Jan Siegert und Hilde Rutsch koordinieren die Selbsthilfegruppen. Foto: Lg/Leif Piechowski

Die Selbsthilfekontaktstelle KISS hat sich vor 30 Jahren gegründet. Über 500 Gruppen haben sich inzwischen in Stuttgart gegründet, die sich über Krankheiten, psychische Beschwerden, Lebenskrisen aber auch Freizeitgestaltung austauschen. Wem hilft das?

Stuttgart - Ob jemand nun hochbegabt ist, an einer Essstörung leider, ständig Nägel kaufen muss oder sich schwer tut, mit einer Scheidung zurecht zu kommen – niemand muss dies in Stuttgart alleine tun. Über 500 Selbsthilfegruppen gibt es in der Landeshauptstadt. Die Selbsthilfekontaktstelle KISS mit Sitz an der Tübinger Straße 15 feiert in diesem Oktober ihr 30-jähriges Bestehen.

Braucht es im Jahr 2019 überhaupt noch solche Gruppen, wo sich inzwischen viele ganz unkompliziert übers Internet austauschen können? Jan Siegert, Sozialarbeiter bei KISS, ist überzeugt, der Austausch über Foren ersetzt nicht persönliche Gespräche. Zwar könne man sich heute leichter im Netz Informationen über die eigene Erkrankungen beschaffen. „Aber ein direkter Austausch mit anderen Betroffenen hat doch eine ganz andere Qualität.“

Verständnis finden unter Gleichgesinnten

Warum sucht sich jemand eine Selbsthilfegruppe? Oft könnten Freunde und Familie bei einer schweren Krankheit oder auch in einer großen Umbruchsituation nicht so richtig weiterhelfen. „Während jemand, der dasselbe am eigenen Leib erfahren hat, kann da natürlich zuhören und Tipps gehen“, sagt Jan Siegert. Treffen mit Gleichgesinnten ersetzen keinen Arztbesuch und keine Therapie. Doch wer unter einer schlimmen Krankheit leidet, dem ist vielleicht mit dem Verständnis durch Gleichgesinnte auch sehr geholfen – manchmal vielleicht sogar mehr als mit einem Medikament. Oder wer schwere Zeiten durchläuft, wie zum Beispiel eine Trennung, braucht Verständnis, Wertschätzung und Mitgefühl. Das finden viele Betroffene in einer Selbsthilfegruppe. „Es ist eine wichtige Ergänzung zum professionellen System, keine Konkurrenz“, sagt Hilde Rutsch, geschäftsführende Vorständin von KISS, die selbst seit 20 Jahren dort arbeitet. „Hier zu uns können Menschen mit ihrem Thema herkommen, es gibt Platz dafür und was jemand erzählt, bleibt auch hier.“

Alles, was in der Gruppe besprochen wird, ist streng vertraulich

Wertvoll ist dabei nämlich für viele auch: Die Gruppen agieren streng vertraulich, treffen sich in einem geschützten Rahmen. „Selbsthilfe arbeitet im Verborgenen“, sagt Siegert. Die meisten Menschen, die ein Problem haben, wollen dies nicht öffentlich machen.

Vor 30 Jahren hat sich nach einer Studie über Herz-Kreislauf-Erkrankungen der damals noch in der Nachbarschaft ansässigen Gerhard-Alber-Stiftung die Selbsthilfekontaktstelle KISS als gemeinnütziger Verein gegründet – weil immer mehr Menschen Interesse an gemeinsamen Gesprächen mit anderen Betroffenen hatten. Anfangs trafen sich hauptsächlich auch Menschen mit Herzerkrankungen oder Krebs. Auch heute haben noch die meisten Gruppen eine körperliche Erkrankung zum Thema. Der zweite, große Bereich sind Suchterkrankungen. Auch viele frisch Getrennte suchten Hilfe in einer Selbsthilfegruppe, sagt Siegert.

Wohnungsloser trifft auf Bürgermeister

Viele Betroffene suchen gezielt Menschen in ihrem Alter, manche schätzen gerade die Gespräche mit anderen, die schon viel weiter sind als sie selbst. „Manchmal ist ja grade die Mischung gut“, sagt Hilde Rutsch. Bildung, Herkunft und Einkommen spielt sehr schnell keine Rolle mehr, wenn einen dasselbe Schicksal trifft. „Vom Wohnungslosen bis zum Bürgermeister kommen hier alle zusammen“, ergänzt Rutsch. So leitet Stuttgarts Baubürgermeister Peter Pätzold seit einigen Jahren die Gruppe für Menschen, die an Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa erkrankt sind.

Zusammen schafft man mehr als alleine

KISS ist vor allem für die Beratung und Unterstützung der Gruppen zuständig, ansonsten koordinieren sich die Gruppen völlig autark, die vier hauptamtlich angestellten Sozialarbeiter von KISS sind auch bei den Treffen nicht dabei. Ein großer Pfeiler von KISS ist auch die Öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfe. Siegert ist besonders stolz auf den neuen Kino-Werbespot im Stil eines Wikinger-Films mit dem Titel „Selbst der Stärkste schafft es manchmal nicht alleine“.

Was Hilde Rutsch auch nach zwanzig Jahren beeindruckt, ist, wie viele Menschen sich aufmachen, etwas zu ändern: „Die Menschen, die zu uns kommen, kommen ja freiwillig. Die haben sich entschieden, ihr Leben zu verändern.“ Rutsch findet das eigentlich das Schönste an ihrer Arbeit. „Ich habe dabei selbst total viel gelernt. Auch wie klein teilweise manche meiner Probleme sind.“

Trotz ihrer Erkrankungen schafften viele es, eine hohe Lebensqualität zu behalten. Oft bringt so eine Gruppe aber nicht nur Austausch und Verständnis, sondern sie unterstützen sich gegenseitig dabei, so manche Hürde zu überwinden. „Und dann macht ein Sozialphobiker plötzlich Improtheater“, sagt Rutsch.

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