Klettern als Lebensgefühl: Moritz Hans aus Stuttgart Foto: Privat/StN

Deutschlands bester Junioren-Kletterer, Moritz Hans aus Stuttgart, verpasst schon zum zweiten Mal den Start bei den Adidas-Rockstars – und damit die Krönung eines grandiosen Jahres.

Stuttgart - Wie gerne würde Moritz Hans im DAV-Kletterzentrum auf der Waldau oben an der Wand hängen, um sie mit seinen Fingerspitzen zu erobern. Sehnsüchtig wandert sein Blick nach oben, er sieht die Griffe und einen Tritt und die für ihn perfekte Route. Normalweise hätte er jetzt noch einmal intensiv trainiert, um in Form zu sein, hätte den ersten Griff umfasst, beide Füße an die Wand gesetzt, mit einer Drehbewegung des Körpers Schwung geholt, um sich scheinbar mühelos zum nächsten Griff zu hangeln, während sein Körper für Sekundenbruchteile spinnenartig zu schweben scheint.

Doch das ist für den 19-Jährigen aus Stuttgart-Möhringen im Moment reine Theorie. Statt der Startgriffe umklammern seine Hände zwei Krücken. „Irgendwie ist es wie verhext, im vergangenen Jahr war ich krank, jetzt hab’ ich mir beim Deutschlandcup in München das Außenband gerissen“, sagt Moritz Hans. Und so wird es wieder nichts für ihn mit einem Start bei den Adidas-Rockstars an diesem Freitag und Samstag in der Stuttgarter Porsche-Arena, einem Einladungswettbewerb für die besten Boulderer der Welt. Hier hätte er sich gerne mit Jan Hoyer, seinem Vorbild und dem derzeit besten deutschen Boulderer, gemessen.

Es wäre die Krönung eines hinreißenden Jahres für den 19-Jährigen gewesen. Hans wurde Vizeweltmeister im italienischen Arco in der Disziplin Over all, die aus Lead (Sportklettern mit Seil), Speed (die Geschwindigkeit entscheidet über den Sieg) und Bouldern (Klettern über der Weichbodenmatte) besteht. Im Frühsommer holte er sich mit der maximalen Punktzahl den deutschen Meistertitel Bouldern bei den Junioren, er gewann auch den Europacup in Längenfeld und bei der Jugend-EM in L’Argentiere auch die Europacup-Gesamtwertung im Bouldern. Und dann kletterte er auch noch die 8b-Route The Riverbed im schweizerischen Magic Wood in Val Ferrara.

Mit einer Größe von 1,80 Metern bringt Moritz Hans die optimalen Hebelvoraussetzungen mit.

„Es war ein absolut grandioses Jahr für Moritz, weil er ein perfekter Allrounder ist“, sagt Hallenbetreiber und Trainer Georg Hoffmann. Es zeichne ihn aus, dass er an der Wand keine Schwäche habe. „Er kann hohe Belastungen aushalten, deshalb traue ich ihm den Sprung zu den Profis zu“, sagt der Coach. Und mit einer Größe von 1,80 Metern bringt Moritz Hans auch die optimalen Hebelvoraussetzungen mit. Hoffmann hebt aber nicht nur die sportlichen Vorzüge seines Schützlings hervor. Positiv sei er. Immer ­bescheiden. „Und er kommt überall gut an“, sagt Hoffmann.

So ist es auch kein Wunder, dass sich Moritz Hans an der Wand mit den Kollegen duelliert und am Tag darauf mit ihnen in den Urlaub fährt.

Bouldern, das ist für ihn nicht nur ein Sport, sondern auch ein Lebensgefühl. Bouldern, das ist Klettern in Absprunghöhe. Matten auf dem Boden schützen den Kletterer, Haken und Seil braucht Moritz Hans nicht. Mit sechs Jahren hat er angefangen und schnell gemerkt, dass das sein Ding werden kann. Ihn faszinieren bei seinem Sport die kraftraubenden Bewegungen, die Körperbeherrschung, wenn alles im Fluss scheint, und die Abwechslung.

Bei einem Wettkampf bleiben ihm oft nur zwei Minuten, um die Route zu verstehen, die Punkte zu finden, wo man kurz die Hände ausschütteln kann. Die Finger werden am meisten strapaziert. Als Moritz nach einem Wettkampf von Kanada in die USA einreisen wollte, war kein richtiger Fingerabdruck mehr möglich. Die Grenzbeamten zeigten sich jedoch gnädig.

Um die Maximalkraft zu erreichen, trainiert er viel am Campusboard, einer überhängenden Holzkonstruktion, an der man Fingerkraft und Klimmzüge kombiniert trainieren kann. Jetzt muss er rund vier Wochen pausieren. Dann will er entscheiden, wie es weitergeht. Die Schule hat er abgeschlossen. Zum einen hätte er Lust auf eine Weltreise, auf der er seine Leidenschaften Klettern, Surfen und Skifahren ausleben kann. Ihm liegt aber auch ein Angebot der Bundeswehr vor, die ihm für zehn Jahre einen Platz in der Sportfördergruppe bieten kann. Ein Kletterer im Zwiespalt. Sagt er der Bundeswehr ab, wird es schwierig, wieder derart gute Ergebnisse zu liefern, um aufgenommen zu werden. „Wahrscheinlich werde ich dem Kopf folgen und mich dafür entscheiden“, sagt Moritz Hans. Ihn treibt nämlich auch noch die Hoffnung an, dass Bouldern irgendwann als neue olympische Sportart aufgenommen wird.

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