Pünktlich zur Reisesaison vor Weihnachten erreichen die Spritpreise Hochstände.

Stuttgart - Pünktlich zur Reisesaison vor Weihnachten erreichen die Spritpreise Hochstände. Rund 1,45 Euro kostet der Liter Super derzeit an den Zapfsäulen. Betreiben die Konzerne derzeit wirklich Abzocke auf den Schultern der Autofahrer?

Am Wochenende schlugen die Wellen wieder einmal hoch. Wegen der Jahreshöchststände bei Superbenzin und Diesel, der zuletzt bei etwa 1,30 Euro notierte, sprach der Präsident des Automobil-Clubs Europa (ACE), Wolfgang Rose, in einem Medieninterview von einem Raubzug der Mineralölkonzerne. Ganz so einfach ist es nach Ansicht anderer Experten aber nicht. Einige Fragen und Antworten:

Wer verdient was am Sprit?

Einer der großen Preistreiber an der Zapfsäule ist der Staat. Allein die Mineralöl- und Ökosteuer schlagen mit rund 65,5 Cent je Liter zu Buche. Dazu kommt die 19-prozentige Mehrwertsteuer. Alles in allem sind es beim derzeitigen Preisniveau knapp 90 Cent, die die Staatskasse an jedem getankten Liter mitverdient. Das sogenannte Down-Stream-Geschäft, also der Weg des Benzins von der Raffinerie bis zum Kunden wirkt dagegen ziemlich unattraktiv. Am vergangenen Samstag kostete ein Liter Superbenzin am für Europa entscheidenden Handelsplatz Rotterdam knapp 47 Cent. An der Zapfsäule notierte der Liter mit durchschnittlich knapp 1,45 Euro. Die Steuerbelastung abgerechnet, verblieb ein Betrag von etwa neun Cent je Liter, aus dem die Gesamtkosten abgedeckt werden mussten, also etwa für den Transport, Personal oder den Betrieb der Infrastruktur. Für die Tankstellenbetreiber bleibt da fast nichts mehr übrig. Aktuell rund ein Cent je Liter.

Die Konzerne fahren doch Gewinne ein?

Deutlich mehr Geld wird im sogenannten Upstream-Geschäft verdient, das ist der Weg des Benzins von der Ölquelle bis an die Zapfhähne der Raffinerien. Die Mineralölkonzerne können aus ihren geringen Margen im Endkundengeschäft und ihren höheren Profiten bei der Öl-Exploration eine Mischkalkulation aufstellen, die durchaus lohnt. Die Gewinne der Konzerne beweisen dies. Schwieriger wird es da für die freien Tankstellen in Deutschland, die ausschließlich auf die Litererlöse an den Zapfsäulen und das Zusatzgeschäft in den Shops angewiesen sind. Dieses macht rund die Hälfte des Betriebsgewinns der Pächter aus.

Was treibt gerade die Spritpreise?

Rohöl- und Spritpreise entwickeln sich meist im Gleichklang. Ist Öl teuer, ist es normalerweise Sprit auch und andersherum. Im Moment gibt speziell der Rohölpreis den Experten Rätsel auf. Vielen erscheint er mit zuletzt über 90 Dollar je Barrel (159 Liter) zu teuer. Mit den meisten Fundamentaldaten, also etwa den Lagerbeständen oder der Förderquote der Opec, sei er nicht vollständig zu erklären. Nach Angaben von Thorsten Proettel, Rohstoffanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), sind die Öllager so voll wie noch nie. Allein die USA bunkern 360Millionen Barrel. "Normalerweise müssten diese riesigen Vorräte preisdämpfend wirken", sagt Proettel. Auch das Opec-Kartell hat den Ölhahn wieder geöffnet und übererfüllt nach Angaben von Heino Elfert vom Hamburger Energie-Informationsdienst (EID) die Förderquoten.

Was ist mit China und der Spekulation?

Besonders China, das mit hohen Wachstumsraten glänzt, hat Hunger auf Öl. Beim Mineralölwirtschaftsverband (MWV) hält man die Chinanachfrage für das entscheidende Argument, bei der aktuellen Preisrallye. Der brummende Konjunkturmotor in Fernost weckt dabei auch die Fantasie der Finanzmärkte. "Öl wird immer mehr zum Anlageprodukt", sagt Karin Retzlaff vom MWV. Anders ausgedrückt: Fonds investieren fleißig in ölbasierte Finanzprodukte. Ihre Hoffnung ist, dass speziell die Chinanachfrage das Angebot auf Dauer verknappen und die Preise damit in die Höhe ziehen wird. Über den Einfluss dieser Spekulation gehen die Meinungen aber auseinander. Während Öl-Experte Elfert ihn für einen der Hauptgründe der Preisrallye hält, schätzt ihn LBBW-Analyst Proettel als "relativ gering" ein.

Welche Rolle spielt der schwache Euro?

Proettel dagegen hält den kriselnden Euro für einen der Hauptgründe der Höchstpreise. Das Argument hierbei: Weil wir immer mehr Euro für den Kauf eines Dollar aufwenden müssen, steigt in Europa - relativ gesehen - auch der Preis von Rohöl, das in Dollar abgerechnet wird. Die Euro-Preise für Sprit an der Zapfsäule gehen also nach oben.

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