„Glück ist eine Entscheidung“: Jörg Lorz und Ilona Cwik-Lorz beim Kochen Foto: Marion Brucker

llona und Jörg Lorz aus Nagold radeln seit 50 Jahren gemeinsam durch das Leben. Auf diesem langen Weg haben sie gelernt, sich gegenseitig Freiheiten zu lassen.

Ilona Cwik-Lorz, 65, hat „Every Picture Tells a Story“ aufgelegt: „Das ist die Platte von Rod Stewart, die mir Jörg am zweiten Tag unserer Beziehung am Rosenmontag geschenkt hat.“ Da war sie 14, er war 17 Jahre alt. Zusammen entdecken sie die Liebe. Sie sind sich bis heute treu geblieben. 1985 machte sie ihm einen Heiratsantrag. Ihr Motto: „Gemeinsam sind wir unschlagbar! Denn wenn einer den Mut verliert, ist der andere umso mutiger.“

 

Jörg Lorz, 68, steht in der Küche und bereitet ein dreigängiges Menü vor. Er kocht täglich, seit seine Frau vor gut einem Jahr in den Ruhestand gegangen ist. „Gefühlt bereitet Jörg jeden Tag etwas Besonderes zu“, sagt sie. Sie lacht und erinnert sich, wie sie in ihrer ersten gemeinsamen Wohnung einen Kuchen buk und ihren damaligen Freund Jörg bat, die Eier zu trennen. Der habe sie mit großen Augen angeschaut und geglaubt, sie veräpple ihn. Sie habe ihm daraufhin ein Kochbuch geschenkt.

3813 Tage sind sie bereits zusammen, als sie zusammenziehen. Das geht aus einem Schreiben hervor, das das Paar damals mit seiner neuen Adresse an alle Verwandten und Freunde verschickt hat. Rechts unten am Brief ist eine Zeichnung: Er auf dem Motorrad, sie im Beifahrerwagen mit dem überschaubaren Hausrat auf dem Schoß. So flitzen sie dem gemeinsamen Leben entgegen.

Der gemeinsame Start in den Ruhestand

Motorrad- und Fahrradfahren ist bis heute seine Leidenschaft. Ihm zuliebe machte sie auch den Motorradführerschein, davor hat sie auf seiner Maschine geübt. „Ich war damals mächtig stolz“, erzählt sie.

„Jeder biografische Übergang wie Umzüge, Auszug der Kinder, Pensionierung, insbesondere aber kritische Lebensereignisse sind Herausforderungen für eine Beziehung“, sagt die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Die 71-jährige emeritierte Honorarprofessorin der Uni Bern ist Autorin des Bestsellers „Wenn die Liebe nicht mehr jung ist“. Perrig-Chiello zufolge hilft das Bewusstsein, alte Rollen loszulassen und sich neu zu definieren – sowohl als Person als auch als Paar. „Dazu braucht es offene Gespräche, neue Zielsetzungen, Freiraum für die eigene Entwicklung – und ganz wichtig: neue gemeinsame Projekte“, sagt sie.

Die haben der Versorgungstechnikingenieur Jörg Lorz und die ehemalige Schulleiterin Ilona Cwik-Lorz. Sie haben ihren Ruhestand geplant. Sie wollten ihn gleichzeitig beginnen und mit dem Fahrrad eine Weltreise machen. Das war ihr gemeinsamer Traum. Dafür schied Ilona Cwik-Lorz ein Jahr früher als ursprünglich anvisiert und Jörg Lorz ein Jahr später aus dem Berufsleben aus.

Aus der Fahrrad-Weltreise ist wegen Corona und des Ukraine-Kriegs nur eine Europareise geworden. Mit dem E-Bike sind Ilona Cwik-Lorz und Jörg Lorz im vergangenen Jahr in vier Monaten gut 6000 Kilometer durch neun Ländern geradelt. „Das war die tollste Tour überhaupt“, sagt sie. „Die Freiheit, ohne jeden Zwang genießen zu können – so gut ging es uns schon lange nicht mehr.“ Er sagt: „Es war das schönste gemeinsame Erlebnis seit der Geburt unserer Tochter im August 1988.“

So viel gelacht wie auf der Reise hätten sie schon lange nicht mehr. Wobei: Humor sei schon immer einer der tragenden Säulen ihrer Beziehung gewesen, sagt sie. Während der Radtour hätten sie sich nie gestritten, auch wenn es manchmal unterwegs sehr stressig gewesen sei. Auf Reisen kümmert er sich ums Essen, um die Unterkunft und wäscht die Wäsche. Sie ist für die Navigation zuständig, dreht Videos, fotografiert und schreibt Reiseberichte.

„Seit wir im Ruhestand sind, sind auch daheim die Aufgaben klar aufgeteilt: Jörg kauft ein, kocht und ist für alles Technische zuständig“, erzählt sie. Sie putzt, wäscht und bügelt und kümmert sich insbesondere auch um die sozialen Kontakte. „Und Ilona ist unsere Finanzministerin“, sagt er.

Der erste Kuss nach zwei Stunden Stehblues

Ilona Cwik-Lorz geht nach oben und holt aus ihrem Zimmer einen Karton mit Erinnerungsfotos. Sie nimmt immer wieder eines der Bilder heraus, erzählt wie sie 1979 durch Marokko geradelt sind, ein Jahr später durch Israel, in den 80er Jahren mit der Tochter im Fahrrad-Anhänger durch Sizilien.

Und dann bleibt sie an einem Foto von 1973 hängen. Zwei blondhaarige Teenager sind darauf zu sehen. Er fasst sie sachte am Hals. Es ist am Faschingssonntag in Neuhausen auf den Fildern, erinnert sie sich. Sie treffen sich auf dem Umzug und gehen gemeinsam zu einem Freund zum Feiern. Nach zwei Stunden Stehblues kommt es zum ersten Kuss. Er bringt sie abends um acht nach Hause. Sie muss pünktlich daheim sein. Ihre Eltern sind streng. Jörg küsst sie zum Abschied.

An das erste Mal können sich beide nicht mehr erinnern. „Es war ein längerer Anlauf für uns“, erzählt sie. Als sie bei einem älteren Frauenarzt die Pille verschrieben haben möchte, lehnt dieser ab. Noch heute ist Ilona Cwik-Lorz empört darüber. Der Arzt habe ihr das Recht verweigert, mit 18 sicher zu verhüten. Sie habe mit Jörg gebibbert, als sie notgedrungen Kondome benutzten und sie nicht pünktlich ihre Periode bekommen habe. „Ich wollte meinen Eltern keine Schande mit einem unehelichen Kind bereiten.“

Ihre Eltern stammten aus Oberschlesien, reisten im Januar 1959 mit ihren zwei Töchtern und dem Sohn als Aussiedler nach Deutschland. Ilona Cwik-Lorz war mit acht Monaten die Jüngste. „Es waren sehr arme Verhältnisse“, sagt sie. Ihre Mutter habe als Wäscherin und Verkäuferin, ihr Vater als Metzgermeister im Supermarkt gearbeitet. In all den Jahren sei sie nur einmal mit ihren Eltern zwei Wochen im Urlaub gewesen.

Jörg Lorz Eltern stammten aus der ehemaligen DDR. Die Mutter floh mit seinen beiden Halbschwestern aus Magdeburg, der Vater kommt aus dem Erzgebirge und wurde nach acht Jahren Kriegsgefangenschaft entlassen. Die beiden lernten sich in Ulm kennen. Dort wurde Jörg Lorz 1955 geboren, danach sein Bruder Roland. Der Vater war Beamter. Die Sommerurlaube verbrachte die Familie auf Campingplätzen.

Ilona und Jörg haftet in ihrer Jugend der Status von Fremden an, obgleich sie schwäbisch schwätzen. Andere Kinder hätten nicht mit ihr spielen dürfen, sagt sie. Er habe vom Lehrer zu hören bekommen, als Flüchtlingskind brauche er keine Mittlere Reife, sagt er.

Der Soldat und die Pazifistin

Nach dem Hauptschulabschluss macht er eine Ausbildung zum Bauzeichner, findet aber im Anschluss an die Lehrzeit keine Festanstellung. Er entschließt sich deshalb, für vier Jahre freiwillig zur Bundeswehr zu gehen. „Für mich als Pazifistin war seine Verpflichtung nicht ganz einfach“, sagt Ilona Cwik-Lorz rückblickend. Jörg habe ihr aber fest versprochen, beim Bund die Mittlere Reife und Fachhochschulreife nachzuholen. Stattdessen macht er nur den LKW-Führerschein. Sie stellte ihm nach den vier Jahren die Bedingung, entweder er bilde sich weiter oder sie mache Schluss. „Ich konnte mir nicht vorstellen, mit jemanden zusammen zu sein, der keine höheren Ziele hat“, sagt sie.

„Eheliche Zufriedenheit setzt permanente Entwicklung voraus – sowohl auf partnerschaftlicher Ebene als auch auf individueller“, sagt die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Neben der Koevolution, also der wechselseitigen Beeinflussung der persönlichen Entwicklung beider Partner, sei für eine glückliche Beziehung auch Individuation wichtig: Beide Partner lassen sich gegenseitig Raum, um eigene Bedürfnisse zu realisieren. Doch Koevolution und Individuation seien oft nicht gleichzeitig möglich. Beides zu realisieren sei ein ständiger Balanceakt.

1978, mit 23 Jahren, entscheidet sich Jörg Lorz für die Weiterbildung: Er macht die Mittlere Reife und einen Fachhochschulabschluss und studiert in Esslingen Versorgungstechnik. Seine Partnerin Ilona holt das Abitur nach, studiert an der Berufspädagogische Hochschule in Esslingen Wirtschaftswissenschaften und Mathematik.

Das Paar ist häufig getrennt. Jörg Lorz ist beruflich viel unterwegs, lebt zwei Jahre lang unter der Woche in München, außerdem ein halbes Jahr in Abu Dhabi. Ans Fremdgehen denkt er nicht. „Meiner Frau wehzutun wegen Sex, das hätte ich nie gemacht“, sagt er. „Liebe geht nur mit Vertrauen.“

Zwar unterstützt ihn seine Frau bei seiner Karriere, aber sie fühlt sich oft einsam und stürzt sich ebenfalls in ihre Arbeit. Sie denkt an Scheidung: „Wir machten kaum noch etwas gemeinsam, hatten uns nichts mehr zu sagen, und er konnte über seine Gefühle nicht reden“, erinnert sie sich.

Für die Psychologin Perrig-Chiello ist die Sprachlosigkeit der Männer einer der Gründe, warum Ehen oft nach Jahren scheitern: 2022 waren 24 000 beziehungsweise 18 Prozent aller geschiedenen Paare bereits mindestens 25 Jahre verheiratet.

Am Höhepunkt ihrer Ehekrise macht Ilona Cwik-Lorz ihrem Mann ultimativ klar: „Ich fühle mich vernachlässigt.“ Fortan telefonieren sie täglich eine halbe Stunde. Beide merken, dass sie ohne den anderen kaum leben können und sich gegenseitig vermissen würden. „Kein Mann könnte mich je so gut verstehen wie Jörg“, stellt sie fest. Er begreift: „Ich würde lieber alleine leben als mit einer anderen Frau.“

„Seine Liebeserklärungen gehen nicht über Worte, sondern über Taten“

„Glück ist eine Entscheidung“, sagt Ilona Cwik-Lorz heute. „Ich habe realisiert, dass seine Liebeserklärungen nicht über Worte, sondern über Taten gehen.“ Er bringt ihr das Frühstück ans Bett und macht ihr jeden Abend Tee. „Sobald ich sage, ich friere, habe ich Sekunden später eine Wärmeflasche an den Füßen.“ Außerdem habe ihr Mann sie bestärkt, sich 2014 als Leiterin an der Annemarie-Lindner-Schule in Nagold zu bewerben, obgleich dies wieder eine Wochenendehe bedeutet habe. Er sagte zu ihr: „Nun bist du dran.“ Ihre Tochter steht zu diesem Zeitpunkt längst auf eigenen Füßen.

Ilona Cwik-Lorz zieht in eine Wohnung, die sie allein nach ihrem Geschmack gestaltet. Er bleibt im gemeinsamen Eigenheim in Neuhausen. Als es darum geht, wo sie ihren Lebensabend verbringen, entscheiden sie sich für Nagold und verkaufen das Haus.

Er hat mittlerweile den Tisch gedeckt, seine Frau nimmt neben ihm Platz. Sie sind seit mehr als 45 Jahren Vegetarier. Auch das sei eine Gemeinsamkeit, sagt sie.

Nach dem Mittagessen geht er in seine Garage und frönt seinem Hobby: Motorräder reparieren. Sie kümmert sich derweil um den Garten. Jeder lässt dem anderen die Freiheit, auch seine eigenen Dinge zu machen.