Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) empfängt im Bundeskanzleramt in Berlin jeweils vier Sternsingern aus allen 27 deutschen Diözesen. Merkel muss wegen ihrer Ski-Verletzung an Krücken gehen. Foto: dpa

Sie hat es lange geheim halten können: Erst jetzt wurde der Ski-Unfall von Angela Merkel bekannt, viele Kanzlertermine mussten abgesagt werden. Ausgerechnet jetzt, wo die Koalition Fahrt aufnehmen will. Die Kanzlerin trifft die Sportverletzung in einer heiklen Phase.

Sie hat es lange geheim halten können: Erst jetzt wurde der Ski-Unfall von Angela Merkel bekannt, viele Kanzlertermine mussten abgesagt werden. Ausgerechnet jetzt, wo die Koalition Fahrt aufnehmen will.

Berlin - Anhänger des nordischen Langlaufsports rühmen die Loipen im schweizerischen Engadin. Über 200 Kilometer lang erstrecken sich die gespurten Parcours. Das Gebiet bei St. Moritz gilt als sehr schneesicher. Zudem bietet es unabhängig vom jeweiligen sportlichen Ehrgeiz und vom individuellen Können für jeden Langläufer eine Menge. Legendär ist die anspruchsvolle Marathonstrecke, es gibt aber auch traumhafte Touren in der Ebene, bei denen vor allem Gleiten in herrlich winterlich verschneiter Landschaft angesagt ist.

Vermutlich war Angela Merkel auf einer dieser eher beschaulichen Strecken unterwegs, als ihr das Missgeschick passierte. „Sie ist hingefallen beim Langlauf. Wir gehen von niedriger Geschwindigkeit aus“, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in der Regierungspressekonferenz den überraschten Hauptstadtjournalisten mit.

Da lag der Sturz der Kanzlerin schon mehrere Tage zurück. Merkel verbrachte bis zum 30. Dezember einige Urlaubstage im schweizerischen Graubünden. Wie bereits in den Vorjahren zog es sie wieder in ihr Engadiner Winterparadies in der Nähe des Promi-Orts St. Moritz. Auch diesmal war Merkel in der Loipe gesichtet worden – sportlich aktiv mit lila Stirnband, grauem Fleece-Pullover und einem Paar Langlaufskiern der DDR-Marke Germina. Das Modell wird seit 1995 nicht mehr gebaut.

Doch dieses Mal verlief der Urlaub dummerweise anders als geplant. Trotz des schmerzhaften Zwischenfalls – wann genau er passierte, erklärte der Regierungssprecher nicht – kehrte die Kanzlerin aber pünktlich zur Aufzeichnung ihrer Neujahrsansprache wieder zurück nach Berlin. Klar ist nur, dass ihr Ehemann Joachim Sauer (64) und einige Personenschützer dabei waren, als Merkel zu Boden ging.

Kabinettssitzung am Mittwoch

Zunächst sei sie noch von einer starken Prellung ausgegangen, erläuterte Seibert. Am Freitag habe sie sich schließlich Rat von Ärzten geholt. Die Diagnose: Die 59-Jährige zog sich einen schmerzhaften Anbruch im Beckenbereich zu – plus der schon vermuteten schweren Prellung. Wie der Regierungssprecher weiter mitteilte, stellten Ärzte einen „unvollständigen Bruch im linken hinteren Beckenring“ fest. „Sie soll drei Wochen lang viel liegen“, sagte Seibert. Die CDU-Chefin sagte mehrere Termine und Reisen ab, darunter ihren Antrittsbesuch am Mittwoch in Polen.

Die Bundeskanzlerin muss nun die nächsten Wochen viel vom Krankenbett aus arbeiten. Den Großteil der Arbeit will sie vorerst von zu Hause aus erledigen. Ins Krankenhaus muss sie aber nicht. „Sie wird sich in dieser Zeit auf einige wenige Termine im Bundeskanzleramt und in Berlin konzen­trieren“, sagte Seibert. Bereits an diesem Dienstag will sie die Sternsinger empfangen. Am Mittwoch will sie die Kabinettssitzung leiten. Die Kanzlerin ist nach Angaben Seiberts vorübergehend auf Gehhilfen angewiesen.

Wie er weiter ausführte, hat die Kanzlerin offensichtlich zunächst über mehrere Tage die Zähne zusammengebissen und die Schmerzen ertragen. Als es aber nicht besser wurde, ging sie am Freitag zum Arzt. Erst da habe sich herausgestellt, dass es sich um eine „Infraktion“ handelt. Von einer Infraktion sprechen Ärzte, wenn Knochen angebrochen, aber nicht durchbrochen sind.

In aller Öffentlichkeit ausgetragene Konflikte

Abgesagt wurde auch der Besuch des neuen luxemburgischen Ministerpräsidenten Xavier Bettel am Donnerstag in Berlin. Der Antrittsbesuch des Arbeitgeberpräsidenten Ingo Kramer am Freitag wird ebenfalls ausfallen. Die CDU verschob zudem ihre für diesen Freitag und Samstag in Erfurt geplante Vorstandsklausur wegen des Skiunfalls. Ein neuer Termin ist noch offen.

Die Kanzlerin trifft die Sportverletzung in einer heiklen Phase. Seit der formalen Regierungsbildung vor Weihnachten sind einige Wochen ins Land gegangen. In der traditionell nachrichtenarmen Zeit über die Feiertage hat es die ersten Reibereien zwischen den Neukoalitionären gegeben. Es hat zwischen SPD und CSU sogar regelrecht gerumst beim Thema Zuwanderung von Bulgaren und Rumänen. Aber auch zwischen SPD und CDU gab es die ersten in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Konflikte – etwa über die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung, die überraschend giftig ausfielen. Hinzu kommt der massive Unmut über die Wechselgerüchte von Merkels ehemals engstem Mitarbeiter Ronald Pofalla für viel Geld in den Bahn-Tower. Merkel weiß, dass es nun Zeit ist, dass ihre Regierung Tritt fasst. Der Wähler erwartet, dass die frisch ernannten Minister endlich in ihren Häusern die Schreibtische übernehmen und die eigentliche Regierungsarbeit beginnt.

Die weiteren Termine, die Merkel wahrnehmen kann, sollen Woche für Woche bekanntgegeben werden. Die nächste Kabinettssitzung an diesem Mittwoch will sie aber auf jeden Fall persönlich leiten. Dabei soll unter anderem ein Staatssekretärs-Ausschuss eingesetzt werden, der klären soll, ob es tatsächlich einen von der CSU befürchteten Missbrauch von Sozialleistungen durch Migranten aus Rumänien und Bulgarien gibt.

Julia Seifert, Vizepräsidentin des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen, sagte, dass eine solche Verletzung in der Regel gut verheile. „Sofern es ein einseitiger, inkompletter Bruch ist, wäre das ein sogenannter stabiler Beckenringbruch, den man nicht operieren muss“, sagte Seifert. Die Schmerzen nähmen mit der Zeit ab. „Aber im Zeitraum von zwei bis vier Wochen kann das sehr unangenehm sein.“ Kein richtiger Bruch also, nur ärgerliche Komplikationen. Genau wie in der Großen Koalition?

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