Minister Lucha in Wendlingen Foto: Ines Rudel

Ein Ort gelebter Inklusion inmitten der Stadt: Es hat seinen Grund, dass Sozialminister Manne Lucha jetzt das Johannesforum und Unterstützungszentrum in Wendlingen besucht hat.

Fußball ist vielleicht doch das Spiel des Lebens. Der Tischkicker in der Eingangshalle war schon bei der Eröffnungsfeier umlagert, als vor über einem Jahr am Platz der abgerissenen Johanneskirche mitten in Wendlingen der Neubau in Betrieb ging. Unter einem Dach befindet sich in der Albstraße seitdem das Johannesforum der evangelischen Kirchengemeinde Wendlingen mit multifunktionalem Saal, Büros, Gemeinschafts- und Küchenräumen sowie das neue Unterstützungszentrum Wendlingen der Bruderhausdiakonie, das Wohnangebote für 23 Menschen mit Behinderung und zwölf Tagesstrukturplätze bietet.

 

Auch Sozialminister Manne Lucha und der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Andreas Schwarz, ließen bei ihrem Besuch am Montagabend kurz die Hebel rotieren. Gleichzeitig taugt der Kicker durchaus als Symbol für den Geist, der in diesem von vielen Gruppen und Gästen genutzten Haus gelebt wird. So fordert ein Bewohner des Unterstützungszentrums regelmäßig die Konfirmanden zum Schlagabtausch heraus, wie Pfarrer Brändle berichtete, die hätten aber fast nie eine Chance. Gewinnen würden sie dafür an Lebenserfahrung. „Sie lernen, dass es Menschen gibt , die zwar anders sind, aber etwas drauf haben und die dazugehören“, sagte er. Das umschreibt recht gut, was unter der von der UN-Menschenrechtskonvention abgeleiteten Verpflichtung zur Inklusion zu verstehen ist, die in Deutschland durch das Bundesteilhabegesetz umgesetzt werden soll. Demnach müssen Strukturen geschaffen werden, die allen ein selbstständiges Leben in der Gesellschaft ermöglicht. Dass die Menschen dabei in unterschiedlichem Maß Unterstützung bräuchten, ändere nichts an diesem Recht auf Selbstständigkeit, sagte Lucha. Es finde eine Veränderung von der Fürsorge hin zur Teilhabe statt.

Auch ideelle Barrieren niederreißen

Bei einem Rundgang überzeugte sich der Minister, wie das in Wendlingen umgesetzt wird. Besonders ist nicht zuletzt der Standort der Einrichtung. „Wir sind mitten im Zentrum, so stellen wir uns Inklusion vor“, sagte Tobias Staib, fachlicher Vorstand der Bruderhausdiakonie, vergleichbare Orte müsse man suchen. Selbst Menschen, die besonders viel Begleitung benötigen, etwa wegen einer autistischen Störung, sind hier untergebracht. Sieben Plätze für Langfristig Intensiv Betreutes Wohnen (LIBW) stehen zur Verfügung. „Es ist ein Vorzeigeprojekt“, lobte Bürgermeister Steffen Weigel. Vorbehalte in der Bürgerschaft hätten sich nie auf die Nutzung, sondern allenfalls auf das Gebäude bezogen. Gegen den Kirchenabriss hatte es viel Widerstand gegeben. Der Standort sei auch ein Auftrag, sagte Diakonin Bärbel Greiler-Unrath. „Wir wollen barrierefrei sein, auch im ideellen Sinn“, sagte sie. Andreas Schwarz lobte diesen Ansatz. „Ich finde es wichtig, dass in einer Stadt alle Menschen zu Hause sein können.“

So viel Hilfe wie nötig, so wenig wie möglich

Die Offenheit werde nicht zuletzt durch die lichte Architektur unterstrichen, so Ute Schwarzkopf-Binder, Regionalleiterin der Bruderhausdiakonie. Für Menschen mit Behinderung wurden zudem unterschiedliche Wohnformen geschaffen, von Paarwohnungen über Wohngruppen bis zu Zimmern mit eigener Küche, zwischen denen auch Wechsel möglich sei. „So viel Hilfe wie nötig, so wenig wie möglich“, umschrieb Hausleiterin Carolin Schramm den „personenzentrierten“ Ansatz. Ziel müsse sein, dass Bewohner die Einrichtung auch verlassen könnten und ambulant betreut werden. Sozialhilfefähigen Wohnraum für diesen Anschluss zu finden, ist laut Tobias Staib aber schwierig. Dazu Lucha: „Hier muss sich leistungs- und baupolitisch etwas ändern.“