Drei Mütter mit Kindern fahren in Dresden mit dem Zug weiter Foto: Koebler/privat

Der Sindelfinger Markus Koebler fährt mit Kollegen Hilfsgüter 1357 Kilometer weit ins polnische Chelm nahe der ukrainischen Grenze. Auf dem Rückweg bringen sie vier geflüchtete Frauen und fünf Kinder mit. Und Geschichten, die zu Tränen rühren.

Sindelfingen/Chelm - Am vergangenen Freitag um 12 Uhr hieß es für den Sindelfinger Markus Koebler: Abfahrt ins Ungewisse. Gemeinsam mit Arbeitskollegen brach er auf, um Hilfsgüter ins 1357 Kilometer entfernte Chelm zu fahren, der Sindelfinger Partnerstadt in Polen. Dorthin fahren derzeit viele Konvois aus dem Kreis Böblingen, auch die der Sindelfinger Initiative „Helfen statt Hamstern“, die in Windeseile die Klosterseehalle mit Spenden füllte. Zurück fahren sie nicht leer, sondern bringen Vertriebene aus den Krisengebieten mit, die von Initiativen vor Ort aufgenommen werden. So auch der Konvoi von Markus Koebler.

 

Vollbepacktes Fahrzeuggespann geht auf die Reise

„Als mich mein Chef gefragt hat, ob ich mitmache, habe ich gesagt: Ich bin zwar kein Arzt oder Psychologe, aber ich kann Autofahren. Und damit kann ich helfen“, sagt der 54-Jährige, der seit 2016 in Ditzingen als Fahrlehrer arbeitet. Also ein Profi am Lenkrad, wie seine sieben Mitstreiter auch. Gemeinsam trommeln sie in Ditzingen für Spenden – und werden großzügig beschenkt. Insgesamt kommen in kürzester Zeit vier Tonnen an Hilfsgütern zusammen: Decken, Schlafsäcke, Medikamente, Verbandszeug, aber auch Stofftiere, Hygieneartikel und Lebensmittel, die der Trupp dann auf einen 5,5-Tonner, einen Kastenwagen, einen VW Bus und einen Pick-up samt Anhänger verteilt. Voll bepackt rollt der Hilfskonvoi mit den umfunktionierten Fahrschulautos am Freitagmittag vom Hof – obwohl das Ziel noch gar nicht genau feststeht.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Sindelfinger spenden reichlich

In einem Internat ein Mütze Schlaf abbekommen

„Wir haben noch während der Fahrt mehrfach die Route geändert, waren immer im telefonischen Kontakt mit den Kolleginnen in der Fahrschule, die sich im Büro um die Papiere gekümmert haben“, sagt Koebler. Am Ende wurden sie in die Sindelfinger Partnerstadt Chelm gelotst, wo es gut organisierte Abladestellen geben solle. Der Adrenalinspiegel war entsprechend, weshalb an Schlaf nicht zu denken war. „Als Beifahrer haben wir zwar die Augen zugemacht, aber schlafen konnten wir nicht.“ 1357 Kilometer später kommt der Konvoi am Samstagmorgen um 10 Uhr in Chelm an.

Kooperation mit der Fahrschule Halanke aus Herrenberg

Bei alldem kooperiert die Truppe mit einem noch größeren Konvoi der Fahrschule Halanke aus Herrenberg, der das gleiche Ziel hat. Bei diesem ist auch die Lebenshilfe Herrenberg involviert. Koebler: „Immer wieder bekamen wir neue Kontaktpersonen vermittelt, die uns zu den Sammelpunkten geschickt haben. Vor Ort war dann aber alles sehr gut organisiert auf einer Art Messegelände, wir wurden sehr herzlich empfangen“, sagt der Sindelfinger. Ein Kontaktmann vermittelt die Fahrer danach an ein Internat, wo sie eine Mütze Schlaf abbekommen.

Für ihn und seine Mitstreiter war von vornherein klar, dass sie nicht leer zurückfahren würden. Sie fragten sich vor Ort durch, wo Vertriebene ankommen, die eine Weiterreise nach Deutschland bräuchten. Koebler: „An einer Stadthalle gingen viele Transporte los, weshalb wir es dort versuchten.“ Sie bastelten kurzerhand ein Schild, auf dem stand: Dresden/Stuttgart.

Mitfahrer Richtung Deutschland finden sich schnell

Auf Mitfahrer brauchten sie nicht lange zu warten, relativ schnell fanden sich drei junge Mütter mit ihren fünf Kindern und eine weitere Frau ein. Koebler: „Ein 14-jähriges Mädchen konnte ein paar Brocken Englisch, so konnten wir uns verständigen. Die Frau ohne Kinder machte einen traumatisierten Eindruck. Sie wollte nur eines versichert haben, bevor sie einstieg: Dass sie auf keinen Fall Russen begegnen würde.“ Es stellt sich heraus, dass sie aus der Nähe des angegriffenen Atomkraftwerks Saporischschja kam. Dort hat sie vermutlich schreckliche Dinge erlebt.

Um 22 Uhr am Samstag geht’s auf die Rückreise – mit neun Flüchtlingen an Bord

Obwohl nach der langen Fahrt übernächtigt, macht sich der Konvoi am Samstagabend gegen 22 Uhr wieder auf den Rückweg. Da eine der Familien einen Kontakt in Hamburg hatte, die anderen bei Koblenz, bringen sie die Helfer am Sonntag nur bis nach Dresden. Dort steigen sie jeweils in einen ICE. Die Fahrt mit der Deutschen Bahn ist für die Vertriebenen derzeit kostenfrei, alles klappt reibungslos. Nur die allein fahrende Frau bleibt bei ihnen bis nach Stuttgart. Am Sonntag gegen 16 Uhr kommt der Konvoi wieder in schwäbischen Gefilden an.

Da steht auch schon fest: Die Frau aus der Ukraine kann bei Verwandten der Fahrschule Halanke auf einem Bauernhof bei Tailfingen unterkommen. Am nächsten Morgen bricht sie am Frühstückstisch in Tränen aus, ist überwältigt von so viel Hilfsbereitschaft. Mit einem Übersetzungsprogramm auf ihrem Handy teilt sie sich mit: „Vorgestern war ich noch hoffnungslos in der Hölle, gestern habe ich mich getraut, bei euch mitzufahren, heute bin ich im Paradies aufgewacht.“

Am kommenden Wochenende will Markus Koebler wieder aufbrechen

Auf dem Hilfskonvoi erlebt Koebler viele Szenen, die ihm nahe gehen: Die Dankbarkeit der Polen, die gerührt sind von der deutschen Hilfsbereitschaft. Oder das Geschenk eines kleinen Mädchens, das mit ihm nach Dresden gefahren ist: „Sie hat mir eine kleine ukrainische Münze geschenkt, als Andenken. Das hat mich fast zu Tränen gerührt. Die Münze habe ich immer noch in der Hosentasche. Sie bekommt einen Ehrenplatz.“

Bei einer einmaligen Aktion will der Sindelfinger es nicht belassen. Schon am kommenden Wochenende bricht er wieder auf: Noch einmal 1357 Kilometer einfach, weitere Sachspenden sind bereits angekommen. Koebler: „Dieses Mal wollen wir aber versuchen, einen festen Ansprechpartner vor Ort zu haben und eine feste Abladestelle.“ Noch wichtiger ist ihm aber diese Bedingung: wieder Geflüchtete mit nach Deutschland nehmen.

Markus Koebler – vom IBMer zum Fahrlehrer

In Sindelfingen
 verbringt Markus Koebler die meiste Zeit seines Lebens und lebt auch heute noch dort mit Frau und Kindern.

Rund 20 Jahre
 steht der 54-Jährige in den Diensten der IBM in Ehningen, arbeitet auf Positionen im Vertrieb und im Marketing.

Im Jahr 2016
 sattelt Koebler um und wird Fahrlehrer in Ditzingen für Auto, Motorrad und Lastwagen. Mittlerweile ist er Dozent an der Fahrlehrerschule in Heilbronn. Auch privat fährt er für sein Leben gern: Etwa in den Urlaub nach Skandinavien.