Klicken Sie sich durch Bilder aus dem Untergrund: Unterwegs im Tunnel der S-Bahn-Station Schwabstraße. Foto: Piechowski

Wir öffnen sonst verschlossene Türen und stellen die S-Bahn-Station Schwabstraße vor.

Stuttgart - Wo das Publikum keinen Zutritt hat, lockt der Reiz des Verborgenen und Unbekannten. Denn gerade hinter den Kulissen ist es besonders interessant. Wir öffnen für unsere Leser sonst verschlossene Türen. Diesmal stellen wir das Geheimnis der S-Bahn-Station Schwabstraße vor.

"Bitte aussteigen. Dieser Zug endet hier." Für die Fahrgäste der S-Bahn-Linien S4, S5 und S6 ist an dieser Stelle Schluss. Die unterirdische Haltestelle Schwabstraße ist Endstation. Der Zug, gesteuert von einem einsamen Lokführer, verschwindet ohne Passagiere im Dunkel des Tunnels. Wie vom Hades, der Unterwelt der griechischen Mythologie, verschlungen. Bewacht vom Höllenhund Zerberus, der dafür sorgt, dass kein Lebender den Hades betritt und kein Toter ihn verlässt. Oder hat jemand schon mal eine S6 nach ihrem Verschwinden wieder auftauchen sehen? Auf der anderen Seite wird allenfalls eine S4 wieder ausgespuckt.

Wir wollen mehr wissen über diesen Leerraum. Und suchen einen Fährmann, der uns über den Styx bringt, der die Ober- und die Unterwelt voneinander trennt. Patrick Seeger ist so einer, der das Schattenreich unter anhydrithaltigen Gipskeuperschichten unzählige Male durchfahren hat. Der 36-Jährige ist ein erfahrener Triebfahrzeugführer am Steuerpult der S-Bahn. Einer, der auch schon andere Lokführer ausgebildet hat. Und vor allem: Er ist Mitarbeiter im Notfallmanagement. Sollte uns irgendein Unheil in der Unterwelt widerfahren - dann können wir so einen gut gebrauchen. "Ich bin ein S-Bahner", sagt er selbstbewusst.

Das Tor des Hades

Der Hades der S-Bahn ist der einsamste Ort Stuttgarts. Eine riesige Wendeschleife unter dem Stuttgarter Westen, ein Tunnelring mit 1,5 Kilometer Umfang, und keine Menschenseele weit und breit außer dem Lokführer in seinem leeren Zug. Der entfernteste Punkt ist der Westbahnhof, 89 Meter darunter vergraben. Keine Seitengänge, keine Notfallschächte. Die Schiene ist der einzige Weg.

Die Einfahrt in den Schlund ist eine 6,70 Meter durchmessende graue Röhre. Das Tor des Hades zweigt von der Hauptstrecke nach rechts ab, während der Haupttunnel kerzengerade durch den Hasenberg hinauf Richtung Vaihingen Universität führt. Vom Höllenhund Zerberus ist nichts zu sehen. Dafür gibt uns nach einigen Metern Fahrt die Signalanlage Nummer 961 den Weg in eine endlos lange Linkskurve frei. Drei Signalanlagen weiter haben wir den Westbahnhof hinter uns und den Hasenbergtunnel unterquert. "Bis hierher", sagt Seeger, "hätten drei Langzüge Platz." Ein jeder 210 Meter lang. Insgesamt könnte der Ring fünf solcher Züge schlucken.

Seeger wurde 1975 geboren, in jenem Jahr, als der offizielle Tunnelanschlag für den Vortrieb der Wendeschleife gefeiert wurde. In einem Radius von 190 Metern ging es linksherum und rechtsherum. Als die Tunnelbauer, die ihre Messgeräte nur an der Station Schwabstraße orientieren konnten, im Jahr 1976 den Kreis unter dem Westbahnhof schlossen, hatten sie sich nur um lächerliche acht Millimeter in der Breite und zwei Millimeter in der Höhe verfehlt.

Die Tunnelwand ist bis zu einem Meter dick. Es gilt, dem Druck quellender Gipskeuperschichten standzuhalten. Ein unheimlicher Ort. Eine türkische Frau, die einmal mit ihren zwei Kindern versehentlich in der S-Bahn sitzen geblieben war, zog verängstigt die Notbremse. Seeger musste aussteigen, versuchte ihr zu erklären, dass man in wenigen Minuten wieder zurück an der Station Schwabstraße sei. "Doch die Frau verstand kein Wort Deutsch", sagt Seeger. Die Folge: Die Frau zog noch weitere zwei Male die Notbremse.

Unten, in der absoluten Einsamkeit

Dabei führt die Schleife nach dem Westbahnhof tatsächlich wieder Richtung Schwabstraße zurück. Im letzten Abschnitt wird der Tunnel plötzlich breiter - und es gibt zwei Gleise. Ein Ausweichgleis, auf dem bei Großveranstaltungen ein Dispositionszug stehen könnte. Hier, in einer 9,80 Meter breiten Röhre, bleibt die S-Bahn stehen. Zehn Minuten Pause.

Der Hades wirkt harmlos. Doch viele Jahre lang hat der Höllenschlund die Schienen verschlungen. Weil der Abrieb der Räder in der engen Endloskurve gewaltig ist, mussten bisher alle drei Jahre die Gleise komplett ausgewechselt werden. Neuerdings aber wird der Gleiskörper an 52 Stellen mit einem fetthaltigen Mittel geschmiert - die Abnutzung ist nun fast gleich Null.

Doch wie kommen Lokführer, die eine in der Wendeschleife abgestellte S-Bahn übernehmen, zu diesem Zug? Und wo geht man hier zur Pinkelpause auf die Toilette? "Gar nicht", sagt Seeger, "S-Bahner sind trainiert." Toiletten gibt es an den Endhaltepunkten. Aber nicht hier im Tunnel. "Wir hatten mal an Dixi-Klos gedacht", sagt Seeger, der S-Bahn-Mann für Qualitätsmanagement und Prozessoptimierung. "Doch dann stellte sich die Frage, wie man hier Dixi-Klos entsorgen soll." Dass Lokführer hier Züge übernehmen, sei allerdings eine Legende. "In der Regel geschieht das am Hauptbahnhof oder in Plochingen."

Zur Meditation verdammt

Der Lokführer ist hier unten, in der absoluten Einsamkeit, etwa zehn Minuten zur Meditation verdammt. Im morgendlichen Berufsverkehr kürzer, im Spätverkehr länger. Da können es auch schon mal 15 bis 20 Minuten sein. 285 Meter sind es am Wartepunkt noch bis zur Haltestelle. Die Temperatur ist angenehm, die Luft trocken. Etwa 30 Meter über uns liegt die Reinsburgstraße. Würden wir uns nach oben bohren, säßen wir in einem Friseursalon.

Was man hier sonst noch so tun kann, findet sich im oder neben dem Schotterbett. Leere Zigarettenschachteln, Milchtüten, Colabüchsen, Kirschnektar, Fischdosen, Pizza. Und es riecht, als ob S-Bahner doch nicht so trainiert wären.

Zerberus, der Wächterhund, ist auch nicht mehr, der er mal war.

Im schwarzen Staub des Bremsabriebs findet sich ein letztes Geheimnis. Eine abgestempelte Fahrkarte vom 23. Oktober. Verwendet in der Regionalbahn 19113, von Sinsheim nach Stuttgart Schwabstraße, Preis 17,40 Euro. Gültig für einen Erwachsenen, der vermutlich in Bietigheim in die S5 umgestiegen war. Doch wie kommt die Karte ins Niemandsland? Wurde sie über Wochen vom Fahrtwind hierhergeweht? Oder war der Mann heimlich im Hades?

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