Die Mitglieder des französischen Spogomi-Teams mit ihren gesammelten Müllbeuteln. Foto: AFP/Richard A. Brooks

In Japan wurde vor 15 Jahren die Sportart Spogomi erfunden – das Müllsammeln um die Wette. Am Mittwoch fand in Tokio erstmals eine Weltmeisterschaft statt.

Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man denken können, in Tokio finden schon wieder Olympische Spiele statt. Denn am Mittwoch drehten sich nicht nur die Sportnachrichten um ein Event: „21 Länder kommen nach Tokio“, schwärmte der Sender KSB in Vorfreude. Die führende Zeitung „Asahi Shimbun“ fragte, um dies dann selbst zu beantworten: „Woher kommen all die Nationalmannschaften im Spogomi?“ Auch ausländische Medien hatten schon Tage und Wochen vorher darüber berichtet.

 

Im Zentrum von Tokio, der größten Metropole der Welt, stieg am Mittwoch die erste Weltmeisterschaft im Spogomi. So heißt eine noch junge Sportart, die sich aus den Worten Sport und „gomi“ (Japanisch für Müll) zusammensetzt und die man sinngemäß mit Wettmüllsammeln übersetzen könnte: Darin treten Dreierteams gegeneinander an, um in begrenzter Zeit möglichst viel Weggeworfenes zu finden und zu trennen. Durch ein nach Abfalltypen aufgeteiltes Punktesystem wird am Ende entschieden, wer gewonnen hat.

An Schulen wird Spogomi als Nachmittagsaktivität gepusht

In Japan ist diese Sportart fast schon zu einer Massenbewegung geworden. Laut der Nippon Foundation, der größten Stiftung des Landes, die die Sportart seit 2019 offiziell promotet, haben sich schon 150 000 Personen daran versucht. Vor allem an Schulen wird Spogomi als Nachmittagsaktivität gepusht. Seit das Ganze Anfang des Jahres auch außerhalb Japans zu einem Medienphänomen wurde, haben sich Müllsammler aus anderen Ländern angeschlossen. Von Australien über die Philippinen bis Marokko, Deutschland und die USA war bei der Spogomi-WM nun jeder Kontinent vertreten.

„Der Grundgedanke dabei ist natürlich, dass wir den Planeten sauberer machen wollen“, erklärt Kenichi Mamitsuka, der den Sport vor 15 Jahren beim Joggen erfand. „Auf meiner regelmäßigen Laufstrecke sah ich immer wieder Müll herumliegen“, erinnert sich der 56-jährige Eventmanager. „Irgendwann begann ich, ihn aufzuheben, aber wollte dafür nicht stehen bleiben.“ Mamitsuka machte ein Spiel draus, dachte sich Regeln aus. Später lud er Bekannte ein mitzumachen. Schließlich stellte er Kontakt zu Schulen her, die das Spiel förderten. „Dass es jetzt eine WM darin gibt, ist wie ein Traum“, sagt Mamitsuka. Er ist erstaunt, wie das Ganze auch längst mehrere Kriterien eines Sports erfüllt. „Es haben sich sogar unterschiedliche Spielansätze herauskristallisiert.“

Auch ein deutsches Team ist mit dabei

Im Teilnehmerfeld wird das bestätigt. So berichtet Meike Lukat aus dem rheinischen Haan, die mit ihrer zwölfjährigen Tochter Finja und ihrer Freundin Charlotte Schmitz als deutsches Team dabei war: „Wir sind auf Masse gegangen.“ Andere Truppen konzentrieren sich dagegen auf kleinteiligen Abfall wie Zigarettenstummel, die weniger wiegen, aber mehr Punkte bringen.

Das Ganze ist kein Spaß. Die Nationalmannschaften, die am Mittwochnachmittag eilig das hippe Viertel Shibuya durchkämmten, hatten bereits daheim nationale Ausscheidungsturniere durchlaufen. Tauqueer Malik etwa, der Teamleiter der pakistanischen Mannschaft, zeigt auf seinem Handy den PR-Film eines Großevents in der Hauptstadt Lahore, wo die Champions am Ende vor Fans und unter Konfettiregen jubelten. „In unserem Land haben wir ein sehr großes Problem mit Müll, nicht nur, aber auch auf der Straße“, erklärt Malik, der für den pakistanischen Logistikkonzern Bin Qutab International arbeitet.

Dessen Chef hatte in der Zeitung von der Spogomi-WM gelesen, woraufhin er Malik die Anweisung gab, ein Turnier dafür in Pakistan zu organisieren. „Für uns kann so ein Event in riesigem Ausmaß Bewusstsein für Umweltverschmutzung fördern“, glaubt Malik. „Wir sind eine junge Bevölkerung. Je mehr Spaß es macht, Ortschaften sauber zu machen, desto vielversprechender.“

Weltmeister im Müllsammeln ist Großbritannien

Ähnliche Geschichten waren dieser Tage von Teams anderer Länder zu hören. Dabei ist es kein Zufall, dass Spogomi gerade aus Japan kommt. Das ostasiatische Land hat eine stolze Geschichte im Erfinden von Sportarten, auch zu sozialen Zwecken: Nach dem Zweiten Weltkrieg erfand das Wirtschaftsministerium den Bahnradsport Keirin, um mit daraus resultierenden Wetteinnahmen Geld für den Bau von Schulen und Spitälern einzunehmen. Auch Judo ist so ein Beispiel für eine eher junge Sportart, die sich aus anderen Kampfarten zusammensetzt und pädagogische Werte verfolgt. Außerdem ist Japan für seinen Fokus auf Sauberkeit und Ordnung bekannt.

Das könnte bei der Spogomi-WM ein Vorteil für die Heimmannschaft gewesen sein. Allerdings erreichte das japanische Team nur den zweiten Platz, Weltmeister im Müllsammeln ist jetzt Großbritannien. Wann die nächste WM stattfindet, ist noch nicht klar. „Wir hoffen natürlich, dass es etwas Regelmäßiges wird“, sagte Takayasu Udagawa von der Nippon Foundation, die das Großevent finanziert hat. Es dürfte also nicht die letzte Spogomi-WM gewesen sein.

Auf Japanisch ist schön = sauber

Shinto
 Japaner sind für Sauberkeit und Ordnung bekannt. Japans Urreligion Shinto legt großen Wert auf Reinlichkeit. „Kirei“, ein japanisches Wort für schön, bedeutet zugleich auch sauber.

Sportevents
Bei internationalen Sportevents fallen japanische Fans regelmäßig auch dadurch auf, dass sie nach dem Spiel im Stadion aufräumen. Wenn Touristen nach Japan kommen, wundern sie sich fast immer darüber, wie sauber die Orte sind.