Das traditionsreiche Unternehmen Rilling ist am Ende – die Gründe sind vielfältig. Handel und Gewerbe in Bad Cannstatt sind geschockt.
Bis ins 19. Jahrhundert reichen die Ursprünge zurück. Seit 135 Jahren existiert Rilling-Sekt in Bad Cannstatt – und so ist es nicht übertrieben, von einer Zäsur zu sprechen. Das traditionsreiche Unternehmen hat am Montag mitgeteilt, dass der Betrieb bis zum 30. September schrittweise eingestellt wird. Die Mitarbeiter sind informiert – und nicht nur in Bad Cannstatt fragt man sich: Wie konnte es so weit kommen?
Die Gründe für die Schließung sind offenbar vielfältig. Wie das Unternehmen in einer ersten Stellungnahme mitteilte, würden „der Investitionsstau und ein schwieriges Marktumfeld keine Fortführung der Firma erlauben“. Auch sei kein Partner gefunden worden, der die Neuausrichtung der Marke begleiten wollte. Hinzu komme, dass der Markt für Sekt seit Jahren sehr schwierig sei.
„Rilling-Sekt verarbeitet überwiegend württembergische Trauben und hatte in der Vergangenheit mit rund 30 Sektsorten ein sehr breit gefächertes Sortiment“, erklärt der Unternehmenssprecher Veit Mathauer. Somit habe sich das kleine Unternehmen nicht rechtzeitig auf die verändernde Nachfrage einstellen können.
Seit den neunziger Jahren ist der Absatz rückläufig
„Der Absatz der traditionsreichen Regionalmarke ist seit den 90er Jahren rückläufig“, so Mathauer. Das fehlende Erschließen neuer Zielgruppen, ein sich veränderndes Konsumverhalten und auch die unterdurchschnittliche Vertretung im Lebensmitteleinzelhandel seien hinzugekommen. Dies alles habe dazu geführt, dass die Marke in ein niedriges Preissegment abgerutscht sei, in dem die Margen klein seien. Zuletzt habe auch die Coronapandemie Probleme bereitet, weil Gaststätten geschlossen waren und auch vielerlei Festivitäten wie Hochzeiten, Bälle, Festivals und andere Veranstaltungen ausfielen. Dadurch sei weniger Sekt konsumiert worden.
Im Jahr 2021 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 264,4 Millionen Liter Schaumwein in Deutschland abgesetzt. Der Pro-Kopf-Verbrauch sank in den letzten Jahren kontinuierlich, wie die Zahlen zeigen – binnen zehn Jahren um 23 Prozent. 2011 hatte jede Person in Deutschland ab 16 Jahren im Schnitt noch 6,5 Flaschen pro Jahr getrunken, 2021 waren es nur noch knapp fünf Flaschen. „Rilling produzierte im Jahr 2022 rund 1,55 Millionen Flaschen Sekt“, so Mathauer. Angaben zu Umsatz und Verlust macht der Sprecher nicht. Die Preissteigerungen bedingt durch den Ukraine-Krieg hätten ebenfalls negativ zu Buche geschlagen: So seien die Kosten für Glasflaschen, Aluminiumkapseln und die Energiekosten sehr stark gestiegen, was nicht an die Kunden weitergegeben werden konnte.
Preissteigerungen und zu hohe Investitionskosten
Die Geschäftsführer Tobias Grimminger und Cemal Isin von der Trias Verwaltungs-GmbH, einem Immobilienentwickler aus Aalen, der das Unternehmen 2021 von der Eigentümerfamilie gekauft hatte, hatten vor zwei Jahren noch versprochen, die Firma neu aufstellen und fortführen zu wollen. Jetzt haben sie die rund 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über das Aus unterrichtet. Als Grund teilte man mit, dass sie für die Weiterführung respektive den Umbau zum Manufakturbetrieb keinen Investor gefunden hätten. „In der vergangenen Woche sind die Gespräche mit einem potenziellen Partner ohne Erfolg geblieben“, sagte der Firmensprecher. Es habe sich um ein Unternehmen aus der Branche gehandelt, aber einen Namen könne er nicht nennen, so Mathauer. Der Partner sei abgesprungen, weil die Investitionen für die Neuausrichtung zu hoch seien.
„Wenn man durch das Unternehmen geht, ist das wie eine Zeitreise. Einige Gebäude stehen unter Denkmalschutz“, sagt Mathauer. Es gebe noch einen Gewölbekeller von 1608, und die Gebäude seien über Tunnel und Brücken miteinander verbunden. Es sei nicht mehr zeitgemäß gewesen und die Produktion schwierig. Damit endet nach 135 Jahren die Sektherstellung an der Wilhelmsbrücke in Bad Cannstatt. Die weiteren Mieter, Künstler und Studenten, würden noch laufende Mietverträge haben.
Handel und Gewerbe sind teilweise schockiert
Die Beschäftigten der Sektkellerei seien über den geplanten Umbau informiert gewesen. Seit November vergangenen Jahres habe es laut Unternehmen Gespräche mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft NGG gegeben. Sie wurden, so der Sprecher, fortlaufend auch über den Stand der Verhandlungen mit seinen potenziellen Erwerbern informiert.
Was der schwäbische Projektentwickler mit dem Gelände mit einer Größe von rund 5200 Quadratmetern in der Neckarvorstadt vorhat, ist noch völlig offen.
Dirk Strohm, der Vorsitzende der Altstadt Bad Cannstatt, zeigte sich schockiert von der Nachricht: „Wir haben in den letzten Jahren angefangen, gut zu kooperieren“, sagte er. Er habe noch mit Verantwortlichen kürzlich zusammen gesessen, um die Veranstaltung „Musik und Wein“ zu planen. „Es ist ein Riesenverlust,“ so Strohm.
Trauer in Bad Cannstatt über den Verlust des Unternehmens
Für Achim Barth, den Vorsitzenden des Gewerbe- und Handelsvereins Bad Cannstatt (GHV), kommt die Nachricht weniger überraschend: „Es hat vorher schon Gerüchte gegeben, dass der neue Käufer andere Pläne hat.“ Barth zeigte sich besorgt über die Entwicklung in Bad Cannstatt. Auch GHV-Vorstandsmitglied Irmgard Schierle-Bette sagte: „Das bedeutet einen Verlust. Dass die Firma aufhört, ist ein Rückschritt. Es hat den Wirtschaftsstandort rund gemacht, weil er in der kulinarischen Ecke noch etwas zu bieten hatte. Es ist eine beliebte Marke mit Stil gewesen.“ Der Bad Cannstatter Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler erklärte: „Wieder einmal verliert Bad Cannstatt einen Anker. Rilling war und ist ein Name, der mit Bad Cannstatt in engster Beziehung stand. Aus Sicht des Stadtbezirks und persönlich bleibt nur ein weinendes Auge zurück. Rilling wird Bad Cannstatt fehlen.“
Die Sektkellerei Rilling
Die Ursprünge
des einstigen Familienunternehmens gehen bis ins Jahr 19. Jahrhundert zurück. Rilling wurde 1887 als Weinhandlung von Ludwig Rilling in Bad Cannstatt gegründet. 1990 kaufte Rilling das Stammhaus in der Brückenstraße 8.
Die Sektherstellung
begann 1935. Die Firma prägte die Branche in Deutschland entscheidend mit. Sohn Albert Rilling erhielt ein Patent auf das Verfahren einer zweiten Gärung im Sekttank.