Akrobat Stock (vorne) 1970 im Stadionbad. Foto: factum/Jürgen Bach

Axel Stock war der Liebling sprungbrettbegeisterter Kinder und begegnete der Ludwigsburger Stadtprominenz in Badeklamotten auf Augenhöhe. Der frühere Bademeister wartet mit einem Schatz an Geschichten auf – und mit famosen alten Fotos.

Ludwigsburg - Ein beherzter Sprung vom Fünf-Meter-Turm aufs Drei-Meter-Brett, von dort aus einen Salto ins kühle Nass: Würde das heutzutage ein wagemutiger Badegast im Stadionbad wagen, gäbe es wohl ein mächtiges Donnerwetter von der Aufsicht am Beckenrand. Als Axel Stock derartige Kunststücke zelebrierte, war er selbst Schwimmmeister. „Man musste natürlich versetzt springen, damit man nicht auf den Rand knallte. Und ich hatte sicherheitshalber Turnschuhe an. Barfuß auf ein nasses, besandetes Aluminiumbrett: Das wär’ dann doch zu gefährlich gewesen“, meint er nonchalant.

 

Die Zeit, als Axel Stock mit tollkühnen Kollegen in einer „humoristischen Springer-Gruppe“ verwegene Akrobatik vollführte – im Ludwigsburger Stadtbad, im damals neuen Stadionbad oder im Vorgänger-Bädle des Kornwestheimer Alfred-Kercher-Bades – , liegt fast 50 Jahre zurück. Mittlerweile ist Axel Stock 81 Jahre alt, kommt aber immer noch agil daher – in Poloshirt, Sportsocken und Sneakers.

Vom Mannesmann-Turm in den Baggersee

Dass die Erinnerungen jetzt so mit Macht zurückkommen, liegt an einem originellen Zufall: Weil die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim derzeit das 50-Jahr-Jubiläum des Stadionbades feiern, hatten sie zu einem besonderen Wettbewerb aufgerufen: Unter den Badefreunden wurde das älteste Schwimmabzeichen gesucht. Und das betagteste Exemplar hatte ausgerechnet der einstige Mitarbeiter Stock ausgegraben. Abgelegt hat er es als Zwölfjähriger am 8. Juni 1951 in Duisburg-Großenwald in einem Baggersee.

Dort hatten er und seine Freunde sich als Kinder auch selbst das Schwimmen beigebracht – in den Nachkriegsjahren gab es weder ein Hallenbad in der Nähe noch Schwimmkurse; es galt, nach dem Prinzip Learning by doing, den Kopf oben zu behalten. Am Rande des Sees hatte die Firma Mannesmann ein Freibad eingerichtet, inklusive einer Art Sprungturm – „ein frei stehendes Rohrgerüst“, erinnert sich Axel Stock. An dem wackligen Gerät schaukelte die Bubenbande, je wilder, desto besser, um sich dann mit Karacho ins Wasser zu stürzen.

Eine D-Mark Jahresbeitrag

Später redete ein Lehrer, der beim sporadisch stattfindenden Schwimmunterricht im See das Wassertalent des Jungen bemerkt hatte, ihm zu, er solle das Freischwimmer-Abzeichen machen – eben jenes, das jetzt beim Preisausschreiben zu Ehren kam. Eine Viertelstunde ununterbrochen zu schwimmen und „einen beliebigen Sprung aus einem Meter Höhe“ machen: Das war für Axel ein Klacks.

Den Fahrtenschwimmer mit einer Schwimmzeit von 45 Minuten und einem Sprung aus drei Metern Höhe legte er kurz darauf nach und trat bei der DLRG ein. Die einbezahlten Mitgliedsbeiträge wurden damals mit bunten Marken quittiert, die der Junge fein säuberlich in sein Mitgliederheft klebte. 1953 war die Marke leuchtend hellgrün und dokumentierte, dass der Beitrag von einer D-Mark ordnungsgemäß abgeführt worden war. Wie ein kleines, hervorragend erhaltenes Briefmarkenalbum sieht das alte Heftchen aus.

Ein umtriebiger Löwe

Trotzdem: Dass er einmal seine Liebe zum Wasser zur Profession machen und dafür vom Rhein an den Neckar ziehen würde, zeichnete sich damals keinesfalls ab, denn eigentlich hatte er bei der Mannesmann AG Dreher und Feinmechaniker gelernt. „Aber ich bin Sternzeichen Löwe und ein umtriebiger Mensch. Ich habe gerne mit Leuten zu tun“, erzählt er. Immer an der Maschine zu stehen, das war nicht sein Ding. Zudem pferchte sich der inzwischen Verheiratete mit Frau und kleinem Sohn mit seiner Mutter in die Wohnung, weil die kleine Familie kein eigenes Dach über dem Kopf fand. Das sorgte für Spannungen.

Als er beim Arbeitsanzeigen-Durchforsten entdeckte, dass in Ludwigsburg ein Bademeister gesucht wurde, bewarb er sich – „und siehe da, es hat funktioniert.“ Den Grundschein und den Leistungsschein als Rettungsschwimmer hatte er ohnehin in der Tasche, weitere Qualifikationen, etwa die zum medizinischen Masseur und zum Sauna-Meister, sattelte er drauf. In Ludwigsburg bekam er nicht nur eine große Wohnung, sondern auch einen Beruf, den er liebte.

Mit vielen Persönlichkeiten auf Du und Du

Und er wurde seinerseits geliebt, vorneweg von den Kindern. Anno 1967 begann er im Stadtbad, ab 1969 war er im neuen Stadionbad. Der immer zu einem Schalk aufgelegte Bademeister, der aber auch streng sein konnte, wenn es nötig war („Das haben die akzeptiert“), war schließlich der Herr über die Sprunganlagen – und wenn er Dienst hatte, konnten sich die Kinder und Jugendlichen sicher sein, dass er Bretter oder Turm öfter als manch andere freigab. „Ich wusste doch selbst, was das für ’ne Freude ist“, sagt er. Die Kinder linsten, bevor sie ins Bad kamen, sogar durch die Schwimmbadscheibe, um zu eruieren, wer Aufsicht hatte.

Manches hohe Tier sah Axel Stock in Badehose, war mit vielen Persönlichkeiten in der Stadt per „Du“. Bei der Benefizaktion „Baustein der Nächstenliebe“ vor proppenvollen Zuschauerrängen durchnässte er mit seinem „Teufelssprung“ die in der ersten Reihe sitzende Annemarie Griesinger – damals stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die bürgernahe Politikerin nahm es mit Humor.

Ungebrochene Vitalität

Wenn Axel Stock in ungebrochener Vitalität mit den Anekdoten von damals loslegt, wirkt das vergangene halbe Jahrhundert wie weggewischt. Fast überscharf ist ihm gerade besagte Benefizaktion im Jahr 1970 präsent, bei der sich die damalige Ludwigsburger Prominenz bei Münzentauchwettbewerben, Luftmatratzen-Contests und Wettschwimmen für die Beschützenden Werkstätten auf der Karlshöhe ins Zeug legten. „Und das hier“, sagt er lachend und zeigt auf ein Gruppenbild mit Dame – alle in 70-er-Jahre-Bademode gewandet, er selbst lässig mittenmang – „war die Schwimmstaffel der Stadtverwaltung. Links, das ist der Herr Ulshöfer.“ Der damalige Ludwigsburger Oberbürgermeister lugte dem Fotografen in rotbraun-weiß-gestreiftem Bademantel entgegen.

Vom Wasser zur Wehr

Den guten Bäderzeiten zum Trotz: 1974 sattelte Axel Stock um und wechselte als Feuerwehrmann zu den Ludwigsburger Floriansjüngern. Am Beckenrand zu stehen, bis er 65 Jahre sein würde, das konnte er sich dann doch nicht vorstellen. Seiner Liebe zum nassen Element frönt er aber bis heute – dass das Stadtbad nicht saniert, sondern zur Mensa umgewandelt wurde, darüber schüttelt er den Kopf. Er geht aber immer noch gerne ins Stadionbad und liebt die Sauna im Neckarsulmer Aquatoll, die er gerne mit seinem Sohn besucht. Seine Frau kann diese Freuden nicht mehr mit ihm teilen: Sie starb, nachdem er sie jahrelang aufopferungsvoll pflegte, vor sechs Jahren.

Stock hält sich trotzdem aufrecht, geht viel unter die Menschen und freut sich über jeden guten Tag. „Man muss sich Ziele setzen, die man erreichen kann“, sagt er. „Dann ist man glücklich.“