Zu manchen Tageszeiten wirkt die Altstadt beschaulich – doch nachts geht der Punk ab, und die Anwohner leiden unter dem Lärm. Foto: Philipp Rothe

Ein Lärmgutachten für die Altstadt ergibt „Werte im Bereich der Gesundheitsgefährdung“; die Verwaltung will jetzt längere Sperrzeiten.

Heidelberg - Viele Bewohner der Heidelberger Altstadt klagen seit Jahren über zunehmenden Lärm und Beeinträchtigungen der Nachtruhe bis in die frühen Morgenstunden durch Kneipenbesucher. Jetzt haben sie dafür erstmals auch eine amtliche Bestätigung erhalten. „Die östliche Altstadt mit ihrer hohen Kneipendichte ist nachts zu laut“. Dies hat nach Angaben der Rathauspressestelle ein Gutachten ergeben, das im Auftrag der Stadt erstellt worden ist. Sieben Wochen lang hatte ein Fachbüro im Sommer an fünf Brennpunkten den Lärm gemessen. Dabei hätten sie Werte ermittelt, „die sich im Bereich der Gesundheitsgefährdung bewegen“, teilte der zuständige Bürgermeister Wolfgang Erichson (Grüne) mit. In der Spitze wurden an den Wochenenden bis zu 89 Dezibel gemessen – das ist deutlich mehr als die für Kern- und Mischgebiete geltenden Richtwerte von 45 Dezibel.

„Die Zahlen lassen aus Sicht der Verwaltung nur einen Schluss zu, nämlich den, die Gaststätten in den betroffenen Gebieten zum Schutz der Wohnbevölkerung früher zu schließen und die gesetzlichen Sperrzeiten zu verlängern“, erklärte Achim Fischer, der Pressesprecher der Stadt. Größere Spielräume habe man nicht. Vorgesehen seien daher künftig Öffnungszeiten bis 1 Uhr unter der Woche und 3 Uhr an Wochenenden – statt derzeit 3 und 5 Uhr. Eine entsprechende Verordnung soll in den nächsten Wochen in verschiedenen Gremien diskutiert und im Dezember im Gemeinderat beschlossen werden.

Kehrtwende im Rathaus: Abkehr vom Kuschelkurs

Damit vollzieht die Stadt eine Kehrtwende. Bisher hatte sie versucht, die lärmgeplagten Altstädter zu beschwichtigen und mit den Wirten einvernehmliche Lösungen zu finden. Vor knapp zwei Jahren hatte der Gemeinderat sogar die bis dahin in der Altstadt geltenden Sperrzeiten abgeschafft und die liberalere Regelung der landesweiten Gaststättenverordnung übernommen, die unter der Woche Öffnungszeiten bis 3 Uhr und an den Nächten auf Samstag und Sonntag bis 5 Uhr erlaubt.

Die aktuellen Messungen belegen nun laut der Stadt, dass die in der „Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm)“ festgelegten Richtwerte während dieser Öffnungszeiten „durchgehend überschritten werden – sowohl an Werktagen wie an Wochenenden“. Das Geräuschniveau steige von Montag bis Samstag an, Höchstwerte würden von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag erreicht; in den lautesten Stunden komme es zu Überschreitungen von 30 bis 42 Dezibel, teilte die Stadt mit. „Da gibt es Werte, bei denen man tagsüber am Arbeitsplatz Ohrenschützer tragen müsste“, erklärt Fischer.

Die Masse der Menschen macht den Lärm

Besonders problematisch sei, dass der Lärm keinen bestimmten Betrieb zugeordnet werden könne. Er entstehe „durch die Masse der Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, während sie von Kneipe zu Kneipe ziehen“. Die Erwartungen des Gemeinderats, dass die Verlängerung der Öffnungszeiten für eine Entzerrung der Besucherströme und eine Beruhigung sorgten, hätten sich nicht erfüllt. Ruhiger werde es erst nach Schließung der Kneipen am Morgen, haben die Gutachter festgestellt. Nach Berichten der Polizei und des Kommunalen Ordnungsdienstes haben zudem Verschmutzung und Vandalismus in der Altstadt zugenommen. Auch in diesem Punkt hofft man durch frühere Lokalschließungen auf eine Besserung.

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