Computer hochfahren, einloggen und mit einer Anmeldung Zugang zu allen schulischen Programmen haben: In Baden-Württemberg soll das 2024 Realität für Lehrkräfte werden.
Am Computer arbeiten können Lehrkräfte in Baden-Württemberg längst. Aber das zentrale Element für einen wirklich digitalen Lehrerarbeitsplatz am Rechner hat den Pädagogen an den 4500 Schulen im Südwesten bisher noch gefehlt: die zentrale Kachel, die mit einer einmaligen Anmeldung Zugang zu allen schulspezifischen Anwendungen auf dem Rechner erlaubt, soll im nächsten halben Jahr Wirklichkeit in der Fläche des Landes werden. Das haben Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusstaatssekretärin Sandra Boser (beide Grüne) angekündigt.
Ist damit der digitale Rückstand beseitigt, der durch das Scheitern der einstmals vom Land geplanten eigenen Bildungsplattform „Ella“ verbunden war? Ex-Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat Ella 2019 nach vielen Rückschlägen als unrealisierbar beerdigt. Jetzt ist die für die Digitalisierung an Schulen zuständige Staatssekretärin Sandra Boser sicher, dass andere Länder wegen „Schule@bw“ wieder neugierig bis neidisch nach Baden-Württemberg schauen. Nach der langen Chaosphase mit Ella spiele der Südwesten mit seiner Schulplattform in der Konkurrenz der Länder jetzt wieder vorne mit.
Vertragsverhandlungen laufen noch
Jedenfalls hat das neue Instrument von dem auf öffentliche IT-Anwendungen spezialisierten Softwareanbieter Dataport die Pilotphase erfolgreich bestanden. Bis zum Sommer sollen prinzipiell alle Lehrkräfte und Schüler auf die neue Plattform mit dem zentralen Identitätsmanagement als Schlüssel zu allen schulischen Anwendungen zugreifen können. Wie genau das modulare Verfahren zum Rollout der Software aussehen soll, sagte Boser nicht. Dazu liefen aktuell die Vertragsverhandlungen, von denen auch abhänge, ab wann den Lehrkräften eine dienstliche E-Mail-Adresse zur Verfügung stehe.
Ob alle Lehrkräfte und Schüler an den 4500 baden-württembergischen Schulen die neue Bildungsplattform irgendwann verwenden werden, ist offen. Sandra Boser betonte, dass die Nutzung freiwillig bleiben wird. „Wir gehen nicht davon aus, dass schon am Anfang alle 120 000 Lehrkräfte im Land die Plattform nutzen“, sagte sie. „Aber wir würden uns freuen, wenn am Ende möglichst viele Lehrkräfte darauf zugreifen.“
Eine Nutzungspflicht der Bildungsplattform schreibt das Kultusministerium nicht vor. Die Grünen-Politikerin begründete das damit, dass manche Schulen bisher alternative Systeme benutzen und damit gute Erfahrungen gemacht haben. Allerdings ist es auch nicht ins Belieben jedes einzelnen Lehrers gestellt, ob die neue Landessoftware genutzt wird oder nicht. Laut Boser entscheidet die Schulkonferenz, welche Bildungsplattform verwendet wird. Diese Entscheidung ist bindend für die jeweiligen Lehrkräfte und Schüler.
Auf der Plattform werden Lernmanagementsysteme wie Moodle oder Itslearning, der Messengerdienst Threema und ein digitales Konferenztool gebündelt. Diese Elemente waren schon zu Zeiten der Pandemie an den Schulen im Einsatz. Kretschmann betonte, dass er in der Digitalisierung große Chancen für die Bildung sieht. Der Einsatz digitaler Geräte und Programme im Unterricht sei richtig und wichtig sowohl für die Qualität des Unterrichts als auch für die Digitalkompetenz der Schüler. „Auch im digitalen Zeitalter gilt: Pädagogik führt – Digitalisierung folgt. Nicht umgekehrt“, sagte Kretschmann. Auch Künstliche Intelligenz und Chatbots sollten als Lerngegenstand behandelt und als Hilfsmittel im Unterricht eingesetzt werden, ergänzte Sandra Boser.
Die Not mit der Haushaltsnot der Bundesregierung
In den letzten Jahren sind für die Digitalisierung der Schulen im Land über den vom Bund initiierten Digitalpakt eine Milliarde Euro bereitgestellt worden. Verplant sei fast die gesamte Summe, abgeflossen seien bisher 27 Prozent der Mittel, erläuterte Boser. Bisher sind im Land etwa drei Viertel der Lehrkräfte und ein Viertel der Schüler mit Laptops oder Tablets ausgestattet worden. Aktuell werde mit den kommunalen Schulträgern ausgelotet, wie viele Rechnungen noch ausstünden. Die Mittel zur Anschaffung von Lehrerlaptops seien erschöpft, betonte Boser. Es könne aber sein, dass noch weitere Schülerlaptops beschafft werden können.
Noch ist nach Kretschmanns Worten nicht absehbar, ob die Sparnotwendigkeiten, die das Haushaltsurteil des Bundesverfassungsgerichts bei der Bundesregierung ausgelöst hat, Folgen für Bildungsprogramme wie den Digitalpakt und das Startchancenprogramm für Brennpunktschulen haben wird. „Wir haben noch keine Entscheidung in Berlin. Da sehen wir noch nicht klar“, sagte der Regierungschef. „Aber jedenfalls können wir diese Förderprogramme aus dem Landeshaushalt nicht ersetzen.“