Noemi Christoph ist hauptberuflich Tarotkartenlegerin – und liegt damit im Trend. Foto: PR/privat

Noemi Christoph ist Coachin für radikale Selbstliebe und venusische Astrologin. Die 39-Jährige hat sich auf Tarotkartenlegen spezialisiert – und trifft damit einen Nerv. Warum ist die Nachfrage nach Astrologie und spiritueller Unterstützung so groß derzeit?

Tarotkartenlegen – das klingt nach kleinem Jahrmarktzelt, in dem eine alte, verhutzelte Frau sitzt, die einem in der Zukunft einen guten Ehemann, Reichtum und viele gesunde Kinder verspricht. Solche Klischees kann Noemi Christoph durchaus mit Humor nehmen. Vermutlich sei man als im Tierkreiszeichen Steinbock Geborene nicht sonderlich empfänglich für Astrologie, sagt sie dazu im Gespräch. Steinböcke seien ja sehr bodenständig und nüchtern. „Aber ich bin keine Wahrsagerin. Ich schaue nicht in die Zukunft mit meinen Kunden“, sagt die 39-Jährige aus Karlsruhe.

 

Als Wahrsagerin fühlt sie sich definitiv nicht

Noemi Christoph bezeichnet sich als Tarotreaderin, Coachin für radikale Selbstliebe und venusische Astrologin. Über 8000 Follower hat sie auf Instagram, wo sie regelmäßig astrologische Tipps gibt. Sie nehme ihren Job sehr ernst. Er bringe eine „Riesenverantwortung“ mit sich. Denn ihr sei es wichtig, dass ihre Klienten nicht verunsichert werden. „Ich schaue und achte immer, wie mein Gegenüber reagiert.“

Aber wie kommt man darauf, selbstständige Tarotkartenlegerin und Astrologin zu werden? „Ich war irgendwie schon immer Beraterin für andere, für meine Freundinnen, in der Schule oder später als Stadträtin“, sagt Christoph. Ihre erste Ausbildung hatte wenig mit Astrologie zu tun. Sie hat Kunstgeschichte studiert, einen Master in technischer Redaktion absolviert, hat dann als Software-Consultant gearbeitet.

Völlig unspirituell also. Es sind eigene psychische Probleme, die sie zu ihrer heutigen Tätigkeit und zur Spiritualität geführt haben. Sie litt unter einer Ess- und Körperbildstörung und war dadurch gezwungen, sich intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. „Ich habe bei mir selbst viel geheilt“, sagt sie. Ihr eigenes Wissen wolle sie nun an andere weitergeben.

Als sie beruflich in einer Sackgasse steckt, wagt sie 2018 den Sprung und kündigt bei ihrer Firma. Ein Jahr ist sie arbeitslos, macht in der Zeit eine Online-Coachingausbildung und eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Seit mehreren Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Tarotkarten, das meiste bringt sie sich selbst bei, schreibt erst für Onlineblogs und später das Buch „Tarot für Dich: Selfcare und Empowerment mit den ‚magischen‘ Karten“. Irgendwann dachte sie: „Ich kann das jetzt so gut, ich lege nun auch für andere die Karten.“

Viele machen die Tarotkarten glücklich

Für eine Stunde verlangt sie 120 Euro. Den Preis rechtfertigt sie damit, dass sie als Selbstständige ja für alles zuständig sei: Marketing, Abrechnung, Steuern und Organisation. „Ich kann nicht acht Stunden am Tag Tarotsessions machen“, sagt sie und ergänzt: „Es kostet viel Geld, aber macht die Leute happy.“

78 Karten hat ein Tarotset, die Karten haben alle eine unterschiedliche Bedeutung. Aber man finde sich in den Karten immer wieder, sagt Noemi Christoph. Man könnte jetzt einwenden, in so eine Karte lässt sich viel hineininterpretieren und man findet immer etwas, was gerade auf die Situation der anderen Person passt. Alles Zufall also? „Selbst wenn man denkt, dass ist alles Zufall, kann man mit einer Tarotkarte arbeiten wie mit einem Coachingtool“, findet Christoph. Ein Werkzeug der Selbstreflexion, so sieht sie es.

Die meisten Kunden sind Frauen

Sie sagt, 99,9 Prozent ihrer Kunden sind Frauen. Ihre Themen: der Job und natürlich die Liebe. „Ich rede wahnsinnig gerne über die Liebe mit den Leuten, die zu mir kommen“, sagt sie. Aber wild spekulieren wolle sie nicht. Dafür seien die meisten ihrer Kundinnen auch zu bodenständig. Die meisten seien akademisch gebildet und hätten einen Beruf im sozialen Bereich. „Das sind ganz normale Menschen“, sagt sie und lacht.

Aber natürlich kommen da auch mal Fragen wie: „Finde ich nächstes Jahr endlich einen Partner?“ In die Zukunft blicken könne sie aber wirklich nicht, betont Christoph noch einmal. Deshalb lenke sie solche Fragen um: „Was kannst du tun, um nächstes Jahr eine neue Beziehung einzugehen?“ Es sei ihr wichtig, ihre Kundinnen dabei zu unterstützen, mehr in die Selbstwirksamkeit zu gehen und ihr Leben nicht dem Schicksal zu überlassen.

Als Noemi Christoph vor einigen Jahren in diesen Bereich eingestiegen ist, war sie eine von wenigen, die das angeboten haben. Inzwischen finden sich in sozialen Netzwerken wie Instagram Hunderte Anbieter von „Astrologie und Coaching“, psychologische Astrologie und irgendetwas mit Mindset und Bewusstsein. Längst ist die Astrologie ein neues Coaching-Geschäftsmodell geworden, da immer mehr Menschen damit Antworten suchen auf ihre ganz weltlichen Probleme. Auf Instagram hat der Hashtag Astrologie über zwei Millionen Aufrufe, auf Tiktok einige Milliarden.

Während früher Astrologie und Horoskope ein Metier von Frauenzeitschriften waren, finden diese Themen heute eine breite Anhängerschaft. Vor allem in der Liebe glauben viele an die Macht der Sternzeichen. Auf Dating-Apps wie Tinder oder Bumble kann man jetzt neben Hobbys auch sein Sternzeichen eintragen.

Astrologie gilt als Pseudowissenschaft, aber gibt vielen Halt

Der Markt für diesen Bereich boomt seit Jahren. Astrologie gilt aber als Pseudowissenschaft, einen wissenschaftlichen Beleg für die Verbindung der eigenen Persönlichkeit mit dem Sternzeichen gibt es bisher nicht.

Der Biologe Bernd Reuter von der Universität Gießen und seine Kollegen Peter Hartmann und Helmuth Nyborg von der Universität Aarhus in Dänemark hatten die Persönlichkeits- und Intelligenzdaten von 4321 Vietnamveteranen und die Intelligenzwerte von 11 448 US-Jugendlichen im Hinblick auf das Geburtsdatum und andere Faktoren ausgewertet. In keinem der Vergleiche hat sich ein nennenswerter Zusammenhang mit dem Sternzeichen gezeigt, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift „Personality and Individual Differences“.

Laut einer Onlineumfrage von Statista in Zusammenarbeit mit Yougov von 2021 sehen dennoch 24 Prozent der weiblichen Befragten einen großen Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Sternzeichen und der Persönlichkeit eines Menschen. Rund 41 Prozent der befragten Frauen glauben immerhin an einen kleinen Zusammenhang, 30 Prozent an gar keinen. Bei den befragten Männern sehen nur elf Prozent einen großen Zusammenhang, etwa 40 Prozent einen kleinen, während 55 Prozent an keine Verbindung glauben.

Die Arbeit am eigenen Ich ist für viele der Mittelpunkt ihres Daseins geworden, über Astrologie und Sternzeichen finden viele Orientierung und Halt in einer Welt, die ihnen immer komplexer und unberechenbarer erscheint. Der Deutschlandfunk nannte den Hype darum kürzlich „Opium für Millennials“. Auch berühmte Persönlichkeiten wie Influencerin, Moderatorin und Model Palina Rojinski (38) sind auf den Zug aufgesprungen. Rund 25 000 Menschen folgen ihrer Instagramseite Astrolinksi.

Vor allem in Zeiten politischer Instabilität nimmt das Interesse zu

New-Age-Spiritualität nennt sich die Bewegung und ist eine Art Reaktion auf die Ängste der Menschen in für sie als unsicher empfundenen Zeiten. Forscher bezeichnen es als ein Nebenprodukt des Selbstfürsorge- und Wellnessbooms, vor allem in politischen Krisenzeiten nimmt das Interesse an diesen Themen zu. Aber warum glauben viele Menschen an Horoskope, die Magie von Tarotkarten und Astrologie, obwohl es keinerlei wissenschaftliche Evidenz dafür gibt? „Weil die Menschen an viele Dinge glauben, für die es keine wissenschaftlichen Beweise gibt“, sagt die Religionsanthropologin Susannah Crockford von der britischen Universität Exeter. „Die Menschen glauben, dass ihre Lieblingsfußballmannschaft die Meisterschaft gewinnen wird oder dass ihr Partner sie für immer lieben wird – aber es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass so etwas passieren wird.“

Aus ihrer Sicht glauben Menschen an Dinge, die ihnen Hoffnung für die Zukunft geben oder die Gegenwart erklärbarer erscheinen lässt. „Und die Astrologie hilft, diese Interessen zu erfüllen.“

Als neuen Trend oder Hype möchte sie es gar nicht bezeichnen. Junge Menschen interessierten sich mehr für Astrologie, weil sie über die sozialen Medien und Apps darauf aufmerksam werden. Astrologie sei schon über Tausende Jahre alt, sagt Crockford. Und für bedenklich hält sie das verstärkte Interesse daran keineswegs. Menschen könnten sich für Astrologie interessieren und gleichzeitig die „Akzeptanz der Mainstream-Wissenschaft bewahren“. Und: „Derzeit gibt es weitaus größere Bedrohungen für die wissenschaftliche Autorität auf der Welt als die Astrologie.“

Manche interessierten sich einfach dafür, andere nutzten es als Erklärungsmodell, warum Dinge in ihrem Leben passieren, warum sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten oder sie sich zu bestimmten Menschen hingezogen fühlen. „Diese Art der Suche nach Sinn ist in religiösen Praktiken und Traditionen weit verbreitet und kann positiv oder negativ sein, es hängt wirklich davon ab, was die Menschen mit der Astrologie machen“, sagt Crockford.

Es sei etwas zutiefst Menschliches, sich auf die Suche nach Antworten zu begeben, findet auch Noemie Christoph. Viele Menschen suchten auch eine Art „Führung“ in ihrem Leben. „Aber das ist nicht die Aufgabe von Tarot oder Spiritualität“, betont sie. Sie kritisiert, dass in der „Blase“ auch viel Unseriöses betrieben werde, es immer mehr sogenannte Gurus gebe, denen Menschen blind folgten. „Bei vielen herrscht eine große Unsicherheit, aber dafür sollte man Tarot wirklich nicht nutzen“, sagt Christoph.

Sie selbst vertraue letztlich mehr ihrer eigenen Intuition. Man könne aus Astrologie nicht für alles Schlüsse ziehen, auch nicht alles damit erklären. „Für mich gibt es immer Raum dafür, dass etwas anderes wahr ist als Astrologie“, betont sie.