Zum guten Ton gehört(e) Dual: Blick ins Hifi-Studio, seinen Plattenspielern und Kopfhörern. Foto: Elektro Elsässer/

Ach, was waren das für selige Zeiten, als es in Sindelfingen noch die „Musik-Boutique“ gab. Eine kleine Zeitreise mit der Frau, die dort als Fachverkäuferin eine Art „Dr. Music“ war – Liselotte „Lilo“ Schaffer.

Kaum etwas anderes brennt sich so auf die Festplatte des eigenen Gehirns wie der erste Kuss (wie hieß sie doch gleich?), die erste heimlich gerauchte Zigarette – oder die erste eigene Schallplatte. Sei es nun eine Single oder eine Langspielplatte. Und so erinnern sich viele noch daran, welche Scheibe sie einst wo gekauft haben. In vielen Fällen fällt dann ein Name ganz unbedingt: die „Musik-Boutique Elsässer“ in der Unteren Vorstadt in Sindelfingen. Dort war DIE Adresse, wenn die, die man heute „Vinyl-Junkies“ nennen würde, mal wieder ihren „Stoff“ brauchten, weil sie und ihr geliebter Plattenspieler an der Nadel hingen. Meistens übrigens eine in einem „Dual“, weil der Hersteller aus St. Georgen mit seinen reibradgetriebenen Automatikspielern für Schwarzwälder Präzision stand. Marktbeherrschend.

 

Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich auch kein Kratzer drauf befindet

Klar, dass „Duals“ seit Anfang der 60er-Jahre in der Musik-Boutique rotierten. Eingebaut hinter einer Holztheke mit Barhockern davor. Hier konnte man vor dem Gang an die Kasse anhören, was man – eventuell – wollte, statt die Katze im Sack zu kaufen. Es sei denn, man wusste schon aus der Hitparade im Radio Bescheid. Platten waren ja vergleichsweise teuer – und Schülerinnen und Schüler oder Lehrlinge knapp an Kohle. Eine LP für geschätzte 16 Mark, das konnte ja schon näherungsweise ein Monatsbudget sein. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich die richtige Scheibe für den Kunden findet. Und sich darauf auch ja kein Kratzer befindet.

Karl-Heinz Zimmermann, ehemals Metzger im elterlichen Betrieb und heute Vertriebsfachkraft bei Di Gennaro in Stuttgart, weiß noch haargenau, was er als junger Kerle in der „Musik-Boutique“ gekauft hat: die Beatles „For Sale“, der vierte Longplayer der Liverpooler Pilzköpfe von 1964. So 12, 13 wird „Karli“ damals gewesen sein. „Ich hab da wohl mein Taschengeld hingetragen“, lacht der Endfünfziger „Karli“ heute.

Joachim Kupke und Werner Schumacher waren mehrmals die Woche da

Welche Platte genau er als erste gekauft hat in der „Musik-Boutique“? Der Sindelfinger Künstler Joachim Kupke hirnt zwar mächtig. Allein, es fällt ihm nimmer ein. Aber der kürzlich 75 gewordene Altstadt-Kreative weiß noch wie heute, dass der Plattenladen am heutigen Wettbachplatz „quasi mein zweites Wohnzimmer, mein Ersatz-Jugendzimmer war“. Dort, zwischen Plattenregalen und Anhörtheke, trieb sich Kupke gerne herum. Mit seinem Bis-heute-Freund Werner Schumacher, dem Sindelfinger Stadthallen-Cheftechniker im Ruhestand. Wobei man im Gespräch mit den beiden heraushört, dass Kupke und Schumacher das große Angebot an Rockscheiben ebenso gut gefallen haben muss wie die junge hübsche Verkäuferin namens „Nicole“. Leider war die für diesen Beitrag nicht mehr recherchierbar, zumindest auf keinem historischen Foto aufzufinden. Aber in den Köpfen der genannten Herren bis heute präsent.

Von A wie Peter Alexander bis Z wie Frank Zappa

Das gilt für eine Frau, „Musik-Boutique“-Legende Liselotte „Lilo“ Schaffer, ganz genauso. Mit knapp über 30 kam die gebürtige Lübeckerin seinerzeit nach Sindelfingen und in Elsässer-Dienste. Als Einzelhandelskauffrau, die in ihrer Abschlussprüfung noch Musikfragen beantworten musste und auf Herz und Nieren beim Thema Schallplatten getestet worden war.

Ja, Lilo Schaffer mit ihrem blonden Pagen-Haarschnitt musste sich auskennen – und kannte sich aus in den deutschen und internationalen Charts. Von A bis Z, von Peter Alexander bis Franz Zappa. Ein paar Takte von einer Kundin vorgeträllert oder eine halbe Liedtextzeile zitiert – und Lilo Schaffer wusste, wo im Regal suchen. Nicht nur, wenn einer vorsang: „Ich hätte gerne die Platte, wo einer ,Yeah! Yeah! Yeah!“ oder „Twist and Shout“ singt.

Der Autor dieser Zeilen hätte das nie gewagt. Wer im Vorsingen im Musikunterricht eine „Setzen, Fünf“ erhält (war der Stimmbruch schuld?), der vermeidet Peinlichkeiten. Lilo Schaffer aus Nufringen, heute 80, freilich konnte auch so helfen. Die neue Scheibe von Jethro Tull („Aqualung“), von Genesis die „Foxtrott“ oder von Emerson, Lake & Palmer die „Trilogy“? War alles vorrätig da. Oder bestellbar. Ein Dutzend Vertreter gingen hier alle 14 Tage ein und aus. Handelsvertreter von Ariola, Polydor, von Philips, Teldec oder Intercord nahmen ihre Order entgegen und stellten Neuheiten vor. Zum Beispiel die von Depeche Mode.

Lilo Schaffer verkaufte den Jungen King Crimson, sie mochte Maria Callas

Was weniger den musikalischen Nerv von Lilo Schaffer traf. Die stand und steht ja eher auf Klassik und Oper, Diva (Maria) Callas etwa in Puccinis „La Bohème“. Oder Kultdirigent Herbert von Karajan, den viele unter der treuen gesetzten Stammkundschaft in der Klassikabteilung immer wieder verlangten. Dass man mit ELP, Led Zeppelin, King Crimson oder Uriah Heep ein Kulturbanause gewesen wäre – Frau Schaffer hätte einen das nie spüren lassen. Sie hat diese Musik ja auch gehört – zwangsläufig, weil in der „Musik-Boutique“ immer was Aktuelles dudelte. Zum Beispiel Deep Purples „Smoke on the Water“. Das gab einem, was die Rolling Stones „Satisfaction“ grölten.

Welche war die erste Scheibe? T. Rex oder Tarkus?

Welches die erste Scheibe war, die der Autor dieser Zeilen gekauft hat, weiß der nicht mehr. War’s T. Rex’ „Electric Warrior“? In jedem Falle auch eine von Emerson, Lake & Palmer, „Tarkus“ vermutlich. DAS sei „progressive Musik“, sagte einer am Nebenhörplatz, orderte eine Cola und bot seinem Nebensitzer eine „Eckstein“ ohne Filter an. Damals durfte man dort noch rauchen!

Das wäre seinerzeit im kleinen Plattenlädle von Elektro-Berta-Dannecker in Dagersheim nicht möglich gewesen. Hätte die mitbekommen, dass der kleine Sigi Dannecker nach Heintje, Peter Alexander, Sweet und Slade (Shame on me) nun auf die schiefe Bahn der langhaarigen Hippies und Hardrocker zu drohen geriet: Sie hätte die Eltern informiert, die Sittenpolizei alarmiert. Lilo Schaffer war das egal. Sie war diskret. Und sie erinnert sich bis heute gerne an drei Jahrzehnte in der „Musik-Boutique“: „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt sie. So erging’s uns Jungen doch auch.