Nach diversen Stationen hat Marco Kehl-Gomez beim SGV Freiberg eine Heimat gefunden. Der Kapitän wünscht sich aber mehr Zuschauer am Wasen.
Marco Kehl-Gomez muss nicht lange überlegen, wem er bei der Fußball-Europameisterschaft mehr die Daumen drückt. Den Spaniern oder der Schweiz. „Der Schweiz. Definitiv. Und sie werden in einer schweren Gruppe sicher ein gute Rolle spielen“, sagt der Kapitän des Fußball-Regionalligisten SGV Freiberg. Sein Vater ist Schweizer, die Mutter kommt aus Madrid. Deshalb hat der 31-Jährige natürlich auch eine enge Bindung zu den Spaniern. Aber er ist in Zürich geboren und aufgewachsen und hat bei Grasshopper Zürich dann zum ersten Mal gegen den Ball getreten.
Während er von den internationalen Familienbanden erzählt, sitzt er in einem Bäckerei-Cafe in Freiberg und nippt an seinem Espresso. Hier geht er auch regelmäßig zum Essen hin. Ein angenehmer Rückzugsort, nicht weit vom Trainingsplatz des SGV Freiberg entfernt. Auch beim Regionalligisten hat sich der zentrale Mittelfeldspieler inzwischen bestens eingerichtet. Marco Kehl-Gomez ist angekommen.
Die Freiberger unterschätzt keiner mehr
Freiberg soll für ihn nach vielen Stationen wie Pfullendorf, Chemnitz, Elversberg. Saarbrücken oder Rot-Weiß Essen ein „länger angelegtes Projekt“ werden. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Hardthausen am Kocher, die Mädels gehen dort zur Schule. „Wir fühlen uns wohl und sportlich läuft es auch super, nachdem der Verein einen Cut gemacht hat und fast 20 neue Spieler gekommen sind“, sagt Kehl-Gomez. Zudem ziehe auch die Stadt Freiberg langsam mit. „Da entwickelt sich was.“
Sein Vertrag gilt noch bis Sommer 2026. Vor zwei Jahren wechselte er von Türkgücü München an den Wasen zum damaligen Oberligisten – und seitdem geht es für den Club bergauf. Kehl-Gomez stieg in die Regionalliga auf, half in der vergangenen Saison , den Klassenverbleib zu sichern und hat auch seinen Anteil an der bislang zauberhaften Saison, die der Tabellenvierte hingelegt hat.
„Am Anfang wurden wir noch belächelt in der Liga. Jetzt unterschätzt uns keiner mehr“, sagt der Kapitän. Er sieht sich als Taktgeber auf dem Platz, geht sehr emotional in jede Fußballpartie, und die Gegner fürchten seine Zweikampfstärke. Sportlich hat der 31-Jährige noch Lust auf mehr – den Aufstieg in die 3. Liga zum Beispiel. Dreimal stand er mit anderen Clubs in den Relegationsspielen kurz vor diesem Ziel. Aber es hat nie gereicht.
Ciriaco Sforza als prägender Trainer
Die Rolle des Spielführers interpretiert er auch neben dem Platz als Meinungsführer. Als es der Verein Anfang des Jahres aus kuriosen Umständen verpasste, rechtzeitig einen Lizenzantrag für die 3. Liga einzureichen, wurde Kehl-Gomez deutlich: „Wir waren maßlos enttäuscht. Da nimmt uns der Verein einfach ein Ziel weg, das für uns gar nicht so unrealistisch war“, sagt er. Umso erstaunlicher sei gewesen, wie die Mannschaft diesen Rückschlag weggesteckt hat und weiter auf erfolgreichem Kurs in der Rückrunde geblieben sei.
Der frühere Bayern-Profi Ciriaco Sforza als Coach bei den Grashopper Zürich und Michael Wiesinger als Trainer bei Elversberg haben Marco Kehl-Gomez als Spieler entscheidend geprägt. „Sforza hat mir die Tür in der Schweiz geöffnet, Wiesinger in Deutschland“, sagt er. Aber auch zu seinem aktuellen Coach Roland Seitz gibt es eine besondere Verbindung. „Roland Seitz war in meiner Zeit in Elversberg Sportdirektor. Ich schätze ihn sehr, und er hat maßgeblichen Anteil an unserem Erfolg“, sagt der Schweizer. Freibergs Fußball-Lehrer wiederum gibt das Kompliment zurück: „Marco ist ein sehr professioneller Mensch, der in der Kabine wie auch auf dem Platz immer vorbildlich vorangeht“, sagt Roland Seitz. Beide haben das Ziel, die Runde mindestens auf dem vierten Tabellenplatz abzuschließen.
Dafür müssen an diesem Samstag (14 Uhr) drei Punkte gegen Hessen Kassel her. Marco Kehl-Gomez ist davon überzeugt, dass dies gelingt, auch wenn es für den Gast noch um wichtige Zähler für den Klassenverbleib geht. „Aber daheim sind wir eine Macht und stehen inzwischen defensiv unheimlich stabil“, sagt er. Er würde sich nur wünschen, dass endlich mehr Zuschauer ins Stadion an den Wasen kommen, und nicht nur wenn Gäste wie die Kickers aus Stuttgart oder Offenbach ihren Anhang mitbringen. Das hätte sich die Mannschaft verdient.
Die Euro wird er übrigens einmal auch live im Stadion verfolgen. Für ein Spiel der Schweizer hat er kein Ticket bekommen. Aber er fährt nach Gelsenkirchen und schaut sich die Partie zwischen Spanien und Italien an – die Karte hatte ein Nachbar aus Hardthausen gewonnen und ihm geschenkt.