Friederike Lenhart aus Nürtingen war sechs Wochen lang im Lager Kara Tepe auf Lesbos. Foto: privat

Nach vorn sehen, auch wenn die Lage katastrophal ist: Friederike Lenhart aus Nürtingen hat sechs Wochen im Lager Kara Tepe auf Lesbos geholfen. Dass solche Zustände in Europa herrschen können, sei schwer mitanzusehen, sagt sie.

Nürtingen/Kara Tepe - Als sie von dem Regen hörte, der auf das Lager prasselt wie eine Sintflut, die alles auflöst und verschlingt, war Friederike Lenhart gedanklich wieder in Kara Tepe. Sah die Menschen, die sie kennengelernt hatte, vor sich. Dicht an dicht in überfluteten, halb weggerissenen Zelten. Ohne Heizung, ohne ausreichend Strom, mit kaum warmem Wasser. Sah die Ratten durch die morastigen Wege rennen zwischen den Füßen der Kinder hindurch, vorbei an mitgerissenem Müll und Habseligkeiten. „Ich bewundere die Menschen, die dort ausharren“, sagt Friederike Lenhart. Erst vor ein paar Tagen ist die 33-Jährige aus dem Elendslager auf der griechischen Insel Lesbos zurückgekehrt. Die Krankenpflegerin aus Nürtingen war dort sechs Wochen lang Teil des Helferteams des Deutschen Roten Kreuz.

 

Es wird viel gesprochen derzeit über die unmenschlichen Zustände in Kara Tepe, diesem Armutsquartier am Rande von Europa. 7300 geflüchtete Männer, Frauen und Kinder harren dort in etwa 1000 Zelten aus, warten auf das bessere Leben, das sie in Europa zu finden gehofft hatten. Kara Tepe wurde auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der griechischen Armee errichtet, nachdem das Vorgängerlager Moria im September von einem Feuer weitgehend zerstört worden war.

Schutzlos den Winterstürmen ausgeliefert

In der Nähe des Meeres gelegen, sind die Zelte schutzlos den Winterstürmen ausgeliefert. Helfer berichten, dass der Regen alte Munition unter dem Erdreich freigelegt hat. Bewohner erzählen in Medieninterviews, dass sie nur selten Strom und warmes Wasser haben, keine Heizung. Wegen Corona herrscht eine Ausgangssperre. Immer wieder berichten Hilfsorganisationen, dass ihre Helfer von den griechischen Behörden behindert, nicht eingelassen oder sogar festgenommen werden. In Kara Tepe sei es noch schlimmer als in Moria, sagen viele. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen fordert, das Lager sofort aufzulösen. In einem „Weihnachtsappell“ haben nun 243 Parlamentarier verschiedener Fraktionen die Bundesregierung aufgerufen, sofort weitere Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen.

Wenn Friederike Lenhart von ihrer Zeit in Kara Tepe berichtet, dann lässt sie die politische Dimension außen vor. Sie gehört zur Württembergischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz. Ihre Organisation hat sich der Neutralität verpflichtet. Dennoch sagt Friederike Lenhart vorsichtig: „Dass es so etwas in Europa gibt, ist schon schwer mitanzusehen.“ Aber sie sagt auch: „Wenn ich vor Ort bin, konzentriere ich mich darauf, die Situation für die Menschen zu verbessern.“

Das DRK bietet Hilfe zur Selbsthilfe an

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) soll in Kara Tepe unter anderem die Wasserversorgung sicherstellen. Etwa zehn Rotkreuzler sind vor Ort. Sie arbeiten mit rund 100 Freiwilligen aus dem Lager zusammen. Mit Lkw wird Trinkwasser geliefert und an die neun Wassertanks und acht Wasserstellen verteilt. Außerdem haben die Helfer rund 100 provisorische Duschen installiert, in denen sich die Menschen mit Eimern übergießen können. Seit Kurzem gibt es warmes Wasser. Alle zwei Tage können die Geflüchteten laut DRK damit duschen. Dennoch bleiben die Verhältnisse in Kara Tepe unter den Mindeststandards, auf die sich Nichtregierungsorganisationen in einer Charta vor mehr als 20 Jahren verständigt haben.

Im Krankenhaus in Nürtingen ist es Friederike Lenharts Aufgabe, Kranke zu versorgen und gesund zu machen. Zuletzt versorgte sie in einer Covid-19-Einheit schwer kranke Corona-Patienten. Auf Lesbos half sie mit, dass sich Durchfallerkrankungen wie Cholera, aber eben auch Virenerkrankungen wie Covid-19 gar gar nicht erst verbreiten. Regelmäßig fuhr sie durchs Lager, suchte nach Stellen, wo sich stehendes Wasser sammelt, sich Mücken und Krankheitserreger tummeln können. Außerdem entwickelte sie ein Hygienetraining, wie sich die Menschen vor Corona schützen können. Das DRK bietet Hilfe zur Selbsthilfe an. „Wir haben Freiwillige aus dem Lager geschult, die ihr Wissen wiederum an andere Geflüchtete weitergegeben haben“, erzählt Friederike Lenhart. Aufklärungsarbeit war bitter nötig. Was sind Corona-Symptome? Wie trägt man eine Maske? Wie wäscht man die Hände?

So hilft Quietscheente Charlotte

Wenn man Friederike Lenhart fragt, was ihr besonders in Erinnerung bleiben wird, sagt sie: „Es waren viele kleine Erlebnisse.“ Wenn die Kinder die Scheu vor ihr verloren, wenn sie ihre Quietscheente Charlotte kennenlernten. Wenn geflüchtete Frauen sie um Hilfe baten, etwa während ihrer Menstruation, die in vielen Kulturen ein Tabuthema ist. Es ging um praktische Unterstützung. Hygieneartikel sind im Lager rar. Nicht jede kann mit einer waschbaren Binde umgehen. Aber oft hat die Krankenschwester auch einfach nur den Geschichten der Menschen zugehört. „Manche sagten mir: ,Danke, dass du mich ernst nimmst.‘“ Die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen aus dem Lager hat Friederike Lenhart besonders viel gegeben. Zum Beispiel mit einer Afghanin, die in ihrem Heimatland Anwältin war und nun Friederike Lenharts Hygieneregeln an ihre Landleute im Lager weitergibt. Oder mit einer geflüchteten Künstlerin, die Ausmalbilder entwarf, auf denen Kindern erklärt wurde, wie man eine Campingtoilette benutzt. Es sei ein kollegiales Verhältnis entstanden, sagt Lenhart. Ein wenig Normalität inmitten der Ausnahmesituation. „Aber der Small Talk dreht sich halt darum, dass in der Nacht zuvor ein Sturm das Zelt weggerissen hat.“

Sechs Tage die Woche arbeitete Friederike Lenhart im Lager, einen hatte sie frei – zumindest manchmal. Sie wohnte in der Hauptstadt der Insel, Mytilini, etwa vier Kilometer von Kara Tepe entfernt. Es war der zweite Auslandseinsatz der Pflegefachkraft. Beim ersten arbeitete sie in einer Nothilfe-Klinik im Syrien-Krieg. Sie sei auf solche Einsätze gut vorbereitet, sagt Friederike Lenhart. Wer in Krisengebieten helfen will, wird auf seine physische und psychische Stabilität und Tropentauglichkeit geprüft, durchläuft Trainings, die auf die Arbeit in einer Emergency Response Unit (ERU) vorbereiten. Das sind international verfügbare Einheiten der Katastrophenhilfe der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.

Beide Welten erlebt

Friederike Lenhart vergleicht nicht gern die Verhältnisse anderswo mit jenen hier. Ihre Arbeit in Nürtingen und die im Lager seien beide auf andere Art gleichermaßen hart und sehr erfüllend. Und dass sich die Deutschen über Kontaktbeschränkungen an Weihnachten ärgern, während Kinder in Kara Tepe im Dreck leben, will Friederike Lenhart auch nicht werten. Jeder müsse mit der Situation umgehen, in der er gerade stecke.

Als eine, die beide Welten erlebt hat, weiß die Krankenschwester aber die Wärme, die Dusche, den vollen Kühlschrank in ihrer Wohnung zu schätzen, wo sie seit ihrer Rückkehr derzeit zehn Tage in Quarantäne verbringt. Und danach? Wird sie wieder arbeiten. Todkranken Corona-Patienten helfen, hoffentlich wieder gesund zu werden. Und, wenn ihr Zeit bleibt, wohl immer wieder an die Menschen in Kara Tepe denken.