In Kroatien, Montenegro und Slowenien herrscht Hochsaison. Doch die Coronafälle nehmen zu. Vorsichtig wird gegensteuert – man will die Touristen nicht vertreiben.
Belgrad/Split - Der einen Not, der anderen Brot: Während sich bei den in die rote Zone abgerutschten Mittelmeeranrainern Malta, Portugal, Spanien, Türkei und Zypern, dazu in Griechenland die Stornierungen von gebuchten Urlaubsreisen mehren, klingeln an der Adria weiter die Kassen. „Kroatien ist am sichersten am Mittelmeer und die Saison bisher ausgezeichnet“, jubiliert das Webportal index.hr in Zagreb.
Tatsächlich halten die Touristenreisen in Richtung Adria trotz europaweit steigender Infektionszahlen unvermindert an. Als wäre Corona nie gewesen: Bis zu drei Stunden lange Wartezeiten wurden am Wochenende an Kroatiens Grenzübergängen vermeldet. Zahlreiche Unfälle verlängerten die kilometerlangen Blechkolonnen auf den stark befahrenen Autobahnpisten in Richtung Küste. „Großer Andrang und Staus in Richtung Meer“, vermeldete mit klammheimlicher Erleichterung die Zeitung „Slobodna Dalmacija“ in Split.
Sonnenhungrige Meeresjünger zieht es an die felsigen Küsten Kroatiens
Zwar ist auch Kroatien Mitte Juli von der grünen in die orange Zone gerutscht. Doch es ist die im Vergleich zu anderen Mittelmeerstaaten noch immer relativ niedrige 7-Tage-Inzidenz von 25,1, die sonnenhungrige Meeresjünger weiter unverdrossen an die felsige Küste des Adria-Staats drängen lässt. 850 000 Touristen halten sich derzeit in Kroatien auf – fast die Hälfte mehr als vor Jahresfrist im ersten Coronasommer. Laut Angaben von Kroatiens Tourismusministerium sind die Gästezahlen im Juli bereits auf 80 Prozent des Rekordjahrs 2019 geklettert: Die Hochsaison brummt an der kroatischen Adria bisher weitaus besser als selbst von der heimischen Tourismusbranche erhofft.
Doch der starke Besucherandrang geht mit zunehmenden Coronasorgen einher. Zwar ist die 7-Tage-Inzidenz in den nördlichen Küstenregionen und vor allem in Istrien (1,4) unvermindert niedrig. Doch weiter im Süden, in Dalmatien, ziehen die Infektionszahlen kräftig an. Die Region Zadar ist mit einer 7-Tage-Inzidenz von 102,9 bereits in die rote Zone einer Risikoregion gerutscht, Dubrovnik (91,6) könnte bald folgen.
Ein Saisonabbruch soll verhindert werden
Die Saison verlaufe bisher zwar „mehr als vielversprechend“, so Kroatiens Camperverband in einer Erklärung. Doch um das Szenario des vorigen Jahres, einen vorzeitigen Saisonabbruch Mitte August zu verhindern, seien eine Verschärfung der Präventivmaßnahmen und härtere Sanktionen unerlässlich: Noch eine schlechte Saison wäre für den Tourismussektor „eine wahre Katastrophe“.
Mehr als ein Fünftel von Kroatiens Sozialprodukt wird direkt im Tourismussektor erwirtschaftet: Einen frühzeitigen Abbruch der Saison will die Regierung in Zagreb unbedingt vermeiden. „Delta ist schon unter uns. Wir müssen vorsichtig sein“, mahnt Gesundheitsminister Vili Beros und hält seine Landsleute zu Impfungen und der Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen an: Deren Missachtung sei „der Weg in die rote Zone, der Weg zur sicheren Abreise der Touristen“.
Privattreffen werden eingeschränkt
Zur Rettung der Sommersaison tritt Zagreb nun auf die Notbremse. Wegen der steigenden Infektionszahlen an der Küste sind seit Wochenbeginn Menschenansammlungen von mehr als 1000 Menschen verboten und Privattreffen ohne Covid-Zertifikat nur noch bis zu 15 Personen erlaubt. Wie Kroatien haben auch die Nachbarstaaten Slowenien und Montenegro ihre Vorsichtsmaßnahmen merklich verschärft: Es ist die Angst vor der raschen Verbreitung der Delta-Mutante des Covid-Virus, die die Adria-Anrainer verstärkt auf Prävention setzen lässt.
Nur im kleinen Küstenstaat Montenegro (7-Tage-Inzidenz 69,9) wurde die Delta-Mutation offiziell noch nicht festgestellt. Zwar werden im Land der Schwarzen Berge in diesem Sommer vor allem die zahlkräftigen Touristen aus Russland vermisst. Doch nach den verheerenden Einbrüchen des Vorjahres, als die Besucherzahlen um mehr als 90 Prozent schrumpften, sind diese nicht zuletzt dank der Gäste aus den Nachbarstaaten Serbien, Albanien und Bosnien wieder auf 80 Prozent des Vorkrisenniveaus geklettert: Mit der vorläufigen Schließung von Nachtclubs und Diskotheken hofft der wirtschaftlich stark angeschlagene EU-Anwärter, ein verfrühtes Ende der Saison zu vermeiden.
Epidemiologen fürchten vierte Welle
Wie anderen Adria-Anrainern macht Slowenien (7-Tage-Inzidenz 21,9) das zögerliche Impftempo zu schaffen. Erst 43,1 Prozent aller Slowenen haben sich zumindest einmal impfen lassen. In Kroatien (39,4 Prozent) und Montenegro (26,4 Prozent) liegt die Impfquote klar unter dem EU-Durchschnitt (57,4 Prozent). Die Epidemiologen fürchten, dass die vierte Infektionswelle den schlecht immunisierten Südosten Europas im Herbst besonders hart treffen könnte.
Angesichts der steigenden Infektionszahlen in ganz Europa rät Sloweniens Chefepidemiologe Milan Krek seinen Landsleuten in der Fremde zur baldigen Heimkehr: „Allen, die ihren Urlaub im Ausland verbringen, empfehle ich eine Rückkehr bis zum 15. August.“
Aktuelle Reiseinformationen
Kroatien
Das Auswärtige Amt in Berlin rät von „nicht notwendigen, touristischen Reisen“ in die kroatische Gespanschaft Zadar ab, weil diese als Risikogebiet eingestuft ist. Aktuelle und detaillierte Zahlen finden sich auf der Corona-Webseite der kroatischen Regierung: www.koronavirus.hr/en.
Slowenien
Seit Montag, 26. Juli, ist in Slowenien bei Besuchen von Restaurants, Hotels und auch Spielhallen wieder der Nachweis von Impfungen, aktuellen Tests oder einer ausgestandenen Infektion Pflicht.