Fast schien es damals, als gäbe es nichts Schöneres, als nach der Schule mit dem Fahrrad beim Café vorbeizufahren, um sich dort eine Kugel für zehn Pfennig aufs Hörnchen drücken zu lassen. Foto: Fotolia

Was als gefrorene Limonade begann, ist heute für viele der Glücksmoment im Sommer – Eis. Vor allem Erinnerungen an Kindheitstage sind es, die Eis zu einem der beliebtesten Lebensmittel der Deutschen und zur unangefochtenen Nummer eins der Süßigkeiten macht.

Was als gefrorene Limonade begann, ist heute für viele der Glücksmoment im Sommer – Eis.

Klar, es gab auch schon damals Lollis und Bonbons. Es gab Lakritze und Muscheln zum Ausschlecken. Brausestangen und Liebesperlen. Schokolade und Saure Zungen. Aber was schon damals alles schlug, war Eis. Kaltes, im Ernstfall schnell tropfendes Eis. Am Stiel, in der Waffel, als Biskuit. Vanille, Schoko, Erdbeer, Zitrone. Fast schien es damals, als gäbe es nichts Schöneres, als nach der Schule mit dem Fahrrad beim Café vorbeizufahren, um sich dort eine Kugel für zehn Pfennig aufs Hörnchen drücken zu lassen. Dieser Moment, wenn die Verkäuferin mit dem Eisportionierer ins Wasser und anschließend in den Eistopf fuhr, das Geräusch des Portionierers, dieses Klick, wenn die Kugel auf der Waffel oder im Becher landete, und dann dieses Gefühl, das Eis endlich in Händen zu halten – zum Dahinschmelzen! Eisverschmierte Kindermünder, mit Taschentüchern bewaffnete Mütter, die ihrem Nachwuchs die verklebten Finger und Hände abwischen – das gehört seit Jahrzehnten und bis heute zum Bild eines jeden Sommertages.

Und genau diese Erinnerungen an Kindheitstage sind es auch, die Eis zu einem der beliebtesten Lebensmittel der Deutschen und zur unangefochtenen Nummer eins der Süßigkeiten macht – nicht nur bei Kindern. „Eis ist ganz klar mit Kindheitserinnerungen verbunden und ruft schon bei den ganz Kleinen ein besonderes Mundgefühl hervor“, erklärt Susanne Biljes, Markenmanagerin beim Marktführer Langnese. Eis werde stets mit Sommer, Sonne, Ferienzeit, Entspannung in Verbindung gebracht. Und als Genuss sowie als Auszeit vom Alltag verstanden. Zudem belohnten sich viele Menschen mit der kalten Köstlichkeit selbst oder trösteten sich über etwas hinweg.

Dass Eis ebenso wie Schokolade oder Chips nicht gerade auf der Hitliste der gesündesten Lebensmittel steht, weiß Susanne Biljes. „Aber normalerweise isst man davon ja auch keine Massen, sondern alles in Maßen.“ Und gerade bei Kindereis-Sorten wie Minimilk lege Langnese Wert darauf, dass nicht zu viel Zucker und Kohlehydrate enthalten seien. Biljes kennt noch einen anderen Aspekt, der Eis zu etwas Besonderem macht: Es wird nur selten geteilt. „Bei Schokolade oder Keksen kann man auch an die anderen etwas abgeben. Eis aber ist für denjenigen, der es in der Hand hält, der ganz persönliche Moment.“

Erstes Eis am Stiel für zehn Pfennig

Einen ganz persönlichen Moment der etwas anderen Art hatte im Jahr 1905 ein kleiner Junge namens Frank Epperson aus San Francisco. Der damals Elfjährige hatte sich ein Glas Limonade gemixt – aus Brausepulver und Wasser, zum Umrühren verwendete er einen hölzernen Stab. Weil er das Glas abends aber auf dem Tisch der Veranda seines Elternhauses vergessen hatte und es nachts auf unter null Grad abkühlte, gefror die klebrige Flüssigkeit rund um den Stiel: Der kleine Frank hatte zufällig „Limonaden-Eis“ erfunden.

An diese Situation dachte Epperson dann 18 Jahre später wieder – und er sollte seine Kindheitserinnerung zu einer wunderbaren Geschäftsidee ausbauen. Im Jahr 1923 ließ er sich das am Stiel Festgefrorene als „fortschrittliche Methode, gefrorene Süßware in attraktiver Form und angebrachter Weise verzehren zu können, ohne sie dabei durch Kontakt mit Hand, Teller, Gabel oder Sonstigem beschmutzen zu müssen“, patentieren – und der Siegeszug von Eis am Stiel rund um den Globus konnte beginnen.

In Deutschland fiel der Startschuss im Jahr 1935, als der Hamburger Kaufmann Karl Seyferth, früherer Inhaber der Markenrechte für den Namen Langnese, das erste Eis am Stiel für zehn Pfennig auf den deutschen Markt brachte. Theo Schöller tat es ihm zwei Jahre später nach, gründete gemeinsam mit seinem Bruder Karl die Firma Schöller in Nürnberg und stellte Speiseeis her. Wer heute mindestens 35 Jahre alt ist, wird sich noch gern an Klassiker wie Minimilk, Nucki, Capri, Cornetto und Nogger erinnern, die weiter im Sortiment der Eis-Riesen zu finden sind. Auch das grün-weiß-rote Dolomiti mit seinem Waldmeister-Geschmack gibt es heute noch zu kaufen. Aber das ist nur den Kunden zu verdanken.

„Im Lauf der Jahre verschwindet das ein oder andere Eis von der Karte, und das war vor einigen Jahren eben bei Dolomiti der Fall“, erzählt Susanne Biljes. Doch Langnese hatte nicht mit den Kunden gerechnet: Tausende empörter Fans kamen unter dem Motto „Rettet Dolomiti!“ in Facebook-Gruppen zusammen, um eine Wiedereinführung des Klassikers zu fordern. „Das hat uns überrascht, aber wir haben den Kunden dann gern nachgegeben“, sagt die Markenmanagerin und lacht.

Tatsächlich stellt sich beim Gang zur Kühltruhe im Supermarkt bisweilen die Frage, ob es denn wirklich jedes Jahr so viele Innovationen geben muss – oder ob nicht die altbekannten Sorten reichen. Klangvolles wie Vanilla­ Toffee Fudge, Chocolat Noisette, Panna Cotta Himbeere, Brombeer Crème Fraîche, Choco Tarte und Himbeer Biscuit liegt hier edel verpackt neben Vanille, Schoko und Erdbeer. Doch braucht man diese Menge an Abwechslung? Das „Eis des Jahres“, das „Wintereis“, das „Sommereis“? Mit Zimt, Rosinen, Cranberrys oder Lindenblüte? Noch ein Frozen Joghurt und noch eine Geschmacksexplosion mehr? „Eindeutig ja“, sagt Corinna Sattler von der Geschäftsleitung bei Nestlé Schöller.

Kunden wollen Vertrautes und Neues

Unsere Klassiker wie Vanille, Walnuss und Erdbeer Sahne sind und bleiben zwar beliebt bei unseren Kunden, weil die Menschen sich nun einmal das Vertraute wünschen“, sagt Corinna Sattler. „Sie wollen sich aber gleichzeitig hin und wieder mit etwas Neuem überraschen lassen.“

Das weiß auch Joannis Santo. Seit gut zwei Monaten betreibt der 39-Jährige die Eismanufaktur Vana Eis in Fellbach. Dort zaubert er in seiner Eisküche die unterschiedlichsten Sorten wie etwa Heidelbeer-Joghurt, Mango- oder Lavendel-Eis. „Neulich hat sich eine Kundin Weiße-Schokolade-Eis gewünscht, also probiere ich das nun auch mal aus“, erzählt er.

Ebenfalls im Sortiment sind vegane und laktosefreie Eissorten, weil immer wieder Kunden danach verlangen. Doch bei aller Experimentierfreudigkeit: Wichtigstes Gebot beim Eismachen ist Hygiene, schließlich ist in den meisten Eissorten Milch und Sahne enthalten. „Wenn man nicht sauber arbeitet, kann das ziemlich schiefgehen“, sagt Santo. Und dann gibt’s böse Überraschungen bis hin zur Salmonellen-Vergiftung.

Bei Santo kommen nur Bio-Zutaten ins Eis, zudem legt er Wert auf regionale Produkte und keinerlei Zugabe von Zusatzstoffen. Deshalb hält sich sein Eis auch nur etwa drei Tage. „Pistazieneis mache ich nur zum Wochenende hin, wenn ich weiß, dass ich viel davon verkaufe; unter der Woche ist mir das zu riskant“, sagt der Eis-Mann. Seinen Kunden sei wichtig, dass das Eis „echt“ schmecke und nicht künstlich und dass die Zutaten natürlich seien.

Auch Lina und Heinz zählen bereits zu seinen Stammkunden. Was sie an Eis schätzen? Was ihnen wichtig ist? „Der Geschmack, die Cremigkeit und die Inhaltsstoffe“, sagen die beiden Eisfans. Es dürften keine künstlichen Aromen beigesetzt sein, zudem legten sie Wert darauf, dass nicht nur entrahmte Milch, sondern auch echte Sahne enthalten sei.

"Zu kalt für den Magen"

Mit solchen Fragen beschäftigten sich die Eisfans von damals noch lange nicht, da spielten ganz andere Dinge eine Rolle. „Dass die Mutter uns höchlich betrübete, indem sie das Gefrorene, das man uns von der Tafel sendete, weggoß, weil es ihr unmöglich vorkam, dass der Magen ein wahrhaftes Eis, wenn es auch noch so durchzuckert sei, vertragen könne“, klagt Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe in „Dichtung und Wahrheit“, nachdem er 1759 das von seinen Gastgebern vorgesetzte Eis nur kurz genießen und gleich wieder hergeben musste.

Tatsächlich zweifelt bis heute so mancher Mediziner an der positiven Wirkung von Eis – nicht nur wegen des hohen Zucker- und Fettgehalts. „Zu kalt für den Magen“, sagen manche. Dabei ist das Eis beim Servieren zwar zunächst nur vier Grad kalt, erwärmt sich aber im Mund schnell auf acht bis zwölf Grad. Während seines langen Wegs bis zum Magen erreicht die Süßspeise bereits eine Temperatur von rund 20 Grad. Und schließlich: Was der griechische Arzt Hippokrates um 400 vor Christus herausfand, kann nicht so schlecht gewesen sein – und hat sich bis heute bewährt: Der Mediziner kühlte Getränke­ mit Eis, um so das Wohlbefinden seiner Patienten zu stärken. Zudem verordnete er Eis als schmerzstillendes Mittel bei Entzündungen, Schwellungen und Bauchschmerzen.

Man muss es schließlich nicht machen wie Alexander der Große: Um seine Offiziere bei Laune zu halten, verabreichte er ihnen um 330 vor Christus eine Mischung aus Gipfelschnee, Gletschereis sowie Honig, Fruchtsaft, Milch – oder Wein. Wenn man an die Wein-Mischung denkt, verwundert es, dass gerade seine Truppen so hohe­ militärische Erfolge einfahren konnten. Vermutlich bekamen die Soldaten nur kleine Mengen zugeteilt. Auch weil Eis ein Luxusprodukt war, was sich erst Anfang des 20. Jahrhundert änderte. Zum Glück für alle Eisliebhaber.

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