Der Beirat, der die Fälle sexualisierter Gewalt im Tennental untersucht hat, hat am Donnerstag seinen Abschlussbericht vorgelegt. Foto: Stefanie Schlecht

162 Seiten umfasst der Abschlussbericht zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Fälle sexualisierter Gewalt im Tennental bei Deckenpfronn. Die Verfasser zeigen sich zufrieden mit der Umsetzung der in 2022 empfohlenen Maßnahmen.

Hohe Wellen haben die Anfang 2020 publik gewordenen, sexuellen Übergriffe im Tennental geschlagen. Damals hatte die seit 1991 bestehende Dorfgemeinschaft den Entschluss gefasst, einen unabhängigen Beirat mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Fälle zu beauftragen. Am Donnerstag hat dieser nun seinen 162-seitigen Abschlussbericht vorgelegt.

 

Bevor der Beiratsvorsitzende Peter Groß die wesentlichen Erkenntnisse des Berichts präsentierte, entschuldigte sich Vorstandssprecher Matthias Hacker erneut für das Geschehene. Die Übergabe des Berichts sei „kein formeller Akt, sondern gründet auf einer tiefen Erschütterung über die Taten und den daraus resultierenden Schmerz.“ Hacker machte zudem deutlich, dass die betroffenen Bewohnerinnen nicht nur Einzeltätern zum Opfer gefallen seien, „sondern auch einer Struktur, die deren Treiben nicht schnell genug entdecken und beenden konnte“. Dies liege darin begründet, dass die organisierte Lebenspraxis in sozialen Einrichtungen per sie gewaltfördernde Strukturen befördere und diese verstetige, weil ein großes Abhängigkeitsverhältnis zwischen den auf Hilfe angewiesenen Personen und ihren Betreuern bestehe, erklärte Peter Groß. So sei es für Betroffene beispielsweise schwer zu erkennen, ob bei Hilfe bei der Körperpflege eine Grenze überschritten werde – und ein „Nein“ falle oft nicht leicht.

Empfehlungen des Zwischenberichts wurden umgesetzt

(v.l.) Prof. Peter Groß, Elke Heger, Marion Quellmalz-Zeeb und Matthias Hacker präsentieren den Abschlussbericht. /Roger Buerke

„Gewaltprävention wird nur dann umfassend wirksam, wenn diese bei allen in Fleisch und Blut übergeht“, betonte Groß weiter. Das sei zur Zeit der Taten im Tennental nicht der Fall gewesen. Deshalb hatten er und die Kollegen des Beirats bei ihrem Zwischenbericht, den sie bereits im Sommer 2022 vorgelegt hatten, Empfehlungen für Maßnahmen ausgesprochen, die die Strukturen im Tennental verbessern sollten. Dass sich Mitarbeiterschaft und Leitung sofort um alle Empfehlungen gekümmert hätten, findet Peter Groß „unglaublich beeindruckend“.

Der Forderung beispielsweise, dass die „Gewaltpräventionsarbeit stabilisiert und professionalisiert werden soll“, sei dadurch Rechnung getragen worden, dass die bereits vorhandene Stelle auf 90 Prozent aufgestockt worden sei. Bei den beiden Frauen, die sich die Stelle teilen, sei zudem darauf geachtet worden, dass diese im Tennental keine Doppelfunktionen wahrnehmen würden, berichtete Matthias Hacker. Außerdem wurde im Tennental seitdem das Gewaltschutzkonzept weiterentwickelt und ein sexualpädagogisches Konzept vor dem Hintergrund des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung Behinderter erarbeitet. Bei beiden Prozessen wurden auch Menschen mit Assistenzbedarf eingebunden. Dieses partizipative Vorgehen wird im Kapitel des Abschlussberichts erläutert, das den Zwischenbericht von vor zwei Jahren ergänzt.

Die Geschehnisse im Tennental sind kein Einzelfall

Den ursprünglichen Plan, im Abschlussbericht auch die Perspektiven der Betroffenen und Angehörigen aufzugreifen, habe der Beirat nach intensiven Gesprächen mit ihnen verworfen, berichtete Groß weiter. Die Gründe, unter anderem der Schutz der Persönlichkeit, seien „verständlich“.

Dass bereits der Tennental-Zwischenbericht „große Auswirkungen bundesweit“ gehabt habe, liege nicht nur an den Vorkommnissen selbst. Es sei auch die erste Aufarbeitung solcher Fälle in einer Einrichtung der Behindertenhilfe in Deutschland überhaupt gewesen, unterstrich Groß. Denn grundsätzlich, so ordnete er ein, seien die Geschehnisse im Tennental kein Einzelfall. Er verwies dabei auf Zahlen des Projekts „Ableismus tötet“, das zu Fällen von Gewalt an Menschen mit Behinderung in vollstationären Wohneinrichtungen recherchiert. 218 Fälle, 79 Tatbegehende und 43 Betroffene in 40 Einrichtungen hat das Projektteam seit 2010 dokumentiert. „Sie haben bundesweit etwas in Bewegung gesetzt“, ist sich der Darmstädter Professor Groß sicher. Unter anderem, so berichtete er, habe der Bundesverband „Anthropoi“, in dem 220 soziale Einrichtungen und Dienste – darunter auch das Tennental, in dem rund 150 Menschen mit Assistenzbedarf von circa 240 betreuenden Personen begleitet werden – Mitglied sind, sein Kompendium für Gewaltschutz angepasst und eine Zertifizierungssystematik für Schutzkonzepte entwickelt.

Hintergrund der Aufarbeitung

Strafrecht
 Ende Januar 2020 hatte sich ein damals 29-jähriger Pfleger per Selbstanzeige dazu bekannt, über Jahre hinweg Bewohnerinnen des Tennentals sexuell missbraucht zu haben. Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, zudem wurde die Unterbringung in einem forensischen Krankenhaus auf unbestimmte Zeit angeordnet. Sein Vater war zeitweise Vorstandsmitglied im Tennental gewesen und hatte mit seiner Lebensgefährtin eine Hausgruppe geleitet. Beide wurden in einem Verfahren wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch durch Unterlassen verurteilt.

Beirat
 Dieser wurde im Mai 2020 konstituiert. Ihm gehörten Peter Groß, Professor für Inclusive Education an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Elke Heger als Juristin und Angehörigenvertreterin, Marion Quellmalz-Zeeb als Fachfrau zum Thema sexualisierte Gewalt von der im Kreis Böblingen aktiven Beratungsstelle thamar sowie Vorstandssprecher Matthias Hacker als Vertreter der Einrichtung an.

Details
 Der Abschlussbericht ist unter www.tennental.de/informieren/gewaltpraevention/aufarbeitung/ abrufbar.