Sophie Hauenherm tanzt ein Solo in dem Stück „Innere Stimmen“ von Grégory Darcy und seiner Tanzkompanie aus Esslingen. Foto: Grégory Darcy

Während ihrer Ausbildung zur Tänzerin erkrankt Sophie Hauenherm schwer. Seither lebt sie mit einer inkompletten Querschnittslähmung. Dennoch steht sie heute auf der Bühne – und tanzt.

Sie hat eine inkomplette Querschnittslähmung, doch mehr Rückgrat als die meisten. Auf der Bühne geht sie nur wenige Schritte, unsichere, fast ungelenke – besonders im Kontrast zu den so bewusst eingesetzten Bewegungen all ihrer Gliedmaße, ihres Rumpfes, ihres Kopfes, ihrer Arme, ihrer Finger, ja jedes einzelnen Muskels. Doch auf ihrem Lebensweg schreitet Sophie Hauenherm mit großen Schritten voran, unbeirrt und zielstrebig.

 

Bereits mit vier Jahren fängt Sophie Hauenherm zu tanzen an – und weiß sofort, dass sie Tänzerin werden will. Mit zwölf Jahren zieht sie von zu Hause aus, um ihren Traum zu verwirklichen. Sie verlässt ihr Elternhaus – ihre Mutter ist Sekretärin, ihr Vater Ingenieur – in Leipzig, um das Internat der renommierten Palucca Hochschule für Tanz in Dresden zu besuchen. Die Hochschule verfügt über eine integrierte Oberschule mit vertiefender Tanzausbildung. Der dort abgelegte Realschulabschluss qualifiziert bei entsprechender tänzerischer Eignung zur Aufnahme des Studiums im Bachelorstudiengang Tanz.

Mit 16 bezieht Hauenherm eine eigene Wohnung. Der Tanz diszipliniert. „Ich habe täglich acht Stunden trainiert, auch am Wochenende und in den Ferien. Zusätzlich bin ich zum Joggen und ins Fitnessstudio gegangen.“ Dafür hat sie gerne andere Dinge zurückgestellt. „Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, so kann ich mir keinen Vorwurf machen, dass ich die Zeit damals nicht genutzt habe.“

Unerträgliche Schmerzen

Denn für Sophie Hauenherm gibt es eine Zeit davor – und eine danach. Eine vor und eine nach ihrer Erkrankung. Als Sophie Hauenherm 18 ist und in einem halben Jahr ihre Abschlussprüfung absolvieren soll, bekommt sie Rückenschmerzen. Sie sind unerträglich. Doch die Ärzte nehmen sie nicht ernst. Als sie die Schmerzen nicht mehr aushält, weist sie sich im Dezember 2017 selbst ins Krankenhaus ein. Drei Tage später schlafen ihre Beine ein. „Dann erst haben die Ärzte ein MRT von meiner Wirbelsäule gemacht“, sagt Hauenherm. Bei dieser Magnetresonanztomographie, einem diagnostischen Verfahren zur Erzeugung von detaillierten Schnittbildern des menschlichen Körpers, zeigt sich, dass sich an Hauenherms Rückgrat ein Abszess gebildet hat, der die Nerven abquetscht. „Bei mir war dieser bakterieller Natur, man hat ihn dann sofort operativ entfernt“, sagt Hauenherm. Leider nicht rechtzeitig.

Nach der Operation kommt ein Arzt zu ihr, zieht ihr die Decke weg und sagt, sie solle ihre Beine bewegen. Es geht nicht. Der Arzt diagnostiziert eine inkomplette Querschnittslähmung. Bei dieser Form der Lähmung sind die Nerven stark geschädigt, aber nicht vollständig durchtrennt. Die Prognose des Arztes: Hauenherm sei von der Hüfte abwärts gelähmt, werde nie wieder laufen oder tanzen können.

Für die 18-Jährige ist das ein Schockmoment. Sie ist verzweifelt, weil alles auf der Kippe steht, für was sie lebt. Wohl auch deshalb zeigt sie sofort „ein krasses Vermeidungsverhalten“, wie sie heute sagt: „Das hat nicht in meinen Kopf gepasst. Für mich war klar, ich stehe in einem halben Jahr wieder auf der Bühne und tanze.“

Mit Disziplin und Ehrgeiz

Im Krankenhaus fängt sie an, Videos von sich im Rollstuhl zu filmen: Sie tanzt mit dem Oberkörper, den Armen, den Fingern, dem Gesicht, den Augen. In der Reha, die nach fünf Monaten im Krankenhaus beginnt, trainiert sie mit demselben Eifer und Ehrgeiz auf die erste kleine Bewegung hin, mit der sie zuvor das perfekte Zusammenspiel all ihrer Bewegungen übte. „Als ich den kleinen Zeh wieder bewegen konnte, habe ich Freudensprünge gemacht“, sagt Sophie Hauenherm, ohne selbst das schiefe Bild zu bemerken. Aber es geht schließlich um das Gefühl, das dieses Bild ausdrückt. Das Bild, das sie von ihrem eigenen Leben aufrechterhält und das sie als Tänzerin auf der Bühne zeigt, hilft ihr ebenso wie ihre Disziplin, die sie von Kindheit an verinnerlicht hat.

Nach einiger Zeit kann sie immer mehr Muskeln in ihren Beinen wieder ansteuern – andere allerdings nicht. „Die stärkeren Nerven übernehmen teils die Funktion der schwachen. Daher kommen auch die Ausweichbewegungen in meinem Gangbild.“ Denn tatsächlich: Hauenherm schafft, was niemand für möglich gehalten hat. Sie kann nach einiger Zeit wieder gehen. Wenn auch eingeschränkt: Sie braucht für längere Strecken Krücken und für weite den Rollstuhl.

Ein halbes Jahr nach der Erkrankung sitzt sie im Rollstuhl auf der Bühne und tanzt – bei ihrer Abschlussprüfung an der Palucca Hochschule für Tanz. Sie hat ihre Tanzvideos im Rollstuhl aus der Krankenhauszeit zu ihrer Bachelorarbeit zusammengeschnitten. Im Bereich klassisches Ballett lässt die Hochschule, die Hauenherm generell sehr unterstützte, sie eine Prüfungsersatzleistung bewältigen: Eine Tänzerin tanzt an ihrer Stelle – und Hauenherm muss genau beschreiben, an was diese bei jedem Tanzschritt zu denken hat. „Bei einer Bewegung allein muss man an fünfzig verschiedene Dinge denken, etwa daran, die Beine auswärts zu drehen, keinen Bananenfuß zu machen – also beim Stecken den Fuß nicht nach innen statt nach außen zu drücken – und den Kopf zu neigen.“ Eine ungewohnte und deshalb schwierige Aufgabe. „Das war ein spannender Prozess, durch das Aussprechen habe ich mir Dinge bewusst gemacht.“

Ein zweites Standbein

Es ist diese Gabe (oder ist es eher eine hart erkämpfte Errungenschaft?) von Sophie Hauenherm, den Dingen, seien sie auch noch so hart oder mühselig, etwas Positives abzuringen, die ihr mehr Rückgrat verleiht als den meisten anderen Menschen. „Ich will das nicht nur überleben, ich will leben“, sagt die heute 22-Jährige. Und das tut sie. Sie absolviert nicht nur ihre Abschlussprüfung erfolgreich, sondern fährt Ski, klettert, boxt, reitet, schwimmt und springt sogar Fallschirm. „Ich mache das alles so, wie ich es kann. Ich vergleiche meine Leistungen nicht mit der Sophie von vor der Erkrankung. Als ich im Krankenhaus lag und mich nicht bewegen konnte, das war für mich der Nullpunkt. Alles, was ich seitdem erreicht habe, ist ein Fortschritt.“

Hauenherm beschreitet dabei auch neue Pfade: Die Tänzerin studiert inzwischen im sechsten Semester Psychologie. „Das ist ein zweites Standbein, eine andere Welt außerhalb des Tanzes.“ Auch sei das Wissen hilfreich, wenn sie als Choreografin arbeitet – darin probiert sie sich aktuell aus. „Zudem ist der Job als Tänzerin psychisch und körperlich belastend, da ist es gut, wenn man Schutzmechanismen hat“, sagt sie.

Denn an Jobs mangelt es Hauenherm nicht: „Der zeitgenössische Tanz öffnet sich immer mehr – und ich werde für viele Gastspiele angefragt.“ So tanzt sie nach der Abschlussprüfung etwa am Theater Pforzheim sowie an der Landesbühne Sachsen, und sie arbeitet für Tiago Manquinho in Braunschweig in einer großen Produktion. Derzeit ist sie in Esslingen bei Grégory Darcys inklusiver Tanzkompanie, zusammen mit dem französischen Choreografen hat sie ihr Schicksal in einem Solo in dem Stück „Innere Stimmen“ tänzerisch aufgearbeitet.

Verschlossene Türen

Nach dem ersten Treffen mit Sophie Hauenherm schreibt Darcy das Gedicht „Ich bin ich“, von dem ausgehend er ihre Solo-Choreografie entwickelt hat. Darin steht: „Ich sehe mich laufen, ich sehe mich tanzen und viel mehr! Ich sehe mich auf der Bühne fliegen, von dieser Welt und von anderen, egal, ob sie meine Flügel sehen.“ Im Herbst wird es das neue Stück „Human Design“ geben, mit einem Solo und einem Duett von Hauenherm.

Doch die Tänzerin weiß auch, dass ihr nicht alle Türen offen stehen, etwa jene, die in die Welt des klassischen Balletts führen. „Auch für ein festes Engagement wäre meine Einschränkung ein Hindernis.“ Dabei spiele im Tanz ihre Querschnittslähmung keine Rolle: „Ich kann besser tanzen, als laufen, weil ich da mehr Möglichkeiten habe.“ Aber Hauenherm hat bereits das scheinbar Unmögliche möglich gemacht. Sie wird ihren Weg weitergehen – in großen Schritten. Oder gar fliegend.

Termine„Human Design“ wird am 10., 11. und 12. November um 20 Uhr im Kulturzentrum Dieselstraße, Dieselstraße 26, in Esslingen gezeigt.