Olympiasieger Aksel Lund Svindal spricht im großen Interview über schlimme Stürze, die Angst vor der legendären Streif und die Klimabilanz der Skirennläufer.
Stuttgart - Der Norweger Aksel Lund Svindal war einer der erfolgreichsten Skirennläufer der Geschichte. Nun ist er Unternehmer, Werbepartner einiger Weltmarken – und seit dem 2. Dezember auch in Deutschland Kinostar. Im Interview spricht er über seine Karriere, schlimme Stürze und die CO2-Bilanz der Skirennläufer.
Herr Svindal, vor zwei Jahren haben Sie dem aktiven Skirennsport den Rücken gekehrt, nun stehen Sie wieder im Rampenlicht. Ihr Film „Aksel“ erinnert auch an bittere Momente, etwa den kapitalen Sturz auf der Streif 2016. Was war damals los?
Die Kompression, die in einer Kurve liegt, sah ich vor lauter schlechter Sicht einfach nicht. Ich bekam einen Schlag auf den rechten Ski, wurde durch den Druck wie ein Auto auf dem Schrottplatz zusammengequetscht, dann wie eine Kugel aus einer Kanone geschossen. Und dann lief alles ab wie in einem schlechten Film.
Der was zeigte?
Ich wusste ja schon, was kommt: Wolken, Himmel, Ski. Hier war es nur anders. In dem Moment, als ich durch die Luft flog, sah ich auf der linken Seite der Piste, wie die Ärzte und Rettungssanitäter schon nach rechts zum Sicherheitszaun rannten. Das war der Punkt, als ich dachte: Mist, die rennen wegen mir! Und dann schlug ich ein. Sekunden später standen sieben Ärzte um mich herum. Eigentlich drängten sie darauf, dass ich mit dem Helikopter abtransportiert werden sollte. Das wollte ich nicht. Sie fuhren mich mit dem Akia ab. Mein Fehler.
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Wieso?
Es war der völlige Wahnsinn. Sie fuhren mich zu einer provisorischen Notaufnahme. Die war eigentlich nicht für die Rennfahrer gedacht, sondern für das betrunkene Partyvolk. Ich, der gerade von der Streif abgeworfen wurde, lag neben Leuten, die wegen ihrer Alkoholvergiftung am Tropf hingen. Irgendwann brachten sie mich dann ins Krankenhaus. Wegen lauter schwerer Stürze auf der Streif stand ich dort dann im Stau.
Ein Jahr später standen Sie wieder in Kitzbühel am Start. Fiel es Ihnen immer leicht, dort runterzufahren?
Nein, weil es bei Abfahrten wie in Kitzbühel oder Bormio ums blanke Überleben geht. Das Problem bei den Rennen ist, dass man sich für eine Sache motivieren muss, vor der man eigentlich Angst hat. Deshalb ist unser oberstes Ziel: in einem Stück unten im Ziel ankommen.
Die Angst der Abfahrer
Sie hatten Angst?
Als Teenager bin ich einmal an Kitzbühel vorbeigefahren. Da dachte ich: Hoffentlich muss ich da nie runterfahren. Im Herbst 2002 teilten mir meine Trainer dann freudig mit, dass sie mich für die Streif nominieren würden. Es verging kein Tag, an dem ich vor dem ersten Höllenritt nicht Angst hatte. Wenn man dieses Biest aber mal gemeistert hat, dann fühlt man sich wie ein Gladiator. Aber wir wissen: Der einzige Schwachpunkt, den es auf der Streif gibt, ist unser Körper. Die Eispiste wird niemals nachgeben – unser Körper hingegen schon. Gleich nach der Mausefalle etwa gibt es eine Kompression am Anfang eines Linksschwungs, der extrem holprig und unfassbar vereist ist. Die Schläge, die wir dort einstecken, sind mit fast nichts zu vergleichen. Das ist in etwa so, als würden Sie im Auto mit 100 Sachen frontal gegen eine Bordsteinkante fahren. Der Reifen, die Felgen, alles ist dann einfach kaputt.
Ähnlich schlimm wie bei einem Autounfall mit hoher Geschwindigkeit verletzten Sie sich 2007 bei der Abfahrt in Beaver Creek. Was ist passiert?
Geschwindigkeit ist eines, Kontrolle das andere. Letztere hatte ich damals beim „Golden Eagle“-Sprung nicht, weil ich schlicht zu schnell war. Schon beim Absprung geriet ich in Schieflage, Millisekunden später sah ich kein Sicherheitsnetz mehr, keine Piste. Nur noch Himmel, Wolken und meine Skier.
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Sie krachten mit mehr als 100 Kilometern pro Stunde auf die Eispiste.
Das habe ich später auf Youtube gesehen. Als ich aufschlug, verlor ich das Bewusstsein. Als ich ein paar Sekunden später kurz aufwachte, sah ich nur die Skihandschuhe voller Blut. Erst dachte ich noch, dass der Crash vielleicht doch nicht so schlimm gewesen sei, ich spürte keine Schmerzen, nichts. Im Krankenwagen wurde dann alles schwarz. Erst im „Vail Valley Medical Center“ wurde ich wieder wach. „Es kann sein, dass du wieder aufwachst und einsehen musst, dass du nicht mehr Ski fahren kannst“, sagte der Arzt zu mir.
Sie hätten sterben können.
Mein eigener Ski hatte mich aufgeschlitzt, fast umgebracht. Die Ärzte vermuteten, dass er mir meine Organe und Bauchhöhle zerschnitten hatte, weil ich so viel Blut verlor. Um das festzustellen, schnitten sie mich vorne am Bauch auf, holten meine Organe heraus, packten wieder alles dort hinein und nähten mich zu. Es war wie ein Wunder: Alle Organe waren heil.
Ist der Sport so wichtig, dass Sie dafür Ihr Leben riskieren?
Es ist ja nicht so, dass wir uns von heute auf morgen mit 150 Sachen die Eispisten herunterstürzen. Das ist ein Prozess über Jahre hinweg. Wenn ich allerdings im Weltcup ganz oben auf dem Podest stehen will, muss ich eben voll am Limit fahren. Wenn wir Rennfahrer ehrlich sind, gieren wir danach wie wilde Hunde nach Knochen.
Die Klimabilanz der Skirennläufer
Was vermissen Sie vom Skirennsport?
Skifahren ist das Geilste auf der Welt. Deswegen stehe ich heute noch so oft es geht auf den Brettern – mit meinem Vater oder Freunden. Ansonsten mache ich heute das, was ich immer schon machen wollte.
Sie werben für die Skifirma Head, den Elektronik-Giganten Samsung, Porsche . . .
. . . was alles sehr langfristige Kooperationen sind. Nur mein Gesicht irgendwo in eine Kamera zu halten und zu sagen: „Hey, kauft bitte jenes Produkt“ – das mache ich nicht. Sie können meinen Vater fragen: Schon als Knirps war ich großer Porsche-Fan. Heute dank der umweltfreundlichen E-Autos noch mehr. Das bin ich der Umwelt schuldig.
Wie meinen Sie das?
Na ja, wenn man ganz ehrlich ist, ist die CO2-Bilanz von uns Skirennfahrern alles andere als klimafreundlich. Wir fliegen von Kontinent zu Kontinent. Am Anfang einer Saison geht es in Kanada los, danach folgen die Rennen in Italien und Österreich, bevor es nach Norwegen geht. Sauber ist anders.
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Haben Sie deshalb eine nachhaltige Modemarke gegründet.
Unser Ziel war es, die Modewelt nachhaltig und grundlegend zu verändern. Wenn ein Shirt bei Primark 1,99 Euro kostet, dann kann etwas nicht stimmen. Wir wollten fair sein. Gegenüber unseren Kunden, Händlern, Produzenten. Ich bin der festen Meinung, dass man in der Arbeitswelt nur dann erfolgreich ist, wenn man eine Win-win-Situation für alle erzeugt. Das haben wir gemacht, sodass alle fair und gerecht bezahlt werden. Allerdings bin ich kein Fashionista. Wenn ich in Lyngen oder auf den Lofoten in Norwegen durch den Tiefschnee fahre – das bin ich. Deshalb habe ich meine Anteile an der Modemarke verkauft und stattdessen mit einem anderen Partner eine Skikollektion entworfen. Davon habe ich wenigstens eine Grundahnung (grinst). Und wir setzen dort, wo es geht, ökologische Materialien ein.
Ein Hotel betreiben Sie auch.
Das ist ein Investment wie viele andere auch. Insgesamt bin ich jetzt bei einem Dutzend Start-ups und Unternehmen beteiligt. Aber nicht erst seit heute, sondern seit 2013.
Kündigung im Starthaus einer Abfahrt
Man hat Sie nie mit dem Laptop auf der Piste gesehen.
Dafür aber mit Telefon. Ich kann mich noch gut an die Abfahrt in Beaver Creek erinnern, das müsste 2016 gewesen sein. Wir von NorseLab, das ist eine Beteiligungsgesellschaft für Unternehmen und Start-ups, bei der ich Partner bin, hatten plötzlich ein großes Problem mit einem Geschäftsführer einer unserer Firmen. Der Mann hatte Mist gebaut, er musste gehen. Ein Kollege war in Oslo, einer im Silicon Valley und ich telefonierend im Starthaus in Beaver Creek. Aber: Wir konnten nicht länger warten.
Sie sägen einen Manager an dem Ort ab, wo sie einst einen Horror-Sturz hatten?
Anscheinend war es positiver Stress. Ich gewann das Rennen.
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Haben Sie sich Ihr unternehmerisches Wissen autodidaktisch angeeignet?
Nach dem Brutalo-Crash 2007 sowie den beiden schweren Knieverletzungen hatte ich immer wieder genügend Zeit, mich monatelang weiterzubilden. Weil ich mit meinen Reha-Zeiten nicht an einen Ort gebunden war, verlegte ich mein Aufbautraining ins Silicon Valley. Dort besuchte ich Firmen wie Google, las Bücher über Volks- und Betriebswirtschaft. Und in Coronazeiten habe ich an vielen Online-Kursen, etwa der Stanford University, teilgenommen. Man lernt nie aus.
Hatten Sie kein Fehlinvestment?
Sie glauben gar nicht, wie viel Geld ich versenkt habe. Ich habe aber eine Art gefunden, mir die Misserfolge schönzureden: Ich hatte großes Glück, durch meinen Sport Geld zu verdienen und meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Allerdings konnte ich nie eine Universität besuchen. Daher konnte ich das Geld, das ich für Studiengebühren ausgegeben hätte, sparen.