28 Teilnehmer aller Altersgruppen fahren beim Deizisauer Seifenkistenrennen in selbstgestalteten Wagen um den Sieg. Nach mehrjähriger Unterbrechung soll das Rennen jetzt wieder regelmäßig stattfinden.
Mit rund 50 Stundenkilometer rasen die Seifenkisten auf der Rennstrecke den Hang hinab, angetrieben allein von der Schwerkraft. Eine silbern glänzende Seifenkiste kommt den Hang herunter geschossen. Konzentriert lenkt ihr Fahrer sie durch die Kurve zur Zielgeraden. Als Rennstrecke dient ein asphaltierter Feldweg, gesäumt von Streuobstwiesen voll blühenden Hahnenfußes auf der einen und klatschenden Zuschauern auf der anderen Seite. Mit qualmenden Bremsen kommt der Wagen zum Stehen, wird zur Seite geschoben und macht die Bahn frei für den nächsten.
Es ist ein angenehm warmer Frühlingssonntag, an dem das Seifenkistenrennen in Deizisau stattfindet. Der Duft von Roter Wurst zieht vom Grill im Catering-Bereich her über den Platz, der gleichermaßen als Boxengasse und Zuschauerstand fungiert und direkt am Zieleinlauf liegt.
Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometer
„Es ist großartig, dass wir heute am Start sein dürfen, wir haben richtig darauf hin gefiebert“, freut sich Heike Banzhaf-Frasch. Als Leiterin der Dezisauer Zehntscheuer, einer Einrichtung des Kreisjugendrings Esslingens, hat sie die Veranstaltung mit ihrem Helferteam organisiert. 28 Rennfahrerinnen und -fahrer gehen an den Start. Die jüngsten zehn Jahre alt, der älteste knapp über 60. Gefahren wird nacheinander in zwei Altersgruppen, jeder Fahrer bekommt zwei Durchgänge. Die Senioren ab 15 Jahren treten auf der 200 Meter langen Rennstrecke gegeneinander an, die Junioren starten etwas weiter unten, um ein allzu halsbrecherisches Tempo zu vermeiden.
Bei mehr als 50 Kilometern pro Stunde liegen die Spitzengeschwindigkeiten, schätzt Nick Palumbo, einer der rund 20 freiwilligen Helfer. Eine der Seifenkisten ist mit einem GPS-Tracker ausgestattet, der 49 Sachen angezeigt hat – andere Teilnehmer seien heute aber schon schneller unterwegs gewesen. Seit 8 Uhr ist Palumbo auf den Beinen, hat Sicherheitsabsperrungen aufgebaut, Strohballen als Bandenbegrenzung entlang der Strecke verteilt und gemeinsam mit seinem Mitstreiter Kai Wollrab vor Rennbeginn die Seifenkisten einer letzten Sicherheitskontrolle unterzogen.
Alle Wagen hielten den prüfenden Blicken der beiden stand, nichts auszusetzen an Bremsen oder Lenkung. Beide freuen sich, dass die Veranstaltung so gut angenommen wird: „Es ist toll, dass so viele Zuschauer da sind“, meint Wollrab. Das liege sicher auch in der Natur des Events: „Eine Hocketse gibt’s fast jedes Wochenende, ein Seifenkistenrennen ist eben etwas Besonderes“. Es ist seit 2010 das vierte Seifenkistenrennen im Ort.
„Wer bremst verliert“
Die Fahrzeuge sind nicht alle selbst gebaut, aber jedes einzelne wurde liebevoll individuell gestaltet. Der „Racing Eagle“ mit orange gestrichener Holzkarosserie und auf die Haube gemaltem Adler zieht einen Feuerschweif aus rotgelbem Krepppapier hinter sich her. Eine weitere Seifenkiste, schwarz gestrichen und mit aufgepinselten Flammen, trägt die Aufschrift „Wer bremst verliert“. Einige Modelle wurden in Heimwerkerarbeit aus Bausätzen zusammengebaut, andere kommen professioneller daher.
Shaqifr Konjusha schiebt nach seinem ersten Rennen den „Allgaier Silberpfeil“ auf den Platz, eine Edelstahlkonstruktion mit Aluminiumabdeckung. Der 17-Jährige macht gerade seine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker bei einem Automobilzulieferer in Uhingen. Das Gefährt ist ein Auszubildendenprojekt des Unternehmens, an dem über zwei Jahre hinweg gearbeitet wurde, erzählt er. Zwei seiner Mitauszubildenden nehmen ebenfalls am Rennen teil. Den Hang hinab zu rasen, sei ein „super Gefühl“, schwärmt er: „Von außen sieht es vielleicht nicht schnell aus. Aber wenn man drin sitzt, ist es schon krass, wenn die Luft über einen hinweg weht.“
Auch der Bürgermeister geht an den Start
Wie wichtig Veranstaltungen wie diese für das Gemeindeleben sind, weiß Bürgermeister Thomas Matrohs. „Ich bin froh, dass es wieder losgeht – nach all den Entbehrungen, die wir hinter uns haben, was das Thema Veranstaltungen angeht.“ Als Schirmherr des Rennens hat er es sich nicht nehmen lassen, selbst die Abfahrt in der Seifenkiste zu wagen. Nach einem Blick auf die gefahrene Zeit (37,95 Sekunden, mit Lichtschranke gemessen) ist er „sehr zufrieden“. Viel mehr als sein eigenes Ergebnis freut ihn jedoch, wie viele Ehrenamtliche sich beim Rennen engagiert haben und wie viele Zuschauer gekommen sind. „Das ist das, was mich am meisten glücklich macht, wenn ich hier runter fahre.“ Auch Organisatorin Banzhaf-Frasch ist froh, wie gut alles geklappt hat. Und sie will die Tradition nun wieder regelmäßig fortführen – das Seifenkistenrennen in Deizisau soll auch nächstes Jahr wieder stattfinden. Dann allerdings – wie zu den Anfängen – im Herbst. Aus einem banalen Grund: Da gibt es mehr Strohballen zur Fahrbahnabsicherung.
Die ersten Seifenkisten wurden in den USA gebaut
Tradition
Es war die Zeit der großen Autorennen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, als die ersten Vorläufer der Seifenkisten entstanden. Begeistert von den motorisierten Rennen der Erwachsenen entstanden nachgeahmte Fahrzeuge für Kinder. Im Taunus wurden damit sogar erste Kinderrennen gefahren. Die Tradition der Seifenkisten stammt allerdings aus den USA, wo Jugendliche in den 30er-Jahren eigene Autos bastelten. Aus Holzkisten, in denen zuvor unter anderem Seifen transportiert wurden. Die Blütezeit der Seifenkistenrennen folgte in Deutschland zwei Jahrzehnte später, mit landesweiten Wettbewerben und Meisterschaften nach amerikanischem Vorbild und mit eigenem Regelwerk.
Gegenwart
Heute steht bei den Seifenkistenrennen vor allem der Spaß im Vordergrund – wie bei dem in Deizisau. 2010 und 2011 fanden dort die ersten Rennen statt, damals organisiert vom Ortsjugendring. 2019 belebte die Deizisauer Zehntscheuer die Veranstaltung wieder, auf Anregung eines Bürgerworkshops. Beim diesjährigen Rennen schaffte es Shpat Mehmeti auf Platz 1 der Senioren, Lisa Biesinger siegte bei den Junioren.