Schon Oliver Bierhof forderte von den deutschen Kickern mehr „Bolzplatzmentalität“. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Nationalspieler mit Stuttgarter Vergangenheit wie Antonio Rüdiger oder Serge Gnabry betonen immer wieder, wie wichtig die Bolzplätze in der heutigen Zeit sind. Straßenfußballer sind gefragt. Wichtig ist aber auch, dass sich Kinder und Jugendliche grundsätzlich öfter bewegen, statt an der Spielekonsole zu kleben.

Ist Fußball die schönste Nebensache der Welt? Darüber lässt sich sicher streiten. Aber dass die Sportart in Deutschland auf der Beliebtheitsskala ganz oben rangiert, ist statistisch belegt. Laut der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse (AWA) gaben in diesem Jahr etwa 29 Prozent der befragten Deutschen an, sich ganz besonders für Fußball zu interessieren. Das ist Platz 1.

 

Und auch die Zahlen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sprechen eine deutliche Sprache. Im Jahr 2023 sind in der Bundesrepublik knapp 7,4 Millionen Menschen in mehr als 24 000 Fußballvereinen aktiv. Doch die Stimmung in Fußball-Deutschland war schon einmal besser. Nationaltrainer Hansi Flick musste seinen Platz räumen, nachdem die Ergebnisse über einen langen Zeitraum nicht stimmten. Nach dem 1:4-Debakel gegen Japan war für ihn Schluss. Danach blickte unter anderem der frühere Europameister Matthias Sammer mit großer Sorge auf die Entwicklung des deutschen Fußballs. In seinen Augen stecke dieser „in der größten Krise, seit ich denken kann. Wir sind maximal Weltmeister und Europameister im Ausredensuchen und darin, Erklärungen zu finden, warum es nicht funktioniert.“ Nach dem 2:1-Prestigeerfolg gegen Frankreich sieht die Welt zwar schon etwas besser aus, doch weiterhin machen sich viele Menschen Sorgen um die Zukunft des deutschen Fußballs.

Der Bolzplatz hat seine eigenen Gesetze

Schon 2019 legte der damalige DFB-Direktor Oliver Bierhoff den Finger in die Wunde und sah Nachholbedarf bei den „deutschen Tugenden“. Er forderte eine gewisse „Bolzplatzmentalität“. Aber was soll das heißen? „Der Bolzplatz ist ein Ort ungeschriebener Gesetze“, heißt es auf der Internetseite des DFB. Es gehe zwar vornehmlich um die Freude am Kicken, dennoch seien jederzeit Spielprinzipien präsent, die auch für die fußballerische Entwicklung junger Talente große Potenziale besäßen. „So ist der permanente Wettspielgedanke (gewinnen und verlieren) zu nennen, der eine hohe Intensität garantiert und die Zielstrebigkeit des Einzelnen oder des Teams erhöht. Ohne die Hinweise eines Trainers müssen sich die Talente im Spiel eigene Lösungswege erschließen und können dabei viel Kreativität entwickeln.“ Gleichzeitig seien die Bolzplatzspiele auch vorwiegend an eine Torschuss-Aktion gekoppelt. Es gelte, entschlossen Richtung Tor zu spielen und mutig abzuschließen. „Getreu dem Motto ,jede/r greift an, jede/r verteidigt‘, ergeben sich somit viele verschiedene Aufgaben und Möglichkeiten für alle Talente.“ Oder wie es der gebürtige Stuttgarter und Nationalspieler Serge Gnabry formuliert: „Bolzplätze sind sehr wichtig, um den Kids die Möglichkeit zu geben, rauszukommen und zu zocken.“ Diese „Zocker“-Mentalität helfe auch später, sich durchzubeißen und weiter an der Technik zu feilen.

Viele Anlagen sind in die Jahre gekommen

Dass eine gute Bolzplatz-Infrastruktur den deutschen Fußball wieder auf ein anderes Niveau hieven kann, wäre sicherlich zu kurz gegriffen. In der Stuttgarter Stadtverwaltung gibt es aber viele weitere Argumente, warum man in der Landeshauptstadt auf Bolzplätze nicht verzichten möchte: „Insgesamt tragen sie dazu bei, eine aktive, gesunde und inklusive Gesellschaft zu fördern, in der Menschen unkompliziert und niederschwellig miteinander in Kontakt treten, Bewegung genießen und soziale Verbindungen aufbauen können. Besonders in städtischen Gebieten wie Stuttgart spielen Bolzplätze eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Raum für Sport, Spiel und sozialer Interaktion“, sagt Stadtsprecherin Jacqueline Albinus. Leider seien aber viele Anlagen in die Jahre gekommen, „der Bodenbelag – oft ein Kunststoffboden, aber auch Tenne oder Beton – ist in vielen Fällen abgespielt und Tore oder Basketballkörbe sind beschädigt“.

Wie viel Geld notwendig wäre, um die dringlichsten Sanierungen durchzuführen, konnte oder wollte die Stadtverwaltung unserer Zeitung in den vergangenen mehr als vier Wochen nicht mitteilen – trotz wiederholter Nachfrage. Auch die Antwort nach der Anzahl der Bolzplätze in Stuttgart blieb die Stadtverwaltung schuldig. Im Jahr 2015 waren es insgesamt 129 Bolzplätze. Das schrieb zumindest der damalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn in einer Stellungnahme.

Umfangreich saniert und dann für acht Monate geschlossen

Beim Blick in die Archive tauchen in den vergangenen Jahren beim Thema Bolzplätze auch immer wieder Probleme mit den Anwohnern auf. Das Gekicke sei zu laut, hieß es mancherorts. Zum Beispiel an der Fleiner Straße im Zuffenhäuser Stadtteil Rot. Der frühere VfB-Star Hansi Müller hatte dort in der Kindheit seine ersten Tore geschossen. Er war auch 2004 vor Ort, als der Platz nach umfangreicher 200 000-Euro-Sanierung feierlich wiedereröffnet wurde. Müller übernahm sogar die Patenschaft für den Platz, der zunächst rege genutzt wurde – bis sich eben einzelne Anwohner über den Lärm beschwerten. Ein Lärmgutachten musste her und bestätigte schließlich die Eindrücke der Anwohner: Es ist zu laut. Die Stadt wusste sich nicht anders zu helfen, als das eingezäunte Fußballfeld komplett zu schließen – für acht Monate.

Danach sah der Kompromiss vor, dass von Montag bis Samstag jeweils drei Stunden gekickt werden darf. Anders sei es rechtlich nicht möglich, sagte die Stadtverwaltung damals. Das Problem: die Richtwerte des Bundesimmissionsschutzgesetzes. „Wir streben bundesweit eine bessere Regelung für solche Plätze im unmittelbaren Wohnumfeld an“, sagte der damalige Baubürgermeister Matthias Hahn. Doch auch heute kämpft die Stadt noch um bessere Rahmenbedingungen. Es gebe in der Stadt viele Bolzplätze mit begrenzten Öffnungszeiten und es koste „erhebliche Summen“, um die Schließdienste zu finanzieren, sagte Martin Holch vom Stadtplanungsamt 2019, als es um ein Projekt in Kaltental ging. Es gehe ihm aber nicht nur ums Geld: „Lange Lärmschutzwände würden Jugendliche ausgrenzen, wir wollen sie aber in der Mitte der Gesellschaft.“

Beim Land sind nur vereinzelt Beschwerden angekommen

Und auch in der Elisabethenanlage in Stuttgart-West gab es Ärger. Anwohner beschwerten sich über den Lärm. Das Regierungspräsidium musste über den Fall entscheiden. Doch beim Land fehlen einfach die richtigen Ansprechpartner, klagte Holch 2020 in einer Bezirksbeiratssitzung. Dort würden sich einzig Leute vom Immissionsschutz um derlei Fragen kümmern. Ein anderer Umgang des Landes mit den Lärmschutzrichtwerten auf Bolzplätzen wäre für die Stadtverwaltung wünschenswert. Fragen zur aktuellen Lärm-Situation und dem Umgang damit hat die Stadtverwaltung allerdings jüngst nicht beantwortet. Holch verweist auf die Pressestelle, die keine Antworten liefert. Aber die Ergebnisse und Probleme sind an einigen Orten in Stuttgart noch heute klar zu sehen: Es gibt weiterhin Bolzplätze mit verkürzten Öffnungszeiten oder eben veraltete Spielflächen, die nicht umfangreich saniert werden, weil die Stadt befürchtet, rechtlich Problem zu bekommen. Also setzt man lieber auf den Bestandsschutz.

Beim Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft ist man trotz der Kritik aus Stuttgart gelassen, wenn es um das Thema Bolzplätze geht. „In der Vergangenheit haben uns nur vereinzelt Beschwerden im Hinblick auf Lärmbelästigungen ausgehend von Bolzplätzen erreicht“, sagt Pressesprecherin Claudia Hailfinger. Man geht deshalb davon aus, mit seinen Richtlinien und Vorgaben auf dem richtigen Weg zu sein. So unterschiedlich können die Wahrnehmungen sein.