Serie Poesie im Frühling: Marlies Birkle aus Bad Boll Dichterin und Therapeutin

Von Corinna Meinke 

Marlies Birkle vor ihrem Doppelporträt des Fotografen Horst Alexy. Die Aufnahmen sind Teil des Projekts „Gesichter“ das Kulturschaffende im Kreis Göppingen vorstellt. Foto:  
Marlies Birkle vor ihrem Doppelporträt des Fotografen Horst Alexy. Die Aufnahmen sind Teil des Projekts „Gesichter“ das Kulturschaffende im Kreis Göppingen vorstellt. Foto:  

Marlies Birkle dichtet und schreibt Prosatexte. Außerdem betreibt sie in Bad Boll eine Praxis für Lerntherapie. Und wie passt das zusammen?

Flussaufwärts

es ging gegen Morgen

als es nach neuem Licht roch und

das Frühjahr über die Ufer getreten war

mir schwammen meine Leben davon

bevor ich sie bergen konnte

verschwanden sie hinter der Biegung

es war mir als riefen sie mich

ich eilte ihnen nach und bat sie

bald laut bald leise mit mir

bergauf zu fließen

Marlies Birkle ist gerne mehrgleisig unterwegs. In Bad Boll kennt man sie seit zehn Jahren als Lerntherapeutin mit eigener Praxis. Einen größeren Radius schlägt sie allerdings als Autorin von Kurzgeschichten und anderen Prosatexten. Daneben lohnt es sich auch, die Lyrikerin Marlies Birkle zu entdecken, die häufig unter ihrem ganzen Namen Maria Elisabeth Birkle veröffentlicht.

„Ich bin sehr streng mit mir“, sagt die Bollerin, deren Wurzeln im Oberschwäbischen liegen. Viele Texte müssten auf die Veröffentlichung warten, auch wenn sie längst geschrieben seien. Und so nehme sie an ihren Gedichten über Monate hinweg Änderungen vor. Zudem habe sie viele Gedichte aus ihren ersten Jahren längst vernichtet. Bei der Suche nach den richtigen Worten helfe ihr das Erleben der Natur, erzählt die Autorin. Sie nutze jede freie Minute, um zum Laufen und Wandern das Haus zu verlassen. Und es gebe kaum etwas Schöneres, als mit dem Fahrrad einen Ausflug von Bad Boll zur Weilheimer Limburg zu unternehmen.

Für die Lyrik braucht sie mehr Zeit als für die Prosa

Die Lyrik sei ein besonderes Schreiben, das auch eine besondere Haltung und Aufmerksamkeit erfordere, erklärt die Dichterin. In der Lyrik spiegle sich immer auch etwas vom eigenen Ich, aus dem eigenen Leben. Das zeige unter anderem der hier vorgestellte Text „Flussaufwärts“, der von Verlusten erzähle. Beim Dichten „bin ich auf mich geworfen. Ich kann das nicht nebenher tun. Für die Lyrik brauche ich viel Zeit“, meint Birkle. Deshalb habe es auch immer wieder Lebensphasen gegeben, in denen sie der Prosa den Vorzug gab.

Im Anschluss an die Lebensphase, in der sie ihr erster Brotberuf zunächst als Lokalredakteurin nach Tübingen und Rottenburg, später als Kulturredakteurin nach Ulm und als freie Journalistin schließlich in den Kreis Göppingen führte, hat Birkle das literarische Schreiben entwickelt. Prägend seien die Jahre in der literarischen Werkstatt Göppingen gewesen, in der neben der Initiatorin Tina Stroheker auch Autoren wie Gerd Kolter und Gabriele Glang mitwirkten. Nach der Geburt ihrer zwei Söhne arbeitete Birkle außerdem als Lektorin und Dozentin. Und sie gründete einen Literaturkreis im Haus der Familie Göppingen, der mehr als 25 Jahre später immer noch besteht. Bereits vier Mal hat sie ein Arbeitsstipendium vom Förderkreis Deutscher Schriftsteller erhalten, zusätzlich ein Stipendium der Kunststiftung.

Bereits zweimal war sie Finalistin beim Autorenwettbewerb

Eher beiläufig erwähnt sie dagegen ihre Einladungen zum Irseer Pegasus, wo die Regionalgruppe Schwaben des Verbands Deutscher Schriftsteller jedes Jahr einen Autorenwettbewerb veranstaltet. Im vergangenem und in diesem Jahr gehörte Birkle zu den Finalisten, ausgewählt aus vielen Bewerbern. „Ich bin nicht so gut beim Marketing in eigener Sache“, kommentiert Birkle fast entschuldigend ihre zurückhaltende Art, in der sie über sich als Literatin berichtet. Birkles Biografie weist auch Zeiten als Berufsschullehrerin an der Kaufmännischen Schule in Göppingen und der Oberbergschule in Deggingen auf. Und obwohl sie das Staatsexamen für Germanistik und Politikwissenschaft längst in der Tasche hatte, entschied sie sich gegen ein Referendariat, um einen neuen Weg einzuschlagen und sich berufsbegleitend zur Lerntherapeutin ausbilden zu lassen.

„Man muss in dem Beruf sehr kreativ sein und für jedes Kind den passenden Weg finden“, erläutert Marlies Birkle, die Kinder mit Legasthenie, Rechenschwäche und Lernproblemen behandelt. Sie schätze diese Arbeit, da sie beide Gehirnhälften fordere und oft der Suche nach dem passenden Puzzleteil gleiche, erklärt Birkle. Es sei spannend, die immer wieder neuen, auch spielerischen, Herausforderungen anzunehmen, die ihr Beruf vor allem auf dem Feld der Mathematik biete.

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