Hohe Förderungen für ausländische Tech-Konzerne haben im deutschen Mittelstand Kritik hervorgerufen. Der Sensorhersteller Balluff in Neuhausen sieht dagegen Chancen. Firmenchefin Katrin Stegmaier-Hermle spricht auch über Neubau- und Personalpläne.
Der Sensorenhersteller Balluff ist trotz allgemein trüber Konjunkturaussichten in Deutschland guter Dinge, was die eigenen Geschäfte angeht. Die Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle (50) sieht für ihr Unternehmen Chancen, unter anderem im Aufbau der Halbleiterindustrie in Europa, den auch die Bundesregierung vorantreibt. Die Firmenchefin spricht auch über den Fortschritt der Bauprojekte in der Balluff-Zentrale in Neuhausen.
Frau Stegmaier-Hermle, es war ein eher durchmischter Sommer, jetzt sind die Temperaturen gefallen – machen Sie da auch mal Workation, mobiles Arbeiten im Ausland, um im Warmen zu sein?
Nein. Ich tu mich mit dem Thema Workation persönlich schwer. Ich kann mir vorstellen, dass es für den einen oder anderen attraktiv ist, auf der anderen Seite stelle ich es mir schwierig vor, die Balance wirklich hinzubekommen. Wenn ich im Urlaub am Strand bin, mache ich natürlich auch mal ein Meeting, wenn es dringend ist. Aber eigentlich halte ich Urlaub und Arbeit lieber getrennt.
Wie sieht es mit Ihrer Belegschaft aus?
Bei uns gibt es eine relativ weitreichende und flexible Handhabung, wenn die Leute innerhalb Deutschlands mobil arbeiten möchten. Wir haben vereinzelte Anfragen von Kollegen, die das aus dem Ausland tun möchten, aber es ist überschaubar. Wir sind da in der Prüfung. Wichtiger ist mir aber: Passt es für den Großteil der Mitarbeitenden? Schon heute gibt es die Regelung, dass bis zu 100 Prozent mobiles Arbeiten möglich ist. Voraussetzung ist, dass die Tätigkeit es zulässt, und die Abstimmung mit der Führungskraft. Sie sind gerade auch in der oft mit Lärm verbundenen Baustellensituation dankbar für die flexible Regelung. Selbst Mitarbeitende in den technischen Bereichen können Entwicklungskoffer mit Ausrüstung mit nach Hause nehmen – ein Labor to go.
Gibt es schon ein genaues Einzugsdatum in das neue Büro- und Verwaltungsgebäude in Neuhausen?
Die Bauarbeiten kommen voran, aber auch wir haben Verzögerungen im Bauverlauf. Wir sind aktuell bei Herbst 2024. Mit einem konkreten Termin lehne ich mich lieber nicht aus dem Fenster. Aber es freuen sich alle.
In den vergangenen Monaten haben Förderungen für ausländische Halbleiterhersteller, die sich in Deutschland ansiedeln wollen, auch Kritik aus dem Mittelstand hervorgerufen. Wie stehen Sie dazu?
Wir haben über die vergangenen Jahre gelernt, dass wir Dinge anders betrachten müssen. Auch Balluff braucht Halbleiter, bei uns geht nicht viel, wenn wir nicht entsprechend versorgt sind. Die Abhängigkeiten, die Europa in gewissen Konstellationen hat, sind schwierig. Dinge können sich verändern und dann entstehen Situationen, die ganz erhebliche Auswirkungen auf die Industrie und die Unternehmen haben. Von daher macht es Sinn, zu überlegen, was für die Industrie und die Volkswirtschaften wichtig ist. Die Werke, die sich nun ansiedeln, sind hochautomatisiert. Da wird viel Equipment von Balluff drin sein – für uns ist das eine Sonderkonjunktur und in mehrerlei Hinsicht gut, wenn diese Projekte realisiert werden. Allerdings egal, wo auf der Welt.
Vor dem Hintergrund, dass Industrien wieder nach Deutschland geholt werden mit Fördermitteln: Kann es sein, dass irgendwann auch Balluff wieder eine Produktion in Neuhausen ansiedelt?
Nein, so wie es jetzt ist, haben wir uns für das Wachstum gut aufgestellt. Wir haben globale Produkte, die überall in der Welt gleich sind. Die Werke können untereinander einspringen. Wir haben uns Gedanken gemacht, welche Kompetenzen an welchem Standort Sinn machen und wie sie sich entwickeln. Jede Einheit ist mit einem entsprechenden Know-how ausgestattet. Die Produktion in Neuhausen war eine Manufaktur, es wurden Spezialitäten gefertigt. Die Aufgaben der Serienfertigung in Ungarn, China und Mexiko sehen anders aus mit einem höheren Automatisierungsgrad. Übrigens fertigt Balluff noch in Deutschland bei Tochtergesellschaften.
Die Konjunkturumfragen sind, was die gesamte deutsche Industrie angeht, eher verhalten. Wie kommt es, dass Sie in Ihrer Jahresbilanz einen positiven Ausblick geben?
Wir sehen für uns mehr Chancen als Risiken. Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind sehr gemischt, auch innerhalb einzelner Branchen. Das bedeutet aber nicht, dass der Markt schlecht ist und viele Projekte storniert werden. Klar, es gibt die eine oder andere Verschiebung. Aber der Bedarf an Automatisierungslösungen für aktuelle Herausforderungen wie die Digitalisierung oder die Transformation im Automobilbereich steigt. Vielleicht wird der Markt ein bisschen schwieriger. Aber die Möglichkeiten für uns sind definitiv da.
Welche Pläne bestehen beim Thema Personal?
Wir verstärken uns gezielt, auch in Neuhausen. Die Rolle als Innovationsstandort ist unbestritten. In den neuen Gebäuden ist langfristiges Wachstum eingeplant.
Gibt es Zahlen?
Das genau zu beziffern ist nicht so einfach, da bin ich ehrlich. Denn wir haben Positionen, für die wir lange Mitarbeiter suchen. Beispielsweise sind wir in der Technologie froh, wenn wir Kolleginnen oder Kollegen finden. Und im Zweifel finden wir diese dann doch nicht in Neuhausen, sondern für einen unserer weltweiten Balluff-Standorte. Gruppenweit werden wir uns in den kommenden Jahren aber verstärken. Und die Zahl unserer Ausbildungsplätze fahren wir nicht zurück.
Zur Person und Firma
Die Firmenchefin
Kathrin Stegmaier-Hermle (50) ist Diplom-Kauffrau und steht seit 2010 als Sprecherin der dreiköpfigen Geschäftsführung an der Spitze von Balluff. Sie ist Urenkelin des Firmengründers Gebhard Balluff. Ihr Bruder Florian Hermle ist in der Geschäftsführung für Marketing und Vertrieb verantwortlich, Frank Nonnenmann für Produktion und Lieferketten.
Das Geschäft
Balluff gilt als Weltmarktführer für Industriesensoren. Nach Jahren des stetigen Wachstums verzeichnete Balluff 2019 und 2020 einen Umsatzrückgang. Im gleichen Jahr verkündete die Firmenspitze die Verlagerung der Produktion von Neuhausen nach China und Ungarn. Es folgten Proteste der Belegschaft. Man einigte sich auf den sozial verträglichen Abbau von 140 Jobs in Neuhausen. Seither ging es in den Geschäftszahlen wieder bergauf, für 2022 verkündete Balluff einen Rekordumsatz von 567 Millionen Euro.
Die Standorte
Die Firmenzentrale von Balluff liegt in Neuhausen. Derzeit ist dort ein neues Bürogebäude im Bau. Außerdem soll am Ortseingang ein Verteilzentrum entstehen. Produktionsstandorte gibt es in USA, Ungarn, China und Mexiko – das Werk dort wurde vor wenigen Tagen eröffnet. Ebenso in Viernheim (Hessen), München und Oppenweiler (Rems-Murr-Kreis). Weltweit arbeiten etwa 3900 Personen für Balluff, davon 1150 in Neuhausen.