Das Weingartener Moor, ein Naturschutzgebiet nördlich von Karlsruhe, droht allmählich auszutrocknen. Was die Ursachen dafür sind – und wie Frösche darunter leiden.
Es zirpt und quakt, auch an diesem lauen Vorsommerabend im Mai. Rasend schnell piksen aggressiv wirkende Stechmücken die Besucher des Weingartener Moors. Das bereits seit 1940 ausgewiesene Naturschutzgebiet nördlich von Karlsruhe ist ein beliebtes Ausflugsziel. Doch das 250 Hektar große Areal droht auszutrocknen. Der Grund: der ausbleibende Grundwasserzustrom. Naturschützer schlagen jetzt Alarm. Bedroht ist auch ein bedeutendes Laichgewässer für ganz Nordbaden.
Der Laich der Amphibien scheint bedroht
Der Bruch- und Sumpfwald gilt laut Fachleuten in seiner Größe und naturnahen Ausprägung als einmalig im Südwesten. Seine Entstehung hat das moorige Gewässer der so genannten „Kinzig-Murg-Rinne“ zu verdanken, die von Bühl bis Heidelberg reicht. Diese „feuchte Senke“, entstanden in der frühen Eiszeit durch eine tektonische Verwerfung, erzeugte ökologisch höchst wertvolle Feuchtgebiete, wie besagtes Weingartener Moor.
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Bei dem angrenzenden Baggersee Grötzingen war bis vor wenigen Jahrzehnten noch Kiesabbau möglich. Im Weingartener Moor wurde bis etwa zum ersten Weltkrieg auch Torf gestochen. Doch beides, Bruchwald und der Baggersee Grötzingen sowie das Moorgebiet sind inzwischen Naturschutzgebiete von hohem Rang. Der Holzsteg vor dem Moorsee, den man von einem Holzpavillon aus beobachten kann, ist eigentlich dazu da, dass man keine nassen Füße bekommt. Diese nassen Waldflächen, nur hauchdünn von Wasser überdeckt, sind bei den Amphibien sehr beliebt. Doch nun liegen weite Teile der Flächen zwischen dem Weingartener Moor und dem Grötzinger Bruchwald das dritte Frühjahr in Folge komplett trocken. Der Laich der Amphibien scheint bedroht, oder aber ist gar gefrässigen Fischen und Vögeln ausgeliefert.
Bahnlinie und Bundesstraße als zusätzliche Belastungen
Naturschützer beklagen einen Rückgang bei Fröschen und Kröten von derzeit schon bis zu 90 Prozent. Der Ökologe Hans-Martin Flinspach, bis vor wenigen Wochen noch hauptberuflich tätig im Referat Naturschutz des Landratsamtes Karlsruhe, beklagt den Rückgang bei den Grundwasserständen. Er sieht auch den Klimawandel als eine der Ursachen. Früher sei es „eine Ausnahme gewesen, dass ein Moorgebiet austrocknet“. Doch diese Gefahr ist in dem Gebiet mittlerweile real. Flinspach, der auch im Gemeinderat von Weingarten sitzt, hält es für schwer möglich, dies wirksam zu stoppen. Abflussgräben, die man schließen – und damit „die entwässernde Wirkung“ aufhalten könne, gebe es hier nicht.
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Als zusätzliche Belastungen für die ökologisch besonders wertvollen Flächen kommen die Zerschneidung des Gebietes durch die Bahnlinie Karlsruhe-Bruchsal-Heidelberg auf der westlichen und auch die viel befahrene B3 auf der östlich gelegenen Seite noch hinzu. Auch die zuständige Gewässerbehörde beim Regierungspräsidium Karlsruhe sieht mittlerweile dringenden Handlungsbedarf. Im vergangenen Jahr wurde die Erstellung eines Gutachtens beauftragt, das voraussichtlich bis Ende Mai abgeschlossen sein soll. Damit wolle man auch „ökologische Entwicklungsziele und Maßnahmenvorschläge zur Erhaltung des Niedermoores mit seinen offenen Wasserflächen“ angehen, sagt eine Sprecherin der Behörde.
Angehen möchte das Referat Gewässerökologie zeitnah auch den weiter südlich gelegenen Federbachbruch bei Malsch und Muggensturm – auch das moorige Gebiet östlich von Rastatt scheint akut bedroht zu sein. Abhilfemaßnahmen identifizieren soll dort eine Machbarkeitsuntersuchung – mit dem Ziel, auch das dortige Niedermoor „zu revitalisieren“.
Die Sprecherin des Regierungspräsidiums Karlsruhe ist überzeugt: „Die Einflüsse von Klimaänderungen und Wassermangel auf Oberflächengewässer sind augenscheinlich.“
Moore als Klimaschützer
Moorflächen
In Baden-Württemberg gibt es noch rund 45 000 Hektar Moorflächen. Das sind etwa 1,3 Prozent der Landesfläche. Auch hierzulande wurden durch Entwässerung und Torfabbau viele Moore zerstört oder aber erheblich geschädigt. Moore bestehen aus einer mindestens 30 Zentimeter mächtigen Torfschicht. Lange Zeit – meist noch vor dem Torfabbau – dienten Moore hauptsächlich als Weidegründe, zur Gewinnung von Stalleinstreu und zum Holzerwerb. Heute sind es Naturschutzgebiete.
Kohlenstoffspeicher
Moore gehören zu den bedeutendsten Kohlenstoffspeichern der Erde. Mit dem Anstieg der atmosphärischen Kohlendioxidkonzentration und dem daraus resultierenden Klimawandel rückt diese Regulationsfunktion der Moore wieder in den Blickpunkt. In Mitteleuropa beträgt die Torfbildungsrate circa ein Millimeter pro Jahr, die Bildung einer ein Meter mächtigen Torfschicht erstreckt sich also ungefähr über einen Zeitraum von 1000 Jahren.