Science-Slam im Merlin Preiswürdiges Schneckentempo

Von Christoph Kutzer 

Albrecht Vorster illustriert seinen Vortrag mit eingängigen Bildern. Foto: Christoph Kutzer
Albrecht Vorster illustriert seinen Vortrag mit eingängigen Bildern. Foto: Christoph Kutzer

Von Kriechtieren und Krebszellen: Beim 8. Science Slam in der Rosenau konkurrierten junge Wissenschaftler um die Gunst des Publikums.

S-West - Killerzellen haben keine große Lobby. Dabei sind sie keineswegs die Bad Guys in unserem Körper. So finster ihr Name auch wirken mag: Die schlagkräftige Truppe nimmt es mit von Krankheitserregern befallene Zellen oder Krebszellen auf, und schafft sie aus dem Weg. Lena Appel weiß diese Arbeit zu würdigen. Beim 8. Science Slam in der Rosenau kitzelt sie am Dienstagabend sogar eine La-Ola-Welle des Publikums für die Vertreter der hämatopoetische Stammzellen heraus. Untermalt von flotten Zeichnungen hat die junge Biologin aus Heidelberg das Problem der Tumorbekämpfung in Reimform gebracht und innerhalb von zehn Minuten in seinen Grundzügen vermittelt – ein herzlicher Applaus ist der Bühnen-Debütantin und ihrer Mischung aus Vortrag und Poetry Slam sicher.

Epileptischer Anfälle wie Erdbeben

Andreas Schäfer wählt einen anderen Weg, um seine erschütternden Einblicke zu vermitteln. „Ich stehe auf Naturkatastrophen“, bekennt der Geophysiker aus Karlsruhe. Sein Thema: Erdbeben. Schäfer greift laut eigener Aussage auf ein Erklärungsmodell zurück, das er für seine siebenjährige Nichte ausgearbeitet hat. Im Mittelpunkt stehen die Umtriebe des wegen Vandalismus und Massenmord gesuchten Erdbeben-Sepp. Illustriert wird der Vortrag von Bildern der Zerstörung. Am heftigsten fallen die Reaktionen auf die Aufnahme eines verwüsteten Weinkellers aus: Ein allgemeines Aufstöhnen ist vernehmbar. „Das ist halb so wild. Das war kein Württemberger“, greift der Wissenschaftler die Stimmung auf. Das kommt an. Die Muster epileptischer Anfälle sind dem Verlauf von Erdbeben nicht unähnlich. So ist der Schritt zu Wiebke Schicks Beitrag „Mein Kampf mit dem Krampf“ gar nicht weit. Der Humor der Neurowissenschaftlerin ist bissig. Als Betroffene teilt sie kräftig in Richtung Pharmaindustrie aus, berichtet von der schwierigen Suche nach einem passenden Medikament und den Problemen, die entstehen, wenn genau diesem Mittel die Zulassung in Deutschland entzogen wird. „Wenn ihr epileptische Anfälle wirksam vermeiden wollt, verzichtet aufs Gehirn“, rät sie den Anwesenden.

Aplysia schläft und nach Partynächten

Das hieße allerdings auch auf das Vergnügen eines ­Science Slam verzichten zu müssen, was definitiv ein Verlust wäre. Zumal das Beste noch kommt: Albecht Vorster, ein passionierter Liebhaber der Langsamkeit, der herausgefunden hat, dass die Meeresschnecke Aplysia schläft und nach langen Partynächten sogar regelrecht übermüdet sein kann. „Sind sie zu langsam, bist du zu schnell“, so bricht er eine Lanze für das mäßige Tempo seiner Schützlinge.

Der Hirnforscher Eric Kandel erhielt im Jahr 2000 einen Nobelpreis für seine Forschungen an den gleichen Weichtieren. Vorster ist von solchen Ehren noch ein Stück weit entfernt. Seine amüsanten Ausführungen bringen dem Tübinger Neurobiologen aber immerhin die Sympathien des Publikums und die Trophäe las Sieger des Abends ein: eine Schneekugel. Apropos: Abgerundet wurde das Programm durch Gast-Koryphäe Hartmut Seyfried. Der ehemalige Direktor des Instituts für Geologie und Paläontologie an der Universität Stuttgart klärte über „das Spaghetti-Prinzip der Evolution“ auf.

Redaktion Stuttgart-West

Ansprechpartnerin
Kathrin Wesely
s-west@stz.zgs.de

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