Die Vereinschefs Steffen Siewert und Siglinde Scheuer schauen, dass in der Kleingartenanlage alles seine Ordnung hat. „Wildwüchse“ soll es nicht geben.Stillleben: Die Gartenhäuschen sind individuell dekoriert. Foto: factum/Granville

Kleingärtner sind spießig und kleinlich? Von wegen: Bei den Gartenfreunden in Freiberg am Neckar geht es durchaus friedlich zu. Und wenn die Hecke zum Nachbar doch zu hoch wird, greift der Vorsitzende sachte ein.

Freiberg/Neckar - Vorschriften? Klar haben wir Vorschriften – aber sicher nicht so viele, wie Sie denken“, sagt Steffen Siewert gleich zu Beginn des Rundgangs durch die Anlage der Gartenfreunde Freiberg am Neckar. Dass diese Ansicht weit verbreitet sei, in einer Kleingartenanlage müsse es spießbürgerlich und kleinlich zugehen, wundert den Vizevorsitzenden des Vereins; immerhin besteht ein Teil der rund 300 Vereinsmitglieder aus jungen Familien mit Kindern. Und die möchten in ihrer Freizeit hier eigentlich nur eines tun: Ausspannen, das Leben und die Ruhe genießen, ein bisschen im Garten schaffen, Zeit als Familie verbringen.

Je ein Drittel Rasen, Gemüse und Obst

Dass es in der Anlage aber durchaus Regeln geben muss, die im Übrigen der Landesverband der Gartenfreunde vorgibt, ist klar – und auch Voraussetzung für ein friedliches Miteinander der zurzeit 66 Pächter. So ist etwa die Verteilung auf den jeweils drei Ar großen Grundstücken klar definiert: Ein Drittel Rasen, ein Drittel Gemüse, ein Drittel Obst. „Das Häuschen darf nicht größer als 24 Kubikmeter sein, die Farben und die Gestaltung werden von der Stadt Freiberg vorgegeben“, sagt die Vereinsvorsitzende Siglinde Scheuer. Die Grenzbepflanzungen zwischen den einzelnen Grundstücken dürfen keine geschlossenen Hecken sein, die Bäume dürfen nicht zu hoch wachsen.

Beim Rundgang fällt aber durchaus die eine oder andere Sache auf, die nicht so richtig regelkonform ist. Ein riesiger Nadelbaum steht inmitten eines Grundstücks, auf einem anderen ein paar Meter weiter biegen sich alte Holzsichtschutzzäune unter der Last von Efeuranken. „Wir befinden uns gerade in einem Generationenwechsel, viele alte Pächter schaffen die Arbeit auf ihrem Stückle nicht mehr, und viele junge Familien übernehmen das nun“, sagen die Vereinschefs. Daher müsse man die „Altlasten“ der früheren Pächter nun abtragen und dafür Sorge tragen, dass sich die Verfehlungen der vergangenen Jahrzehnte nicht noch weiter entwickelten, sondern nach und nach geregelt würden.

„Wenn wir bei einem zulassen, dass er einen hohen Baum pflanzt, will das der nächste, und dann geht es immer weiter so.“ Solcherlei „Wildwüchse“ oder eigenmächtige Entscheidungen der Gartenpächter führten durchaus manchmal zu kleineren Reibereien untereinander. „Wenn es kritisch wird, mischen wir uns aber ein“, sagt Siewert. Doch dazu kommt es glücklicherweise nicht allzu häufig, und so pflegen die Gartenfreunde ein nettes Miteinander. Man kennt sich, man schätzt sich zumeist, und man lässt sich in Ruhe.

Oder aber man tauscht Setzlinge und Pflanzen untereinander aus und fachsimpelt über die richtige Pflege des Grünzeugs. Auch die ist übrigens in den Regeln verankert; allzu wild wuchern sollte die Flora möglichst nicht. „Wir sprechen die Mitglieder zwar durchaus mal an wegen der Pflege, aber da sind wir keine Pfennigfuchser“, sagt Steffen Siewert.

Als Pächter hat man viel Arbeit

Er selbst ist seit zehn Jahren Mitglied im Verein und gewissermaßen das klassische Beispiel eines Kleingartenpächters. „Wir sind damals vom Erdgeschoss ins Dachgeschoss gezogen, wollten aber unbedingt wieder einen Garten haben“, erzählt er. Also verschlug es sie in die Neckarau zu den Kleingärtnern – doch wie viel Arbeit dies bedeuten sollte, habe ihn selbst überrascht. „Wir haben uns das alles etwas anders vorgestellt, es ist doch schon viel Arbeit auf so einem Stückle“, sagt Siewert.

Igel, Eidechsen und Frösche in intakter Natur

Doch für ihn und alle anderen, die hier Pächter sind, steht nicht die Last der Arbeit im Vordergrund, sondern die Entspannung. Und noch etwas ist den Vereinsvorsitzenden wichtig: „Hier ist die Natur noch intakt, hier leben Igel und Eidechsen, im Teich schwimmen Frösche.“ Auf diese Art könne man auch das Bewusstsein der Kinder für die Natur wecken und schärfen, viele seien nahezu täglich mit ihren Eltern oder zumindest an den Wochenenden hier. Jeder Pächter muss neben der Arbeit auf seinem Grund zwei Mal im Jahr jeweils dreieinhalb Stunden Gemeinschaftsarbeit leisten, hinzu kommen Einsätze bei den vereinseigenen Festivitäten wie etwa beim Frühlingsfest am Muttertags-Wochenende oder dem Herbstfest am ersten Oktober-Wochenende. „Unsere Feste sind immer ein voller Erfolg und toll für alle, sie stärken das Gemeinschaftsgefühl“, schwärmen Steffen Siewert und Siglinde Scheuer.

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