Sindelfinger OB Vöhringer: „Mich hat es noch nie nach Berlin gezogen“

Von Gerlinde Wicke-Naber 

Bernd  Vöhringer sieht sich als Foto: factum/Granville
Bernd Vöhringer sieht sich als Foto: factum/Granville

Bernd Vöhringer findet die Aufgabe als Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt Sindelfingen noch immer sehr spannend. Deshalb tritt er bei der Wahl im kommenden Mai zum dritten Mal an. Noch gibt es keinen Gegenkandidaten.

Sindelfingen - An seinem Geburtstag empfängt der Oberbürgermeister die Journalistin zum Interview. Das ist typisch für Bernd Vöhringer, der als Workaholic gilt. Immerhin habe er sich den späten Nachmittag freigenommen, verrät er. Zum Kaffetrinken im Familienkreis. Zuvor jedoch steht er Rede und Antwort und erklärt, warum er bei der Wahl des Stadtoberhaupts im Mai zum dritten Mal kandidiert.

Herr Vöhringer, sind 16 Jahre als Oberbürgermeister nicht genug? Sie hätten die Chance gehabt, als Bundestagsabgeordneter in die große Politik zu wechseln. Stattdessen treten Sie erneut in der Heimatstadt an.
Das ist eine Grundsatzfrage: Was möchte ich in meinem Leben machen? Natürlich ist die Aufgabe eines Bundestagsabgeordneten eine wichtige Aufgabe, um Entscheidungen für Deutschland zu treffen. Aber als Oberbürgermeister kann ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern und den Menschen in Sindelfingen konkrete Projekte entwickeln. Ich arbeite eng zusammen mit den Vereinen. Ich kann Themen auf den Weg bringen und begleiten und stehe letztendlich für den Erfolg oder Misserfolg ­gerade. Auch die Nähe zum Bürger ist eine ganz andere als die eines Abgeordneten, ich bin vielen Menschen auch persönlich verbunden. Deshalb hat es mich noch nie nach Berlin gezogen. Das Amt des Oberbürgermeisters ist für mich kein Sprungbrett. Die Stadt Sindelfingen ist für mich nach wie vor spannend.
Fürchten Sie sehr, dass die SPD doch noch einen tollen Gegenkandidaten aus dem Hut zaubert?
Wenn Sie mal bald 16 Jahre Oberbürgermeister waren, dann fürchten Sie nicht mehr so viel.
Der Vorteil eines ernst zu nehmenden Gegenkandidaten wäre, dass vermutlich mehr Bürger zur Wahl gehen als beim letzen Mal. Da lag die Wahlbeteiligung bei nur 29 Prozent.
Selbstverständlich wäre eine höhere ­Wahlbeteiligung wünschenswert, aber zum schwäbischen Naturell gehört ja auch: Wenn alles gut ist, lässt man es laufen. Viel wichtiger ist die stetige Präsenz, mit den Bürgern ständig im Gespräch zu sein – und das bin ich, und zwar nicht nur in Wahlkampfzeiten.
Welches der in den vergangenen Jahren umgesetzten Projekte stammt denn von Ihnen?
Es ist schwierig zu sagen: Das ist mein ­Projekt. Mir ist wichtig, dass wir als Verwaltung gemeinschaftlich auftreten. Wir haben sehr gute und kreative Mitarbeiter. Es gibt Themen, bei denen bin ich stärker der Impulsgeber, bei anderen unterstütze ich mehr. Bei manchen Themen war ich immer sehr stark unterwegs, zum Beispiel beim Thema WLAN in der Innenstadt. Auch das Jubiläumsjahr habe ich intensiv begleitet, das Public Viewing liegt mir am Herzen.
Sind Ihre Mitarbeiter auch der Meinung, die Gemeinschaftsarbeit sei wichtig? Man hört, das Arbeitsklima im Rathaus sei schlecht.
Man hört solche Dinge in der Regel von Parteien, die nach einem eigenen Kandidaten suchen. Von daher ist das eine gezielte Kampagne. Und man hat als Oberbürgermeister nicht nur politische Freunde. Wir sind thematisch sehr weit gekommen: Wir haben in den vergangenen Jahren 600 neue Kitaplätze gebaut, sind bei der Flüchtlingsunterbringung sehr gut aufgestellt, wir ­haben die Sportstättenkonzeption auf den Weg gebracht. Inhaltlich kann man uns nichts vorwerfen. Dann setzen Gegner ­sol­che Behauptungen in die Welt. Behaupten kann man viel. Natürlich gibt es auch ­verwaltungsintern gelegentlich Probleme. Als Führungskraft habe ich die Aufgabe, darauf zu reagieren. Aber das sind nur wenige Fälle. Und ich treffe nie einsame Entscheidungen. Bei wichtigen Personalfragen wird mit dem Verwaltungsvorstand, dem Personalamt und dem Gemeinderat diskutiert.
Ein häufig geäußerter Vorwurf lautet: Herr Vöhringer sitzt Entscheidungen gerne aus. Deshalb gehe es in Sindelfingen auch nur langsam voran.
Behaupten kann ich viel. Haben Sie ein Beispiel?
Sie sollen das Stadtjubiläum erst gar nicht gewollt haben. Als es dann gut lief, hätten Sie es sich auf die Fahnen geschrieben.
Also ganz ehrlich: Eine solche Aussage grenzt schon ziemlich an Dreistigkeit, ­gerade beim Stadtjubiläum. Als Verwaltung – nicht ich allein – haben wir zum Beispiel schon sehr früh kommuniziert, dass wir Personal für die Prozessbegleitung ­brauchen. Ich habe auch den Etat vor der Beschlussfassung in den Gremien um fast 50 Prozent erhöht, um Spielraum im ­Jubiläumsjahr zu haben. Und wir hatten tatsächlich auch den Nutzen, den Sie noch heute sehen: Das Zusammenrücken der ­Bevölkerung, die starke Identifikation mit der Stadt. Dass nun solche Storys über mich erzählt werden, wundert mich schon. ­Andererseits wurde auch im vergangenen Jahr versucht, die Verwaltung in ein schlechtes Licht zu rücken, als der Haushaltseinbruch durch die große Steuerrückzahlung kam. Da hieß es: Die Verwaltung hätte das alles schon lange wissen müssen. Diese politisch motivierten Vorwürfe gingen aus wie das Hornberger Schießen.
Wie kommen Sie mit Ihren Beigeordneten aus, dem Finanzbürgermeister und der ­Baubürgermeisterin?
Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und diskutieren sehr viel. Das Tolle ist, dass wir ganz unterschiedliche Typen sind und verschiedene Perspektiven einbringen. Viele Themen diskutieren wir auch in der großen Runde mit den Amtsleitern und Projektverantwortlichen. Da darf sich jeder einbringen. Und in 95 Prozent der Fälle gehen wir raus mit einem Konsens.
Sind Sie ein schwieriger Bürgermeisterkollege? Ihr Verhältnis zum Landrat Roland Bernhard und dem Kollegen der Nachbarstadt, Wolfgang Lützner, gilt als schlecht.
Das ist auch eine Behauptung. Warum soll ich schwierig sein? Ich habe eine Position. Und ich will immer das Beste für meine Stadt. Das ist mein Job. Dass dies mal dem Landrat oder dem Kollegen nicht gefällt, das kann gut sein. Umgekehrt würde ich nie sagen, dass ein Kollege schwierig ist, nur weil mir seine Position nicht gefällt. Ich neige auch nicht dazu, alles gleich öffentlich zu kommentieren, was mir nicht ­gefällt. Ich versuche, die Dinge direkt zu klären und nicht über die Medien. Wenn ich ein gemeinsames Ergebnis habe, dann gehe ich an die Presse.
Ist die gemeinsame Stadt Böblingen-Sindelfingen noch immer eine Thema für Sie?
Ich bin noch immer der Überzeugung, dass diese einmal kommen wird. Mit Blick auf die Erfahrungen der letzten Jahre würde ich aber sagen: Das kann zeitlich noch ­etwas dauern.
Was sind die Themen für die kommenden acht Jahre für Sie?
Da ist zum einen die Umsetzung der Sportstättenkonzeption. Dass wir das Floschen­stadion sanieren, das ist nicht nur wichtig für die Sportler, sondern auch für die Identität vieler Sindelfinger. Die hängen am Stadion. Das war uns in dieser Dimension nicht bewusst. Das Thema Badezentrum wird ein weiteres großes Thema sein.
Wie ist dazu Ihre Position? Wollen Sie das Bad privatisieren oder in städtischer Trägerschaft belassen?
Ich habe mich noch nicht abschließend festgelegt. Aus meiner Sicht muss etwas getan werden, das Bad muss attraktiver werden. Das wird auch von der Bevölkerung erwartet. Es geht um die Frage: Wie machen wir das? Haben wir die Mittel? Dem gegenüber müssen wir die Risiken eines Investors stellen. Das müssen wir abwägen.
Weitere Themen?
Was mir sehr wichtig ist, ist die Entwicklung des Zusammenhalts in der Stadt. Mit dem Jubiläumsjahr ist ein Ruck durch die Stadt gegangen. Es gibt ganz viele Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. Das hat man jetzt auch beim Thema Willkommenskultur für die Flüchtlinge gesehen. Viele Menschen, Vereine und die Bürgerstiftung arbeiten toll zusammen.
Was ist für Sie das Besondere an Sindelfingen?
Die Bedeutung des Ehrenamts ist enorm. Und die Zusammenarbeit der Vereine und auch von Haupt- und Ehrenamtlichen funktioniert sehr gut. Das war nicht immer so. Als die Stadt mehr Geld hatte, waren die Rivalitäten viel ausgeprägter. Darüber ­hinaus ist die spezifische Struktur etwas Besonderes. Wir sind sehr international – sind auch für Migrationsforscher sehr interessant. Das ist deshalb auch ein großes Thema. Wir haben diesbezüglich eine Erfolgsgeschichte, und die wollen wir fortschreiben. Zurzeit geht es ja vor allem um das Zusammenleben der Religionen. Im Moment ist die Entwicklung gesamtgesellschaftlich eher schwierig. Es ist mir wichtig, Brücken zu bauen. Zum Beispiel mit dem gemeinsamen Fastenbrechen, das wir in diesem Jahr im Rathaus hatten.

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