Impfungen verhindern heute Krankheiten. Wie aber war das vor über hundert Jahren? Foto: HamsterMan - Fotolia

Die Pocken waren die bestimmende Seuche in Europa im 19. Jahrhundert. Wie man sie wieder los wurde, erklärt die Wissenschaftlerin Katharina Mühlhoff.

Stuttgart - Frau Mühlhoff, Sie forschen zu Seuchen aus historischer Warte. Wie war das früher?
Die wohl verheerendste Seuche in Europa waren früher die Pocken. Ihre ökonomischen und sozialen Auswirkungen waren mindestens so verheerend wie die von Aids oder Kinderlähmung in jüngerer Vergangenheit. Allein im Kindesalter kamen Pocken bei rund einem Drittel der europäischen Bevölkerung zum Ausbruch. Ein Drittel bis die Hälfte der Erkrankten starb daran. Das war in erster Linie ein menschliches, aber natürlich auch ein wirtschaftliches Desaster. Denn den Volkswirtschaften gingen nicht nur potenzielle Arbeitskräfte verloren. Wer die Krankheit überlebte, war oft ein Leben lang gezeichnet. So hatte im frühen 19. Jahrhundert etwa einer von zwanzig Erblindeten sein Augenlicht wegen der Pocken verloren.
Einige Länder bekamen die Pocken in den Griff, andere nicht. Warum war das so?
Verantwortlich dafür war eine unterschiedliche Gesundheitsgesetzgebung. Süddeutschland, insbesondere Baden, Bayern und Württemberg, waren hier die Vorreiter.
Was machten sie besser als andere?
Die Länder führten früh eine umfangreiche Impfgesetzgebung ein. In Preußen, England oder Frankreich verzichtete man auf eine Impfpflicht – mit teils dramatischen Konsequenzen. Ein Pockenausbruch im Elsass kostete Mitte der 1820er Jahre 6000 Menschenleben, im benachbarten Baden kaum 100. Noch 1870/71 starben in Frankreich rund 100 000 Menschen an den Pocken. In Süddeutschland nur einige Hundert. Speziell im Großherzogtum Baden ist es früh gelungen, mit einfachen Mitteln die Pocken in kurzer Zeit nahezu komplett auszurotten.
Baden als Gesundheitsstandort war also sehr fortschrittlich.
In Baden war der gesamte Seuchenschutz sehr zentralistisch organisiert. Im Innenministerium liefen damals die Informationen zusammen. Über Tauflisten wurden alle Kinder erfasst und Impflisten erstellt. Auch die Beschaffung und Verteilung des Impfstoffs wurde dort koordiniert. Ärzte und Amtsmänner auf dem Land erhielten klare Anweisungen, etwa in Form von Checklisten, für das Verhalten im Seuchenfall. Im benachbarten Württemberg gab es zwar auch ein Impfgesetz, die Durchführung wurde aber allein den Dorfärzten überlassen. Das führte zu einer geringeren Impfquote, weil die Ärzte mit der Organisation großer Impfkampagnen alleine überfordert waren.
Welche Lehren kann man für heute ziehen?
Die Geschichte lehrt, dass Gesetze nur ein Punkt sind. Mindestens ebenso wichtig ist eine schnelle und umfassende Information der Bevölkerung. Dabei spielen ­Organisation und Kommunikation eine entscheidende Rolle: Eine Impfpflicht wird eher akzeptiert, wenn der Nutzen der Maßnahme bekannt ist und Risiken, etwa durch Nebenwirkungen und minderwertigen Impfstoff, minimiert werden. „Impfpropaganda“, die vorhandene Ängste der Eltern nicht ernst nimmt oder mögliche Probleme verschleiert. kann enormen Schaden anrichten. In Baden wurden damals Vertrauenspersonen, etwa Amtsärzte, Hebammen, Priester und Pfarrer, eingebunden. Heute könnten Kinderärzte oder Lehrer solche Personen sein.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: