Das Ehepaar Schantel aus Schwieberdingen Foto: factum/Weise

Martina und Jörg Schantel sind an Bord der Costa Concordia gewesen, als das Kreuzfahrtschiff von Felsen aufgeschlitzt wurde.

Schwieberdingen - In ihren Träumen kommt alles wieder – das Chaos, das riesige Schiff, der Lärm, die Kälte. Vergangene Nacht habe sie sogar selbst am Steuer eines Bootes gesessen, erzählt Martina Schantel. Im Schlaf durchlebt sie immer wieder das, was sie an jenem Freitag, den 13. Januar, erlebt hat. „Tagsüber bin ich ruhelos, zittere und kann mich nicht konzentrieren“, sagt sie. Der Arzt hat sie zwei Wochen krankgeschrieben. Ein Termin beim Psychologen sei ausgemacht. Mit ihrem Mann Jörg war die 49-jährige Schwieberdingerin an Bord der Costa Concordia. Zusammen retteten sie sich von dem sinkenden Stahlkoloss . Zusammen saßen sie bis morgens um fünf Uhr bibbernd am Strand der kleinen Mittelmeerinsel Giglio, beide noch in Abendgarderobe, eingehüllt in ein großes Bettlaken. „Das war wie im Flüchtlingslager – nur ohne Hilfe“, sagt Martina Schantel. „Von den Verantwortlichen bei Costa hat sich da niemand um uns gekümmert.“

Eine Woche Kreuzfahrt, die erste im Leben des Ehepaars, lag da hinter ihnen – Palermo, Palma de Mallorca, Sardinien. „Bis zum Unglück war alles sensationell“, sagt Jörg Schantel. Man habe sich gar nicht vorstellen können, dass auf so einem Schiff etwas Schlimmes passieren könne. Mit dem Finger zeigt der 48-Jährige auf den vor ihm ausgebreiteten Deckplan aus einem Reisekatalog: Deck acht, Außenkabine Nummer 8319, mit Balkon für knapp 1000 Euro pro Person. „Das war unsere Kabine, jetzt liegt sie unter Wasser.“ Außer ihren Kleidern am Leib, Pässen, Geldbeuteln und Schlüsseln konnten sie nichts retten. „Letzte Woche hat jemand von Costa bei uns angerufen, und gesagt, dass uns das alles ersetzt werden soll.“ Viel wichtiger sei aber, dass alle Menschen, die sie auf dem Schiff kennengelernt hätten, gerettet worden seien. „Darüber sind wir sehr froh.“

Die Koffer waren schon gepackt

Es war der letzte Abend an Bord für die Schantels, als das Unglück gegen 21.45 Uhr seinen Lauf nahm. Die Koffer waren schon gepackt. „Wir saßen im Theater auf Deck drei, als wir ein Vibrieren gespürt haben“, sagt Jörg Schantel. Dabei gedacht habe er sich zunächst nichts, erst als der Bühnenvorhang zur Seite kippte und die Gläser vom Tisch rutschten, seien bei ihm die Alarmglocken losgegangen. Seine Frau und er eilten daraufhin in ihre Kabine, legten ihre Rettungswesten an und rannten wenig später zu den Rettungsbooten auf Deck vier. In den offiziellen Durchsagen an Bord sei zu dieser Zeit noch immer von einer technischen Panne die Rede gewesen. Für die Schantels einer von vielen unglaublichen Vorgängen an Bord der Costa Concordia während der Evakuierung. „Mein Hauptvorwurf an die Verantwortlichen ist, dass die mit der Rettung viel zu lange gewartet haben“, sagt Jörg Schantel.

Gegen 23 Uhr konnten die Schwieberdinger selbst einen Platz im Rettungsboot ergattern. „Wir hatten beide Todesangst“, sagt Jörg Schantel. Die chaotischen Szenen vor den Booten seien teils entsetzlich gewesen. „Ein Gehbehinderter wurde da einfach weggeschoben.“ Kontrolle oder Anweisungen von der Crew oder Kapitän Francesco Schettino , der sich selbst eilig in Sicherheit brachte, habe es zu keiner Zeit gegeben. Auf keinen Fall wolle er den Kapitän in Schutz nehmen, sagt Jörg Schantel. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er so stark vom Kurs abweicht, ohne dass die Reederei davon etwas erfährt.“ Er glaube, dass Schettino Druck von Costa bekommen habe, spektakuläre Manöver zu fahren.

Im Moment sei es für beide unvorstellbar, jemals wieder Urlaub auf so einem großen Schiff zu machen. „Wenn dann vielleicht auf der Aida, die ist halb so groß und unter deutscher Führung.“ Eines ist beiden in jedem Fall klar: „Nie wieder Costa.“

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