Die Nachfrage nach bilingualen Zügen an Stuttgarter Gymnasien ist stark gewachsen. Insbesondere die Innenstadtschulen verzeichnen einen starken Andrang. Insgesamt entspricht die Zahl der Neuanmeldungen aber der des Vorjahres. Die Nachfrage nach Plätzen im G9 stagniert, zugenommen hat die Zahl der Schüler in Hochbegabten-Zügen.
Vor dem Wechsel nach der vierten Grundschulklasse aufs Gymnasium stellen sich die Familien stets die bange Frage: Kommt das Kind auch auf seine Wunschschule? Diese Frage konnte auch in diesem Jahr nicht für alle neuen Pennäler positiv beantwortet werden. 168 Schülerinnen und Schüler mussten von der Schule, für die sie sich beworben hatten, auf ein anderes Gymnasium umgeleitet werden, sagt Manfred Birk, der Geschäftsführende Leiter der Stuttgarter Gymnasien und Rektor des Dillmann-Gymnasiums. Angesichts von 2288 Schülern, die laut dem Regierungspräsidium einen Platz auf einem der 25 allgemeinbildenden staatlichen Gymnasien in Stuttgart bekommen haben, ist die Zahl der Umleitungen aber überschaubar. Insgesamt habe sich die Zahl der jugendlichen Bewerber, die „am Schluss nahezu alle“ untergekommen seien, im Vergleich zum Vorjahr (2278 Schüler) „nicht wesentlich verändert“, so Birk.
Bemerkenswerter sind die Verschiebungen der Nachfrage nach Gymnasialplätzen in den Bezirken und nach Profilen. „Der Andrang in der Innenstadt, vor allem im Westen, war sehr groß“, sagt Manfred Birk über die jüngste Entwicklung. Was im ersten Schritt bedeutet hat, dass an Gymnasien, bei denen die Zahl der Bewerber die der Plätze überstieg, zunächst „den Kindern mit Gymnasialempfehlung der Vorzug gegeben wurde“, sagt Schulleiter Birk. Wie viele das waren, ist nicht bekannt. Man hat den Eltern wie bei allen nötigen Umverteilungen jeweils zwei Schulen mit noch freien Plätzen vorgeschlagen. Den Run gerade auf die Gymnasien im Westen führt Manfred Birk auch auf das große Einzugsgebiet zurück, zu dem Botnang gehört, das selbst nicht Standort einer weiterführenden Schule sei.
Die auffallendste Veränderung im Vergleich zum Vorjahr ist die große Nachfrage nach Plätzen in Gymnasien mit englisch-bilingualen Zügen. Hier habe man einen „enormen Sprung“ erlebt, sagt der Geschäftsführende Leiter der Gymnasien. Die Zahl der Schüler in diesem Bereich stieg von 399 im Vorjahr um 96 auf 495, das ist ein Plus von 24 Prozent. Das entspreche immerhin etwa dreieinhalb der insgesamt 84 neuen Eingangsklassen. Nahezu die Hälfte dieser bilingualen Plätze betrifft Gymnasien in der Innenstadt. Ein Grund für diese Entwicklung sieht Manfred Birk unter anderem in gewachsenen bilingualen Angeboten in Stuttgarter Grundschulen. Und manche Eltern entschieden sich vielleicht auch für bilinguale Züge mit Blick auf die wachsende Zahl von englischsprachigen Studiengängen auch an Hochschulen im Land. Das steigende Interesse betrifft im Übrigen nur das Englische. Im Wagenburg-Gymnasium, wo es einen französisch-bilingualen Zug mit insgesamt 34 Schülern gebe, verzeichne man „keine Bewegung“, so Birk.
Zugenommen hat auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die einen der drei Hochbegabten-Züge in Stuttgart besuchen, die es im Karlsgymnasium, im Königin-Katharina-Stift und im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (Musik) gibt, und zwar um zehn auf nunmehr 62 Schüler. Auch wenn der Zuwachs prozentual recht hoch ist, handelt es sich dabei aber weiter um eine kleine Schülergruppe.
Zumindest in der Landeshauptstadt ist die Zahl der Kinder, die eines der drei Gymnasien mit einem G9-Zug besuchen wollen, unverändert. Von den insgesamt 2288 Schülerinnen und Schülern sind es in diesem Jahr 285. Diese Zahl sei „deckungsgleich mit der im Vorjahr“, sagt Manfred Birk. Dies zeigt für den Schulrektor, „dass das Interesse stagniert“. Das Wilhelms-Gymnasium in Degerloch und das Zeppelin-Gymnasium im Osten nehmen wie schon im Vorjahr nur G9-Schüler auf. Das einzige Gymnasium, das noch G8 und G9 parallel anbietet, ist das Neue Gymnasium Leibnitz in Feuerbach, das mit insgesamt 148 Schülern die höchste Zahl an Neuanmeldungen aufweist.
Abgebende Schulen waren unter anderem das Friedrich-Eugens-Gymnasium mit dem stärksten Zulauf im Westen und einem Überschuss von 50 Anmeldungen, aber auch das Königin-Katharina-Stift, das Dillmann- und das Zeppelin-Gymnasium. Zusätzliche Schüler aufgenommen haben etwa das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, das Hölderlin-Gymnasium, das Karls- und das Wagenburg-Gymnasium.
Aus der Sicht des Geschäftsführenden Leiters der Stuttgarter Gymnasien sind auch nach den jüngsten Erfahrungen die G9-Standorte in der Stadt gut verteilt, die Zahl der Gymnasien sei insgesamt ausreichend. In den Außenbezirken seien aufgrund der geringeren Nachfrage die Klassen etwas kleiner als in der Innenstadt. Die Profile der Schulen seien „attraktiv“, diesen Schluss zieht Manfred Birk aus den vorliegenden Bewerbungen, von denen einige auch aus umliegenden Kommunen Stuttgarts gekommen seien. Angesichts der Tatsache, dass die Entscheidung der Eltern für ein bestimmtes Gymnasium noch stärker als bisher vom jeweiligen Schulprofil abhänge, sieht der Schulleiter in einer entsprechenden Anpassung der Angebote an die sich verändernde Nachfrage als entscheidenden Faktor, um „die Standorte stabil zu halten“.