Dem Reformator Calvin war Schmuck ein Graus. Aber Zeitmesser durften sein, damit die Genfer pünktlich zum Gottesdienst erschienen. So wurde die Stadt zu einer Uhren-Metropole.
Zwei große Söhne der Uhrenstadt Genf, der Religionsstifter Jean Calvin im 16. Jahrhundert und der Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert, hatten ein besonderes Verhältnis zu Uhren. Allerdings ein eher gestörtes.
Der strenge Protestant Calvin (1509– 1564), aus Frankreich nach Genf gekommen, verbot „Kreuze, Kelche und andere Instrumente, die dem Papsttum und der Abgötterei dienen“. Auch Schmuck war ihm ein Graus, ein Frevel, weil er die Menschen vom Glauben an Gott ablenke.
Da dieselben Menschen aber pünktlich bei seinen Gottesdiensten erscheinen sollten, ließ Pfarrer Calvin in Genf öffentliche Uhren aufstellen. Uhrmacher und Juweliere taten sich in dieser Zeit zusammen und stellten Zeitmesser für den privaten Gebrauch her. Das immerhin war noch erlaubt. „In der Stunde unseres Todes“, meinte Calvin, „müssen wir Rechenschaft ablegen über jede Minute unserer Zeit.“
Eine Folge: Genf wurde, ohne dass Calvin es je im Sinn gehabt hätte, über die Jahrhunderte zu einer Weltmetropole der Uhren, darunter viele Marken und Modelle, die Reformator Calvin ob ihrer teuren Pracht mit Abscheu und Empörung betrachtet hätte.
Jean Rousseau, ein Horloger des 17. Jahrhunderts, der einer Genfer Uhrmacher-Dynastie entstammte und dessen kostbare Uhren heute in den großen Museen von Paris, London oder New York gezeigt werden, hatte zwölf Kinder. Fünf seiner Söhne wurden ebenfalls Uhrmacher. Am 28. Juni 1712 erblickte sein Urenkel Jean-Jacques Rousseau das Licht der Welt. „Der Bürger von Genf“, wie man ihn später nannte, wurde jedoch nicht Uhrmacher wie seine Vorfahren, sondern Philosoph und Schriftsteller, Naturforscher und Pädagoge – und als solcher weltberühmt. Eine goldene Sprungdeckeluhr besaß er als Uhrmachersohn natürlich auch. Allerdings nicht auf Dauer. Das hätte sich nicht mit seiner Philosophie vertragen.
Rousseau wollte nicht nur „retour à la nature“, zurück zur Natur, sondern verzichtete eine Zeit lang auf viele seiner Besitztümer. Die Zeitspanne der Entsagung nannte er „meine spartanische Phase“. 1751 verzichtete Rousseau, der in Paris wegen seiner „Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste“ gerade Furore gemacht hatte, also auf seine „vergoldeten Kleider und weißen Strümpfe“, setzte eine Perücke auf, legte den Degen nieder und verkaufte viele Besitztümer – darunter auch die goldene Uhr, die sein Vater ihm geschenkt hatte.
„Ich dankte Gott, dass ich nicht mehr zu wissen brauchte, wie spät es sei.“
Im achten Buch seiner berühmten „Bekenntnisse“ schrieb er: „Ich dankte Gott, dass ich nicht mehr zu wissen brauchte, wie spät es sei.“ Und weiter: „Bis dahin war ich gut gewesen, nun wurde ich tugendhaft – oder wenigstens trunken von der Tugend.“
Diese Bekenntnisse, so wird vermutet, konnte Rousseau nur uhrenlos verfassen – quasi außerhalb der Zeit. In einem Zustand, den er in den „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“ selbst so beschrieb: „Wo die Seele eine ausreichend feste Grundlage findet, um sich dort ganz auszuruhen, in dem die Gegenwart immer andauert, ohne dennoch ihre Dauer zu markieren und ohne jede Spur von Nachfolge.“
Rousseau reduzierte die Uhr auf ihre technische Funktion als Zeitmesser und ließ ihren ästhetischen Wert als Schmuckstück und den ökonomischen Wert als Handelsobjekt beiseite. Immerhin lobte er die Handwerker seiner Heimatstadt: „Ein Uhrmacher aus Paris ist nur gut darin, über Uhren zu sprechen, ein Uhrmacher aus Genf ist ein Mann, den man überall einführen kann, jedenfalls überall dort, wo sich intelligente Menschen befinden.“
Im seinem staatsphilosophischen Hauptwerk, dem „Gesellschaftsvertrag“, baute er eine geheimnisvolle Maschine ein: „une montre à spiral réglant“. Damit war die Uhr gemeint, bei der ein Rad ins andere greift und alle Bestandteile das Funktionieren des Ganzen regeln. Wie eine Uhr sollte für Rousseau auch die ideale Gesellschaft aufgebaut sein.
Als früher Romantiker, für den Natur und Gefühl wesentlich waren, stellte Jean-Jacques Rousseau sich vor, dass die Gesellschaft in Genf präzise funktionieren könnte wie ein Schweizer Uhrwerk. Die ideale Stadt als Modell für die ideale Welt.
Auch wenn die Welt, wie sich in den Jahrhunderten danach zigfach zeigte, von Rousseaus utopischem Modell weit entfernt blieb – die Hauptstadt der präzise funktionierenden Zeitmesser ist Genf bis heute. Zur jährlichen Leistungsschau „Watch and Wonders“, früher als Genfer Uhrensalon bekannt, kamen im vergangenen Jahr über 40 000 Besucher.
Mechanische Uhren, die im Kanton Genf hergestellt sind und bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, dürfen sich seit 1886 mit dem sogenannten Genfer Siegel schmücken, einem gesetzlich geschützten Prädikat. Unter anderem darf die Uhr nach sieben Tagen nicht mehr als eine Minute falsch gehen.
Auch Rolex, die berühmteste Uhrenmarke der Welt, Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Deutschen Hans Wilsdorf gegründet, hat ihren Sitz heute in Genf.
Schon rund 80 Jahre vor Wilsdorf hatte ein polnischer Freiheitskämpfer namens Antoine Norbert de Patek mit dem Uhrmacher François Czapek 1839 in Genf das Unternehmen gegründet, dessen Uhren unter dem Namen Patek Philippe zum Feinsten (und Teuersten) gehören, was die Uhrmacherkunst heute zu bieten hat. Seit 2001 gibt es in Genf das Patek-Philippe-Museum. Auch die Edelmarken Vacheron Constantin, Frédérique Constant und Baume & Mercier sind in Genf zu Hause.
Dass mit Jean Calvin und Jean-Jacques Rousseau zwei der berühmtesten Söhne der Stadt mit schmucken Uhren eher auf Kriegsfuß standen, darf als ironische Volte der Geschichte abgehakt werden – und schert die Liebhaber Genfer Uhrmacherkunst wenig.