Beim VfB Stuttgart wird über eine personelle Verstärkung in der sportlichen Führung diskutiert. Das könnte sich für Sportdirektor Sven Mislintat auswirken. Wir beleuchten die Hintergründe.
Das Hochgefühl der Rettung wirkt beim VfB Stuttgart auch Tage nach dem Wahnsinnserlebnis nach. Die Bilder von den glückstrunkenen Fans auf dem Rasen wollen einfach nicht aus den Köpfen der Spieler und Clubverantwortlichen verschwinden. Sie sind wohl auf ewig darin verankert. Und die Worte vieler Anhänger hallen nach dem dramatischen Saisonfinale ebenso nach. Jedenfalls bei Sven Mislintat. Der Sportdirektor war in das Freudenmeer nach dem 2:1-Sieg gegen den 1. FC Köln eingetaucht. Was er auf dem mit Fans gefluteten Rasen zu hören bekam, bedeute ihm viel, sagte Mislintat hinterher.
Man kann nur vermuten, dass dem Sportchef nach dem Verbleib in der Fußball-Bundesliga viel an Wertschätzung und Lob entgegengebracht wurde. Das hat den Westfalen in seiner Überzeugung bestätigt, für den schwäbischen Traditionsverein arbeiten zu wollen. Mislintat ist dabei in den vergangenen Monaten zum Gesicht und zur Stimme des VfB geworden. Er ist derjenige, der die Mannschaft zusammengestellt und mit dem Trainer Pellegrino Matarazzo erfolgreich durch die Irrungen und Wirrungen des Abstiegskampf gebracht hat.
Kommt ein Sportvorstand von außen?
So weit, so gut. Doch intern formiert sich eine Gruppe, die den Sportdirektor in seinen Befugnissen beschneiden will. Eine zu starke Position in sportlichen Belangen habe Mislintat, von Allmacht ist gar die Rede. Dabei versteht sich der 49-Jährige als Teamplayer. Es ist allerdings ein kleiner Zirkel, der da im Clubhaus mit dem roten Dach um ihn herum zusammensteht. Nach dem Ausscheiden von Thomas Hitzlsperger als Vorstandsboss sind das außer Coach Matarazzo noch der Sportmanager Markus Rüdt und der Nachwuchschef Thomas Krücken.
Für diese Konstellation auf der Direktorenebene mit Rüdt und Krücken hat sich Mislintat stets eingesetzt. Doch in den nächsten zwei Tagen steht die Saisonanalyse an, und danach wird über die künftige personelle Aufstellung gesprochen. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Frage: Wird ein neuer Sportvorstand installiert? Bislang ist das Kernressort beim seit März fungierenden Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle angesiedelt.
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Doch eine Veränderung bahnt sich an. Der VfB will sich offenbar im Bereich der Kaderpolitik breiter aufstellen, sich mehr Kompetenz in der Beurteilung von Spielern in die Führungsetage holen. Bislang war dies Mislintats Haupttätigkeit. Er ist der Kaderplaner und Transferexperte. Auf seiner Expertise bei Spielern sowie auf dem Zustimmungsrecht in der Trainerpersonalie basiert seine starke Position im Club. Ein im Organigramm über ihm stehender Kopf könnte der Sportdirektor demnach als Kontrollinstanz oder gar Entmachtung empfinden.
Wer Mislintat jedoch kennt und erlebt, weiß zweierlei. Erstens: Er will seinen bis 2023 datierten Vertrag erfüllen. Zu sehr liegt ihm der VfB am Herzen. Zweitens: Er schert sich weniger um Hierarchien, er kümmert sich vielmehr um Inhalte. Schon vor Monaten hatte er betont, dass er einen Sportvorstand nicht grundsätzlich ablehnt. Er selber strebt nur nach wie vor keine Beförderung an. Für ihn lautet die Frage daher, welchen Mehrwert derjenige für den VfB mitbringt. Matthias Sammer als Figur und Strategen hatte er selbst vorgeschlagen.
Welchen Kandidaten gibt es?
Und jetzt? Jochen Sauer präsentierte sich bereits vor Kurzem, als der Aufsichtsrat auf der Suche nach Bewerbern für die vakanten Vorstandsposten war. Der Campusleiter des FC Bayern München genießt einen guten Ruf in der Branche, ist von Haus aus aber Jurist und womöglich nicht derjenige, der über die Besetzung der Rechtsverteidigerposition mit Mislintat diskutieren kann.
Joti Chatzialexiou war ebenfalls schon im Gespräch. Der Sportliche Leiter des Deutschen Fußball-Bundes arbeitet konzeptionell und kennt sich im Nachwuchsbereich aus. Im Bundesligageschäft weist er keine Erfahrung aus. Jochen Schneider, ein alter Bekannter an der Mercedesstraße, ist seit dem Rauswurf bei Schalke 04 verfügbar, gilt aber wie Sauer als ein Mann des Administrativen.
Eine Entscheidung, in welcher Konstellation es beim VfB weitergeht, ist aber noch nicht gefallen – und somit ist auch nicht klar, wer die Stuttgarter Führung verstärkt. Das alles soll sich in den nächsten Wochen herauskristallisieren. Denn Wehrle will erst mit Mislintat sowie Rüdt und Krücken ausführlich reden. Danach werden die Vorstellungen übereinandergelegt – und im Idealfall passen sie.
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Wenn nicht, wird die Suche nach Lösungen schwierig. Zumal sich der Sportdirektor stets schützend vor den Trainer gestellt hat. Sie eine Schicksalsgemeinschaft zu nennen, ginge zwar zu weit – aber eng verbunden sind Mislintat und Matarazzo schon. Sie sollen es bleiben. Wehrle schätzt die Arbeit des Duos. Dennoch könnte es schnell Tendenzen geben, M&M auseinanderzureißen. Interne wie aufgeführt. Externe, da Matarazzo auch bei anderen Clubs Wertschätzung genießt. Zum Beispiel bei seinem Ex-Verein TSG Hoffenheim, der sich am Dienstag von Sebastian Hoeneß getrennt hat. Für den VfB ist ein vorzeitiger Weggang allerdings kein Thema.