Die Ständige Impfkommission empfiehlt Menschen ab 60 Jahren die Impfung gegen Gürtelrose. Foto: imago/Christian Ohde

Immer mehr Menschen müssen hierzulande wegen Gürtelrose behandelt werden. Lässt die Windpocken- oder Coronaimpfung die Zoster-Virenerkrankungen steigen? Oder ist es der Stress, der das Immunsystem schwächt? Eine Ursachensuche.

Ehe sich die kleinen, prall gefüllten Bläschen am Körper bilden, beginnen nicht selten die Schmerzen. Es fühle sich an, als ob Blitze über die Haut schießen – so beschreiben es Betroffene dem Dermatologen Toni Silber von der Universitätshautklinik in Tübingen. Bei anderen brennt die Haut wie Feuer. Gürtelrose ist in der Tübinger Klinik eine oft gestellte Diagnose, täglich erscheinen ältere wie auch jüngere Patienten in der Ambulanz, manche von ihnen müssen stationär aufgenommen werden.

 

Ausgelöst wird die Gürtelrose von einem Herpesvirus, dem Varizella-Zoster-Virus. Steckt man sich das erste Mal mit den Viren an, rufen sie Windpocken hervor. Danach schlummern die Viren lebenslang in den Nervenknoten und können reaktiviert werden – oft dann, wenn das Immunsystem durch eine vorausgegangene Erkrankung geschwächt ist. Die Viren nutzen die Chance und wandern entlang der Nervenbahnen an die Hautoberfläche, wo sie sich vermehren und zu Entzündungen im Nervengewebe führen.

Der Trend geht nach oben

Gürtelrose, das haben vor allem ältere Menschen, hieß es einmal. Heute erzählen 40-jährige Arbeitskollegen oder Bekannte in den 20ern von dem gürtelähnlichen Ausschlag. Auch Teeniestar Justin Bieber, Nato-Chef Jens Stoltenberg und Sat-1-Moderatorin Julia Leischik machten ihre Infektion öffentlich. Krankenkassen, Ärzte und Pharmaunternehmen werben verstärkt für die Impfung gegen Gürtelrose. Doch wird nur mehr über das Herpesvirus gesprochen, oder gibt es tatsächlich mehr Fälle?

Das lässt sich nicht so genau sagen. Denn die Erkrankung ist nicht meldepflichtig. Patientendaten der Krankenkasse AOK zeigen zwar, dass im Jahr 2021 Gürtelrose unter den Versicherten in Baden-Württemberg häufiger diagnostiziert wurde als noch 2012, ein alarmierender Anstieg der Fallzahlen ist aber nicht zu erkennen.

Allerdings gibt es auch Studien, die klar eine andere Tendenz belegen: Zwei Dermatologen des Essener Universitätsklinikums werteten Daten des Statistischen Bundesamts aus und untersuchten, wie viele Menschen in Deutschland zwischen 2009 und 2019 wegen einer Gürtelrose stationär im Krankenhaus behandelt wurden.

Das Ergebnis: Im Untersuchungszeitraum hat die Zahl der Patienten um mehr als die Hälfte zugenommen. Mussten im Jahr 2009 noch 17 333 Patienten behandelt werden, waren es zehn Jahre später schon 27 296. Die meisten Menschen erkranken, wenn sie älter als 60 Jahre als sind, doch auch jüngere Menschen trifft das Virus heutzutage häufiger. Die Anzahl der 21- bis 40-jährigen Patienten hat sich in dem Zeitraum mehr als verdoppelt.

Auch Jüngere sind betroffen

Aber warum erkranken mehr Menschen an Gürtelrose als früher? Die Corona-Impfung zumindest ist nicht der Grund, auch wenn das immer wieder zur Sprache kommt. Das zeigt eine im November 2022 veröffentlichte Studie der University of California. Ein Ärzteteam hatte ausgewertet, wie oft Geimpfte im ersten Monat nach der Corona-Impfung mit Gürtelrose einen Arzt aufsuchen. Nicht häufiger als der Durchschnittsamerikaner, zeigt die Analyse von Behandlungsdaten von rund zwei Millionen US-amerikanischen Bürgern. Auch das deutsche Paul-Ehrlich-Institut sieht kein Risikosignal für mehr Zoster-Fälle nach einer Corona-Impfung.

Auch die Windpocken-Impfung ist es nicht

Eine andere Theorie ist, dass der Anstieg etwas mit der Impfung gegen die Windpocken zu tun haben könnte. Diese wird seit 2004 von der Ständigen Impfkommission (Stiko) als Einfachimpfung, seit 2009 als Zweifachimpfung empfohlen. Laut RKI waren im Jahr 2020 insgesamt 85,1 Prozent aller Kinder in Deutschland bei Schuleintritt zweimal geimpft. In Baden-Württemberg waren es laut Landesgesundheitsamt 86,2 Prozent. Die Bedenken: Je mehr Kinder gegen Windpocken geimpft sind, desto weniger Varizella-Zoster-Viren zirkulieren in der Bevölkerung und desto weniger kommen Erwachsene in Kontakt mit dem Virus.

Die Folge: eine sinkende Immunität bei denjenigen, die schon Windpocken durchgemacht haben und das Virus in sich tragen – und mehr Angriffsfläche für die Gürtelrose. Mehrere Studien sprechen allerdings gegen diese Schlussfolgerung. Zwar scheint ein regelmäßiger Kontakt mit dem Virus das Immunsystem durchaus zu stärken. Der tatsächliche Effekt halte sich aber wahrscheinlich in Grenzen, bestätigt das RKI.

Mehr Sorge – mehr Arztbesuche?

Vielleicht ist es der Stress, der die Gesellschaft anfälliger für Gürtelrose macht? „Stress ist schwer messbar. Allerdings berichten mir einige Patienten von vorausgegangenen belastenden Ereignissen, etwa ein Tod in der Familie oder besonders stressige Phasen. Manchmal begünstigen zuvor aufgetretene Infekte, die das Immunsystem eine Zeit lang schwächen, eine Reaktivierung des Windpockenvirus“, so der Dermatologe Silber. Der Hausärzteverband Baden-Württemberg berichtet von einem gestiegenen Bewusstsein unter den Patienten in allen Altersgruppen. Wer früher bei einem leichten, wenig besorgniserregenden Ausschlag zu Hause geblieben sei, gehe heute eher mal zum Arzt und ließe die Pusteln untersuchen. Auch in der Uniklinik Tübingen kann man das bestätigen: „Unsere Patienten sorgen sich teilweise mehr, die absoluten Zahlen müssen wir also kritisch hinterfragen“, sagt Silber.

Zum Arzt zu gehen, wenn man eine Gürtelrose vermutet, sei in jedem Fall richtig, mahnt er. Zwar heilt der Ausschlag innerhalb von drei Wochen meist ab, doch wird die Infektion bei schweren Verläufen nicht rechtzeitig mit antiviralen Mitteln behandelt, bestehe die Gefahr, dass Nervenschmerzen länger bleiben – mitunter sogar lebenslang: „Bei elektrisierenden, stechenden Schmerzen sollte man unverzüglich einen Arzt aufsuchen, auch wenn noch keine Bläschen zu sehen sind.“ Gürtelrose im Gesichtsbereich kann unbehandelt sogar Entzündungen der Hornhaut, Bindehaut oder Netzhaut hervorrufen.

Impfung schützt vor Infektion

Totimpfstoff
Gegen Gürtelrose kann man sich impfen lassen. Seit 2018 empfiehlt die Ständige Impfkommission den Totimpfstoff Shingrix allen Menschen ab 60 Jahren, Vorerkrankten ab 50 Jahren. Laut Stiko bleibt der Impfschutz über mehrere Jahre auf hohem Niveau. Dafür sind zwei Dosen im Abstand von zwei bis sechs Monaten nötig. Die Pharmaunternehmen Pfizer und Biontech arbeiten zudem an einem mRNA-basierten Impfstoff.

Impfquote
Im ersten Quartal 2022 waren gerade einmal 7,7 Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland vollständig gegen Herpes Zoster geimpft. Baden-Württemberg reiht sich unter den Bundesländern mit einer Quote von 5,9 Prozent an zweitletzter Stelle ein. Nur in Schleswig-Holstein sind mit 4,3 Prozent weniger Menschen über 60 Jahre vollständig geimpft.