Das Staatsorchester eröffnete in der Leitung von Giedrė Šlekytė seine Sinfoniekonzert-Reihe in der Liederhalle.
Die litauische Dirigentin Giedrė Šlekytė ist ein Energiebündel, und sie weiß ihre Energie dank einer präzisen Dirigiertechnik ins Orchester hineinzuleiten. Das gelang ihr auch im Sinfoniekonzert, mit dem das Staatsorchester Stuttgart im Beethovensaal seine Saison eröffnet hat: ein sehr abwechslungsreiches, stimmig konzipiertes Konzert, in dem einige Mordsstories erzählt wurden. Als Ouvertüre gab’s Richard Strauss’ galgenhumoristische Tondichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, in der der sanguine Titelheld für seine Verulkung der Obrigkeit zum Tode verurteilt wird. Plastisch gestaltete sich die Geschichte des aufmüpfigen Schalks: das Klangbild glasklar und farbig, auch wenn das Orchester im blitzschnellen Wechsel der sprechenden Gesten nicht immer durch letzte Präzision glänzte.
Anfangs kleine Unschärfen
Ein bisschen Eulenspiegel steckt auch im grotesk-witzelnden ersten Satz des Trompetenkonzerts von Mieczysław Weinberg. Weinberg war 1939 als Jugendlicher jüdischer Herkunft aus Polen vor dem nationalsozialistischen Horror nach Moskau geflohen und dort mit der stalinistischen Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus konfrontiert worden. Um zu überleben, tat er es seinem Mentor Dmitri Schostakowitsch gleich und nutzte die semantische Vieldeutigkeit instrumentaler Musik, um stets offen zu lassen, was genau gemeint ist. Ironische, satirische genauso wie melancholische Tonfälle prägen daher sein Trompetenkonzert von 1967, das die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth nun mit ihrem sehr weichen Ton und brillanter Technik veredelte.
Das Orchester kann dann die nötige Präzision umsetzen
Nach Antonín Dvořáks balladesk-melodischer Tondichtung „Die Waldtaube“, in der das Gurren einer Taube eine Gattenmörderin in den Wahnsinn treibt, offenbarte das Staatsorchester am Ende, wofür wohl die meiste Probezeit verwendet worden war: für Béla Bartóks bruitistisch auftrumpfende Pantomime-Suite „Der wunderbare Mandarin“, die ein brutales Morddrama im großstädtischen Zuhältermilieu erzählt. Hier gelang es dem Orchester mit der nötigen scharfen Präzision die verstörende, grelle Klangwelt aufzubauen, die mit ihren krassen Dissonanzen bis heute nichts an Modernität verloren hat. Enthusiastischer Jubel!
Weitere Aufführung Mo 19.30 Uhr