist, dass die Frau nicht mehr von ihrem Mann begehrt wird. Und ich finde, das ist immer noch so ein kräftiges Bild: Werde ich begehrt? Anstatt darauf zu schauen: Was ist mein Begehren, oder was bin ich für mich alleine?
Finden Sie diese Frauenrolle zugespitzt?
Dörr: Komödie funktioniert oft über Stereotype, weil es ein Konfliktpotenzial bietet, das in der Grobschlächtigkeit gegeneinanderzusetzen. Aber das ist nicht aus der Luft gegriffen. Viele Frauen haben in der einen oder anderen Situation eine klischeehafte Rolle gespielt, um einen Mann nicht vor den Kopf zu stoßen. Das ist so stark in uns, dieses Klischee: Als Frauen sollen wir nicht viel Raum einnehmen, sollen nicht so laut sein.
Sind Geschlechterrollen wie Theaterrollen wie eine Art Kleidungsstück, das man sich überstreift?
Dörr: Das Stück thematisiert immer wieder, dass wir auf dem Theater sind und dass Dinge offen verhandelt werden, auch wie man etwas spielt. Es geht ja nicht nur um Liebe. Es geht um Macht oder um Deutungshoheit – für das Paar, aber auch für die Schauspieler. Etwas zu spielen bedeutet, eine Deutungsmacht darüber zu bekommen. Und etwas öffentlich zu machen, was privat ist, ist eine höchst politische Angelegenheit.
Biedermann: Was man in dem Stück mit dem Publikum hat, kennen viele von der eigenen Familie, beispielsweise wenn sie einen Streit vor den Kindern austragen. Auch dann hat man eine Öffentlichkeit, und es wird politisch, die Kinder berufen sich darauf. Im Theater lädt dieses Spiel dazu ein, sich nicht so distanziert zu fühlen.
Das Bühnenbild zeigt das Paar in einer aalglatten Wohnung. Das ist wohl nah an der heimischen Realität vieler Leute. Kein Wunder, entsteht bei dem, der so lebt, der Wunsch nach Exzessen, oder?
Dörr: Ja, ich finde, das stimmt. Ich bin schockiert, wenn ich Wohnungen in Dokusoaps sehe. Das ist so gleichgeschaltet, es ist unglaublich. Weil klar ist heute, wie die Dinge auszusehen haben und welche Motivationssprüche da auf der Tapete kleben sollen. Es ist traurig, dass es keinen Mut gibt, sich auszudrücken. Denn darum geht es ja, sich ausdrücken, egal wie.
Hält man die Abgründe der Liebe nur mit Humor aus?
Dörr: Wir kommen alle an Punkte, die traurig und unauflösbar sind. Wenn man lebendig bleiben möchte, kann man nichts anderes tun, als den Draufblick zu bewahren, die Absurdität zu sehen, das, was drum herum geschieht. Es gibt immer auch das Schöne. So wie es im Schönen das Lächerliche gibt.
Biedermann: Unsere Arbeit besteht zum Teil daraus, die Leute zum Lachen zu bringen. Und ich denke, dieses Lachen bewirkt etwas. Wenn die Lachenden über sich selbst schmunzeln und nachdenken: Was mache ich eigentlich? Bin ich besser? Ich bin der tiefen Überzeugung, dass über Humor Heilung geschehen kann.
Hat die Zweierbeziehung noch eine Zukunft?
Dörr: Es ist kompliziert, einem Menschen nah zu bleiben.
Biedermann: Und es wird immer schwieriger, weil zunehmend die Selbstpflege im Zentrum steht: Was brauche ich?
Dörr: Ich würde aber behaupten, es gibt zurzeit immer noch viele Frauen, die vor allem darauf ausgerichtet sind, was der Mann braucht oder will. Aber Perfektion beispielsweise ist in einer Beziehung ohnehin totaler Quark. Man ist einfach beieinander, das ist viel wert, beieinander zu bleiben.
Offene Zweierbeziehung in Stuttgart
Schauspieler
Therese Dörr wurde 1975 in Westfalen geboren und studierte an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Seit der Spielzeit 2018/19 ist sie fest am Schauspiel Stuttgart engagiert. Gábor Biedermann wurde 1979 in Clermont-Ferrand geboren, wuchs in Wiesbaden und Porto auf und studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Er ist seit der Spielzeit 2019/20 festes Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart.
Stück
Die „Offene Zweierbeziehung“ ist eine gefeierte Tragikomödie des italienischen Autorenduos Dario Fo und Franca Rame aus dem Jahr 1983. Weitere Spieltermine der Inszenierung des Regisseurs Andreas Kriegenburg sind der 22. und der 28. Dezember 2023, der 1., der 20., der 28. und der 31. Januar 2024 sowie der 3. Februar 2024.