Sommer in der City: der Hans-im-Glück-Brunnen als Partytreff Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Am Wochenende herrschte ein riesiger Ansturm auf die Stuttgarter Innenstadt. Zwar bleib laut Polizei die Stimmung friedlich, Unzufriedenheit gibt es dennoch von mehreren Seiten.

Stuttgart - Das ist nicht mehr meine Stadt“, sagt Dennis Shipley. Der Geschäftsführer der Alten Kanzlei blickt von seiner Terrasse quasi aus der ersten Reihe auf das Geschehen auf dem Schlossplatz, für das er nur eine Vokabel hat: „Katastrophe“. Mit konkreten Auswirkungen für seinen Betrieb, besonders jetzt am Wochenende, wie Shipley eindrücklich schildert. Es flogen Bierflaschen und E-Roller, die Blumenkübel wurden auf dem Schillerplatz verteilt, und als die Alte Kanzlei geschlossen war, kifften Jugendliche an den Tischen im Freien.

 

Shipley denkt nun darüber nach, freitags und samstags einen privaten Sicherheitsdienst zu engagieren, „um meine Gäste und mein Inventar zu schützen“. Sein Eindruck: Die Polizei sei heillos überfordert mit der „neuen Partyszene“, die er angesichts der aggressiven Stimmung eigentlich nicht als solche bezeichnen möchte. „Diese Zustände sind der absolute Wahnsinn. Ich mache mir große Sorgen um die Gastronomie in der Innenstadt.“

Für ein Bier scheuen viele den Coronatest

So sieht es auch Osman Madan von Carls Brauhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Schlossplatzes. Die Regelung, dass im Restaurant bei der aktuellen Inzidenz in Stuttgart innen wie außen ein negativer Coronatest vorgelegt werden müsse, schwebe wie ein Damoklesschwert über der Branche, sagt Madan. „Bloß wegen einem Bier wollen sich die Leute nicht testen lassen.“ Seitdem man für den Einkaufsbummel nicht mehr zwingend einen Test braucht (nach Anmeldung darf aktuell eine Person pro 40 Quadratmeter im Laden sein), ist Madans Umsatz nach eigenen Angaben um 40 Prozent zurückgegangen. Hinzu komme das zunehmende Unverständnis der Gäste, das er teilt: „Bei mir im Lokal dürfen keine 100 Menschen gleichzeitig sein, während draußen auf den Parkbänken und dem Rasen 2000 dicht an dicht sitzen. Ich schau ja täglich drauf.“

Laut der Polizei war alles im Rahmen

Die Polizei wehrt sich gegen den Vorwurf, keinen Überblick gehabt zu haben. Sie hatte am Wochenende von einer überwiegend friedlichen Stimmung in der Stadt gesprochen und bleibt bei dieser Einschätzung. „Es kam es zu ein paar kleinen Körperverletzungen und Sachbeschädigungen“, sagt der Polizeisprecher Sven Burkhardt, und das sei für die Betroffenen natürlich schlimm. „Aber das war alles noch im Rahmen dessen, was man in einer vollen Stadt am Wochenende erlebt“, fügt er hinzu. Wer Täter bei Sachbeschädigungen oder Kiffer beobachte, solle auf jeden Fall die Polizei rufen: „Wir kommen überall hin. Manchmal nicht sofort, aber wir kommen.“ Obwohl die Polizei viel zu tun gehabt habe, sei die Stimmung „überwiegend ausgelassen“ gewesen. Bei den Königsbaupassagen hätte man aufgrund des Gegröles meinen können, man sei im Stadion. Beim Pavillon auf dem Schlossplatz hätten die überwiegend jungen Menschen bis tief in die Nacht getanzt.

Bekim Pajazitaj vom Nesenbach am Karlsplatz hatte am Samstag fast schon wieder Normalbetrieb, vom Frühstück angefangen bis in den Abend hinein. Dennoch glaubt auch er, dass der Schnelltest für potenzielle Kunden ein Hindernis darstellt. Sein Eindruck: „Die Leute testen sich am Wochenende. Sonst eher nicht.“

Der Handel ist unzufrieden

„Volle Gassen, aber keine vollen Kassen.“ Mit diesem griffigen Reim bezeichnet der City-Manager Sven Hahn die Bilanz des Handels am vergangenen Wochenende. Freilich sei die Innenstadt nach rund eineinhalb Jahren wieder stark frequentiert gewesen, aber die Lage sei noch nicht wieder so, dass der Einzelhandel gewinnbringend arbeiten könne. Dazu müsste die Innenstadt auch wieder anderes Publikum anlocken. Gemeint sind offenbar auch ältere Kunden, die zum Beispiel zugleich zum Weindorf, dem Fischmarkt oder dem Flohmarkt kommen. Zudem hält Hahn fest, dass sich Menschen rund um den Schlossplatz zwar geballt aufgehalten hätten, aber man zum Beispiel in der oberen Königstraße oder der Stiftstraße allenfalls knapp über den Durchschnittsmarken bei den Passantenfrequenzen gekommen sei, die man vor der Pandemie hatte.

Bei den Händlern bleibt nicht viel hängen

„Dadurch bleibt für die Händler noch nicht so viel hängen, wie man sich wünscht“, sagt der Geschäftsführer der City-Initiative Stuttgart (CIS). „Grundsätzlich bin ich zufrieden, dass wir überhaupt wieder Menschen in der Stadt haben. So, wie es jetzt ist, wollen wir es doch.“ Christoph Achenbach, Geschäftsführer des Traditionsgeschäftes Lederwaren Acker im Königsbau, bestätigt Hahns Einschätzung. Zur grundsätzlichen Entwicklung nach dem Lockdown meint er: „In unseren Kassen ist verhältnismäßig viel Platz.“ Aber die Lage sei besser als im Vergleichszeitraum vor einem Jahr. Auch bei der Einordnung der Umsätze vom Wochenende schließt sich Achenbach dem allgemein beschriebenen Trend an: „Es ist schon so, dass wir gemessen an den hohen Besucherfrequenzen am Freitag und Samstag nicht so erfolgreich waren.“ Viele Gäste kämen eher zum Verweilen. „Die Menschen wollen einfach raus und Spaß am Leben spüren. Das Shoppen steht dabei offenbar nicht im Vordergrund“, meint der Einzelhändler Achenbach.

Der Sozialausschuss diskutiert

Das vergangene Wochenende und die Massen von Besuchern, die bei dem schönen Wetter die Stadt bevölkerten, waren am Montag auch Thema im Sozialausschuss des Gemeinderats. Die Bilder aus der City, wo die Menschen teils sehr eng und ohne Maske feierten, hätten ihn doch „alarmiert“, erklärte Stefan Ehehalt, der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. „Man hatte den Eindruck, als gäbe es kein Corona mehr.“ Auch wenn er nach der langen Isolation der Menschen in den vergangenen Monaten Verständnis für die Sehnsucht nach Normalität habe, sei dieses Verhalten dennoch „kontraproduktiv“.

Vor einem Jahr war die Inzidenz viel geringer

So sei die Inzidenz in Stuttgart noch immer „sechsmal so hoch wie vor einem Jahr“, betonte Ehehalt. Damals lag die Inzidenz bei nur noch sechs Fällen pro 100 000 Einwohner. Selbst zu Beginn der zweiten und der dritten Coronawelle habe die Inzidenz mit 27,5 und 30,2 Fällen unter dem derzeitigen Wert gelegen. Der Gesundheitsamtsleiter mahnte: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei.“ Es sei deshalb wichtig, dass die Menschen weiter Abstands- und Hygieneregeln einhielten. Es gebe „auch mit Maske viele Möglichkeiten“, erklärte Stefan Ehehalt.

Auch einige Ratsfraktionen vertraten diese Position. „Dieses Wochenende muss einen besorgen“, erklärte etwa die CDU-Stadträtin Beate Bulle-Schmid. „Die Bevölkerung sollte vorsichtiger sein“, findet sie. Auch Sibel Yüksel von der FDP merkte kritisch an, bei allem Verständnis sei es doch sehr „leichtsinnig“, in der jetzigen Lage die sogenannten AHA-Regeln in der Stadt gar nicht mehr zu beachten.