Lisa Keller (rechts) kümmert sich um eine betagte Patientin in der Klinik. Foto: factum/Granville

Landesweit einzigartig am Sindelfinger Klinikum: Sogenannte Patientenbegleiter helfen das gefürchtete Delir bei älteren Patienten im Krankenhaus zu vermeiden. Das Projekt läuft seit Juli überaus erfolgreich und soll ausgeweitet werden.

Sindelfingen - Wenn hochbetagte oder gar demente Patienten ins Krankenhaus müssen, kann das richtig gefährlich werden. Die Rede ist nicht etwa von tödlichen Krankenhauskeimen. Das Problem: alte Menschen erleiden nach Operationen und Klinikbehandlungen oft ein sogenanntes Delir. Sie sind verwirrt, können sich nicht orientieren. In einigen Fällen endet das sogar tödlich.

Mit einem in Baden-Württemberg wohl einzigarteigen Pilotprojekt soll am Sindelfinger Klinikum diese Delir künftig vermieden werden – mit Hilfe von ehrenamtlichen Patientenbegleiter. Seit Juli läuft die erste Phase in den drei Stationen der Unfallchirurgie. Und Karl-Michael Reinauer, der Chef der Altersmedizin an der Klinik, sieht bereits große Erfolge: „Von den 160 Patienten, die in den ersten drei Monaten begleitet wurden, erlitt keiner ein Delir. Die Patienten und Schwestern finden die Betreuung sehr gut.“

Nun soll das Projekt auf andere Abteilungen der Klinik ausgeweitet werden. Dafür werden weitere ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gesucht. Zudem muss die Finanzierung geklärt werden. Nach einer Anschubfinanzierung durch den Böblinger Kreisseniorenrat hofft man nun auf einen Zuschuss des Landkreises.

Fast die Hälfte der Patienten sind älter als 70

Die Zahl alter Menschen in den Kliniken nimmt wegen der demografischen Entwicklung überall stetig zu. „Mittlerweile sind 1000 von 2400 stationär behandelten Patienten in unserer Klinik über 70 Jahre alt, erheblich vorerkrankt und gefährdet, wenn sie mit Knochenbrüchen in die Klinik eingewiesen werden“, sagt Axel Prokop, der Chefarzt der Sindelfinger Unfallchirurgie. 15 bis 30 Prozent der Patienten über 70 Jahren erlitten ein Delir. „Und 15 bis 25 Prozent der Betroffenen sterben an den Folgen des Delirs.“

Dabei könne dies gut vermieden werden. „Ansprache, Zuwendung und Beschäftigung verringern dieses Risiko enorm“, sagt Prokop. Doch dafür haben die Schwestern und Pfleger keine Zeit. Die Pflege dieser Patienten, die häufig mit Vorerkrankungen kommen, sei sehr aufwendig. „Sie brauchen Hilfe beim Waschen, beim Essen, beim Anziehen. Zeit für intensive Gespräche bleibt uns da kaum“, bedauert Erna Schwerb, die als Gruppenleitung die Verantwortung für die Pfleger der drei Unfallstationen trägt.

Die beiden Chefärzte Prokop und Reinauer wussten von Projekten in Nordrhein-Westfalen, bei denen Ehrenamtliche die gefährdeten Patienten betreuten – mit sehr gutem Erfolg. Sie überlegten, wie dieses Konzept beim Klinikverbund Südwest umgesetzt werden könnte und fragten beim Kreisseniorenrat an. Gemeinsam mit der Leonberger Nachbarschaftshilfe Fish organisierte Manfred Koebler vom Kreisseniorenrat die erste Phase des Projekts.

Weitere Freiwillige werden gesucht

Sechs Ehrenamtliche gehören momentan zum Team. Täglich ist einer am Nachmittag in der Unfallchirurgie. Eine davon ist Lisa Keller. Die Schwestern suchen unter ihren Patienten diejenigen aus, die an diesem Tag besondere Zuwendung brauchen. Auf einem Übergabeprotokoll notieren sie das Wichtigste für die Begleiterin: Ob der Patient eine Brille hat, ein Hörgerät benötigt, ob er essen und trinken darf, in welcher Stimmung er ist. Zwei Stunden verbringt Keller mit dem Patienten. „Oft geht es nur darum, zuzuhören und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten und Sicherheit zu vermitteln“, berichtet Keller. Wenn jemand es wünscht und fit genug ist, macht sie auch mal einen Spaziergang oder begleitet den Patienten in die Cafeteria. Zu Gute kommt ihr, dass sie selbst Krankenschwester ist. „Das ist aber nicht Bedingung für einen Patientenbegleiter“, betont Manfred Koebler, der Chef des Kreisseniorenrats.

Nicht nur Patienten, die sonst keinen Besuch erhalten, profitieren von den Patientenbegleitern. „Viele Angehörige sind überfordert, wenn plötzlich Vater oder Mutter im Krankenhaus sind. Sie hetzen gestresst nach der Arbeit ans Krankenbett“, sagt Axel Prokop. Doch so seien sie keine Hilfe für verwirrte Patienten.

Nach dem Besuch der Freiwilligen seien die Patienten „viel ruhiger“, sagt Reinauer. „Sie schlafen und essen besser, sind weniger depressiv.“ Er hat den direkten vergleich zwischen Patienten der Unfallstationen und der anderer Stationen ohne Patientenbegleiter. „Den Menschen in der Unfallchirurgie geht es deutlich besser.“

Ehrenamtliche werden von Chefärzten geschult

Deshalb soll das Projekt auf andere Stationen und später auf die anderen Häuser des Klinikverbunds ausgeweitet werden. Dafür werden weitere Freiwillige gesucht. Dieser werden vor ihrem Einsatz geschult und laufend fortgebildet.

Auch Männer und Leute ab einem Alter von 65 Jahren seien willkommen. Der erste Mann hat sich bereits gemeldet. Peter Renelt hat selbst vor kurzem erlebt, wie sich ein Klinikaufenthalt auf seine Mutter auswirkte. „Vielleicht hatte sie ein Delir, und wir haben es nicht bemerkt.“ Nun möchte er anderen Patienten beistehen.

Sie selbst gehe nach einem Einsatz sehr zufrieden nach Hause, sagt Lisa Keller. „Es ist schön, wenn Patienten fragen, wann man wiederkommt.“

Infoabend für interessierte Freiwillige

Finanzierung
Der Kreisseniorenrat gab 1500 Euro zur Anschubfinanzierung für die Patietenbegleiter. 2600 Euro spendete der Rotary-Club Sindelfingen-Böblingen. Damit wird die zweite Projektphase bezahlt. Der Kreisseniorenrat hat nun beim Kreis 20 000 Euro beantragt. Damit könnte das Projekt auf andere Stationen ausgeweitet werden. Der Kreistag hat noch nicht über den Antrag entschieden. Die Signale der Räte waren positiv.

Ehrenamtliche
Weitere Freiwillige werden gesucht. Sie erhalten vor ihrem ersten Einsatz eine Schulung sowie laufende Fortbildungen durch die Chefärzte. Zudem erhält jeder Patientenbegleiter eine kleine Aufwandsentschädigung von etwa acht Euro pro Stunde. Interessenten können am 16. Januar im Böblinger Landratsamt, Parkstraße, an einer ersten Info-Veranstaltung teilnehmen. Sie beginnt um 15 Uhr. Um Anmeldung wird gebeten, unter der Rufnummer 0 71 52/3 07 99 11.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: