Multiperspektivisch und einfach grandios: Die Stuttgarter Staatsoper bespielt das Wizemann mit Monteverdis „L’Orfeo“.
Als die Oper sich erfand, in Mantua, Anno 1607 und mit Claudio Monteverdis „Favola in musica“, genannt „L’Orfeo“, spielte sie nicht in einem Theater, sondern in einer Galleria. Teil eines Herzogspalastes zwar, aber ohne architektonisches Tamtam, wie überhaupt Aufwand klein geschrieben wurde: „Vestire in musica“ war Monteverdis Ziel – Charaktere buchstäblich mit Tönen anzuziehen und Emotionsverläufe harmonisch zu übersetzen. Bühne und Welt waren noch recht nah beieinander.
Anfang im Gläsergeklingel
Marco Stormans stilistisch gewagt-gekonnte „L’Orfeo“-Inszenierung im Stuttgarter Club Wizemann sucht diese Nähe noch einmal, wenn er die fantastische Josefine Feiler als La Musica (später noch als Euridice und Proserpina) inmitten des Gläsergeklingels der Premierenbesucher im Vorhof des Wizemanns auftreten lässt, um „eiserstarrte Sinne zu entfachen“, wie sie singt. Von vorneherein sind bei diesem Parcours, dem letzen der Saison, die etablierten Verhältnisse (Bühne vorne, Musiker im Graben, Publikum davor) aufgehoben. Stormann, in Stuttgart sonst der Mann fürs Monumentale („Nixon in China“, demnächst: „Götterdämmerung“), offenbart seinen feinen Blick fürs Detail, obwohl, oder weil er nicht viel an Dekor braucht. Orpheus’ (Moritz Kallenberg, vokal hoch kultiviert und maximal mitreißend zugleich) Weg von Thrakien in die Unterwelt führt im Wizemann räumlich nach oben. Und auch das Publikum muss sich ständig mitbewegen.
Es steigt von der Konzerthalle (drinnen, dunkel, ein paar Podeste, Laufsteg, Sarg mit Todesblumen) über die Hinterbühne, wo, verborgen von Spiegeln, das Orchester sitzt, zunächst auf die Anladezone. Dort draußen trifft Orpheus auf Charon, eine Etage höher noch, auf dem Parkdeck, auf Pluto (markant im Kontrast der beiden Rollen: Andrew Borgard). Die Transferpassagen werden untermalt von Ausschnitten aus Michel Houellebecqs „Ausweitung der Kampfzone“.
Begleitet von Spiegeln
Die Unterwelt schließlich besteht aus Schuttbergen, wiederum bestückt mit reflektierenden Spiegeln, denen weder Titelfigur noch Publikum auf der Route je entgehen. Orpheus‘ Endstation (der fünfte Akt bleibt ausgespart) liegt neben der Pragstraße, wo die Boxen in den vorbeifahrenden Autos gerade mit Hardcore-Rap den Freitagabend einwummern. Mittlerweile kommt das Orchester über Kopfhörer, die ausgegeben werden, und die Sänger rufen gegen den Wind. Nichts daran wirkt künstlich. Eine der ältesten Geschichten der Welt übersetzt sich Stück für Stück organisch ins Hier und Heute. Ein kleines Wunder? Schon, ja.
Mustergültiges Musizieren
Überraschend sind die Möglichkeiten eines ständigen Perspektivwechsels auf Zuschauerseite. Es macht einen Unterschied, ob man hinter dem Mann oder der Frau steht, während über Leben und Tod verhandelt wird (ausgezeichnet: Pihla Terttunen als Botin/La Speranza). Musikalisch überzeugt das ungeheure Engagement von Erster Violine bis Theorbe und von La Musica bis zum dritten Hirten. Konzentriert, hellwach, aber auch wieder so entspannt, dass selbst in den heikelsten Übertragungsmomenten via Monitor kein Stress aufkommt, hält der der junge Killian Farrell dirigierend die Fäden zusammen. Großer Jubel, kein Wunsch offen, außer: Bei drei Vorstellungen möge es da vielleicht nicht bleiben.
Letzte Aufführung in dieser Spielzeit am Dienstag, 26. Juli. Restkarten.