Bernstein- und Gold in torfiger Erde: Restauratorin Nicole Ebinger-Rist und Grabungsleiter Dirk Krausse. Vor gut einem Jahr haben Archäologen die komplette Grabkammer einer keltischen Fürstin vom Donauufer in eine Ludwigsburger Lagerhalle transportiert. Seither zerlegen sie den Block Körnchenfür Körnchen – und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Sehen Sie sich in unserer Bildergalerie weitere Fotos an. Foto: Kovalenko

Archäologen erkunden einen 80 Tonnen schweren Erdblock in einem Ludwigsburger Labor.

Ludwigsburg - Erde zu Erde, Staub zu Staub: Viel bleibt nicht übrig vom Menschen, wenn er 2500 Jahre im Boden liegt. Höchstens ein paar Knochenreste. Das ist auch bei der keltischen Fürstin nicht anders, die derzeit die Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege in ihren Bann schlägt. Eigentlich gibt es sie materiell gar nicht mehr, sieht man von ein paar Skelettresten einmal ab. Das reicht kaum für genetische Analysen.

Trotzdem ist die Frau, die um das Jahr 580 vor Christus unweit vom heutigen Herbertingen an der Donau in eine hölzerne Grabkammer gelegt wurde, eigenartig präsent. Denn um ihren Hals und um ihre Hüfte, um ihre Hand- und Fußgelenke sowie an ihrer Kleidung trug sie edelsten Schmuck. Und der ­befindet sich auch nach Jahrtausenden noch dort, wo er ursprünglich lag. Die Perlen, Ringe und Spangen markieren quasi ihren Körper – ein Schemen, eingefasst in Bernstein und Gold.

Keltische Fürstin schlummert in Lagerhalle

Normalerweise müssen sich die Wissenschaftler ins freie Gelände begeben, um solche Dinge „in situ“, das heißt in Originallage, zu finden. Doch die keltische Fürstin – am Adelsrang gibt es angesichts der wertvollen Beigaben keinen Zweifel – schlummert derzeit in einer Lagerhalle bei Ludwigsburg.

Dorthin hat man sie vor gut einem Jahr samt Grabkammer auf einem Tieflader verfrachtet – ein 80 Tonnen schwerer Erdblock, der in einer spektakulären und nicht eben billigen Aktion aus dem rechten Donauufer etwa 20 Kilometer westlich von Sigmaringen herausgelöst worden war.

Mit Mikroskop und Arbeitsbühne

Seither arbeitet sich ein sechsköpfiges Team unter Leitung von Dirk Krausse vom Landesamt für Denkmalpflege Schicht für Schicht in die Tiefe. Und zwar unter Bedingungen, wie sie unter freiem Himmel niemals möglich wären. „Schauen Sie, zwischen diesen goldenen Röhrenperlen müssen Sie sich Lederbänder vorstellen“, sagt Nicole Ebinger-Rist und deutet auf den Halsbereich.

Die Chef-Restauratorin liegt auf einer beweglichen Arbeitsbühne etwa 30 Zentimeter über den Schmuckstücken und betrachtet den Schmuck unter einem Mikroskop. Das Gold glänzt auch nach Jahrtausenden, als ­habe man es eben erst poliert.

Bis Mitte der Woche war der untere Skelettteil noch unter einem armdicken Brett verborgen: eine massive Eichendiele der 4,5 mal 3,6 Meter großen Kammer. Da die letzte Ruhestätte der Keltin in nasser, fast torfiger Umgebung angelegt wurde, ist das Holz außergewöhnlich gut erhalten.

20 Ringe fehlen vermutlich

20 Ringe fehlen vermutlich

Ein Spezialist für die sogenannte Dendrochronologie hat mit Hilfe der Jahresringe ­bereits das Alter bestimmt. „Der jüngste Ring stammt aus dem Jahr 609 vor Christus“, sagt Grabungsleiter Krausse. 20 Ringe fehlen vermutlich. Damit handelt es sich um das älteste bisher bekannte keltische Fürstinnengrab – wohl auch einige Jahrzehnte älter als das berühmte Fürstengrab von Hochdorf bei Schwieberdingen im Kreis Ludwigsburg.

Unter dem Eichenbrett kam weiterer Schmuck zum Vorschein: Am Unterfuß etwa trug die Fürstin fünf bronzene Ringe. Doch damit ist die Spurensuche noch lange nicht abgeschlossen. Irgendwann in den nächsten Wochen werden die Forscher die Kammer „schlachten“, wie Krausse sagt. Das heißt: Sie werden Blöcke herausschneiden, um diese mit einem Computertomografen zu durchleuchten. So wird man erheblich schneller fündig als mit der konventionellen Grabungsmethode.

Die Suche erstreckt sich auch auf den Raum unterhalb des Kammerbodens. Da die Bretter im Lauf der Zeit geschrumpft sind, ist es gut möglich, dass Grabbeigaben durch die Ritzen fielen.

Vorbereitungen auf die Große Landesausstellung

Die Forscher arbeiten unter hohem Zeitdruck, denn bereits im Herbst wollen und sollen sie die spektakulärsten Funde auf großer Bühne präsentieren: In Stuttgart ist eigens eine Landesausstellung dem Thema Kelten gewidmet, und dabei sind die neuesten Funde aus dem Fürstinnengrab – neben Exponaten aus ganz Europa – die Glanzlichter.

Zum Beispiel eine aus purem Gold hergestellte ­Fibel, das ist eine Art Gewandspange von 11,3 Zentimeter Länge, wie sie in der Antike häufig benutzt wurde. Oder Eberzähne, die teilweise in Metall eingefasst sind und deren ­Bedeutung noch nicht klar ist. Oder aber ein reich verzierter kugelförmiger Goldanhänger. Als die Wissenschaftler das Muster darauf betrachteten, fiel ihnen sofort die Ähnlichkeit mit zwei goldenen Ohrringen aus einer anderen Fundstätte auf. Im Jahr 2005 waren sie aus einem Kindergrab geborgen worden, das sich nur wenige Meter von dem der Fürstin entfernt befindet.

Wurde Grab je geöffnet oder gar beraubt?

Wurde Grab je geöffnet oder gar beraubt?

Sehr wahrscheinlich war derselbe Goldschmied am Werk, das Muster war bei den ­Etruskern, einem Volk aus dem nördlichen Mittelitalien, beliebt. Stammte der Goldschmied von dort? Und wurden Mutter und Kind nebeneinander beigesetzt? „Wir glauben, dass es einen sozialen Zusammenhang gibt“, sagt Krausse und nennt das eine Nebenbestattung. Genaueres ließ sich bisher allerdings nicht herausfinden.

Noch mehr treibt ihn die Frage um, ob das Grab je geöffnet oder gar beraubt worden ist. Das wäre in der Antike nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und einiges deutet ja auch darauf hin. So finden sich an einer Kammerwand Überreste eines weiteren weiblichen Skeletts – und zwei Schädel.

Deshalb lag anfangs der Verdacht nahe, Grabräuber hätten die sterblichen Überreste der Fürstin eilig beiseite geräumt. Doch warum ließen sie das Gold liegen? Vielleicht, weil bereits ein Teil der Kammer eingestürzt war? Mittlerweile gilt als sicher, dass es sich um zwei Menschen handelt. Vielleicht eine Magd? „Das alles ist für uns noch rätselhaft“, so Krausse.

Schmuck blieb liegen

Möglicherweise heißt die Lösung Wasser. Denn die Grabkammer wurde immer wieder von einem nahen Bach geflutet. Somit schwamm innerhalb alles obenauf, was leichter war als Wasser. Das galt wohl auch für Schädel und Knochen, nachdem Gehirn und Knochenmark vergangen waren. Krausse: „Frühmittelalter-Archäologen sagen uns, sie kennten das Phänomen, wenn ein Schädel vom Wasser weggeschwemmt wird.“ Der Schmuck allerdings blieb liegen.

Der Grabungsleiter vertritt jedenfalls mit Nachdruck die These, dass das Fürstinnengrab von Herbertingen niemals beraubt wurde. Dagegen spricht aus seiner Sicht auch nicht, dass bisher dort keinerlei Eisen gefunden wurde – obwohl dies doch das damals „modernste“ Material war. Aber Eisen rostet in feuchter Umgebung und zerfällt. Selbst von Bronze bleibt nicht viel übrig.

Frauen nahmen bedeutsame Stellung ein

Möglicherweise sind Bauern beim Pflügen ja vor langer Zeit schon mal auf bronzene Grabbeigaben gestoßen. Denn der Sage nach stand auf dem Hügel namens Bettelbühl, auf dem neben dem Fürstinnengrab noch ein halbes Dutzend weiterer Gräber angelegt sind, eine Burg. Später, so die Sage, sei hier eine Kirchenglocke von Herbertingen ausgegraben worden. „War das vielleicht ein Bronzekessel?“, fragt Krausse vorsichtig.

Noch mindestens bis 2014 wird die Fürstin die Wissenschaft beschäftigen. Sie gilt schon jetzt als Beweis, dass Frauen in der frühkeltischen Gesellschaft eine bedeutendere Stellung einnahmen als bisher angenommen. Die Forscher wissen aber auch: Die Keltin wird niemals alle ihre Geheimnisse preisgeben.