Inflation, hohe Energiekosten und die Folgen der Corona-Pandemie: Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen in den vergangenen Jahren in die Schuldenfalle geraten sind. So wie Karin Müller, bei der einige Probleme zusammen kamen.
Irgendwann ging alles schief. Irgendwann wusste Karin Müller nicht mehr, wie sie ihre finanziellen Probleme lösen sollte. Es gab immer mehr Rechnungen, die sie nicht mehr zahlen konnte, und sie hatte keine Idee, wie sie sich aus dem Teufelskreis befreien könnte. Karin Müller heißt nicht wirklich so. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert, weil die Frau um die 40 aus Scham und zum Schutz ihrer Kinder nicht erkannt werden will. Ihre Geschichte aber will sie erzählen – auch um anderen zu zeigen, dass die Schuldnerberatung ein Ausweg aus der Not sein kann.
Im Gespräch mit Karin Müller ist zu spüren, wie schwer es ihr fällt, über ihre Probleme zu sprechen. Immer wieder kämpft sie mit den Tränen, immer wieder muss sie sich sammeln. Aus ihrer Sicht begann die Misere vor einigen Jahren, nach der Scheidung von ihrem Mann. Wie zuvor habe sie zunächst weiter gearbeitet – bis das Schicksal sie ausbremste. Denn im Jahr 2019 musste die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern am Knie operiert werden. Die Sache war kompliziert, Müller war nach eigenen Angaben mehrere Monate lang außer Gefecht gesetzt. Sie brauchte lange, um wieder fit zu werden, und verlor deshalb ihren Job. Inzwischen hatte die Corona-Pandemie das Land im Griff, und es war für Müller schwierig, einen neuen Job zu finden: „Viele Firmen wollten in der Zeit niemanden neu einstellen“, erinnert sie sich.
Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden
Sie habe schließlich eine Weiterbildung gemacht und auch eine neue Arbeitsstelle gefunden. Doch dann habe ihr Ex-Mann plötzlich keinen Unterhalt mehr zahlen können – und von da an fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. So begann der Teufelskreis. „Irgendwann wurde mir alles zu viel. Ich wusste, dass ich Hilfe brauche“, sagt Karin Müller.
In ihrer Not wandte sie sich an die Schuldnerberatung des Landkreises Esslingen. Auf die langfristige Schuldnerberatung musste sie zwar warten, aber sie habe zumindest eine Anlaufstelle gehabt – und die Kreisdiakonie habe unter anderem die Stromnachzahlungen übernommen, die sie nicht mehr habe stemmen können, berichtet Müller.
Ihr Fall ist geradezu exemplarisch für die Schuldnerberatung. „Es ist oft so, dass viele Dinge zusammenkommen“, sagt Daniela Hihn von der Schuldner- und Insolvenzberatung in der Bezirksstelle Filder des Kreisdiakonieverbands Esslingen. Die Trennung oder Scheidung vom Partner oder der Partnerin, gesundheitliche Probleme oder der Arbeitsplatzverlust seien häufig der Ausgangspunkt für finanzielle Schieflagen – erst recht, wenn mehrere Ereignisse zusammenkämen. „Meistens sind die Gründe multipel“, sagt auch Sybille Pöml von der Schuldner- und Insolvenzberatung im Esslinger Landratsamt.
Schwierig sei zwar, dass die Betroffenen oft lange auf eine Schuldnerberatung warten müssten, räumen beide Beraterinnen ein. Im Kreis Esslingen betrage die Wartezeit derzeit etwa ein Jahr. Dennoch sei es sinnvoll, sich für die Beratung anzumelden, um die Schulden langfristig in den Griff zu bekommen, betont Hihn. „Und wenn es dringend ist, bekommen die Leute Unterstützung.“ Wenn existenzgefährdende Schulden für Strom oder Miete vorlägen oder eine Pfändung drohe, reagiere man schnell. Schließlich könne Mietern gekündigt werden, wenn sie mit den Zahlungen zwei Monatsmieten im Rückstand seien. Das gelte es zu vermeiden, ebenso wie eine Stromsperre. „Wir sagen den Leuten immer: Strom und Miete muss man auf jeden Fall zahlen“, betont Hihn.
Bei Warnzeichen möglichst früh Hilfe holen
Karin Müller nutzte die Wartezeit und nahm sich einen Anwalt – auch weil sie Drohbriefe von Gläubigern bekommen hatte, wie sie erzählt. Sie beantragte finanzielle Hilfen, um die Anwaltskosten zahlen zu können. Inzwischen stehe sie kurz vor einer Privatinsolvenz. Sie hat es noch nicht ganz aus der Misere geschafft, „aber sie weiß, wie sie sich helfen kann“, sagt Daniela Hihn.
Nicht alle seien so rührig wie Karin Müller. Dabei sei es wichtig, sich möglichst früh Hilfe zu holen. „Ein Warnzeichen ist, wenn man anfängt zu jonglieren“, erklärt Hihn. Wenn man etwa die Begleichung offener Rechnungen auf den nächsten Monat verschiebe, die Kreditkarte immer mehr belaste oder sich immer neue Kredite geben lasse, sollte das zu denken geben. Auch Sybille Pöml betont: „Wir wollen den Leuten ans Herzen legen, keine Scham zu haben, sondern zu uns zu kommen.“ Und zwar möglichst frühzeitig, damit es nicht in die falsche Richtung laufe.
Man versuche immer, schnell zu helfen, betont Hihn – gerade auch in diesen Zeiten von Inflation und hohen Energiekosten. Denn die Auswirkungen seien zu spüren: „Energieschulden zum Beispiel haben wir gerade ohne Ende.“ Für kurze Nachfragen sei auch ein Anruf in der wöchentlichen Telefonsprechstunde möglich.
Karin Müller jedenfalls kann die Schuldnerberatung nur empfehlen: „Zum Glück gibt es so eine Beratungsstelle.“
Hilfe bei Überschuldung
Organisation
Die Schuldnerberatung im Landkreis Esslingen ist in der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung organisiert. Zu dieser gehören neben dem Landkreis auch der Kreisdiakonieverband und das Deutsche Rote Kreuz. Die insgesamt fünf Schuldnerberatungsstellen sind jeweils für unterschiedliche Gebiete im Kreis Esslingen zuständig.
Beratung
Die Schuldnerberatung hilft Menschen, die ihre bestehende oder drohende Überschuldung nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen können. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen bereit sind, ihre finanziellen Verhältnisse offen zu legen und aktiv mitzuarbeiten. Jede Beratungsstelle im Kreis Esslingen bietet einmal die Woche auch eine telefonische Sprechstunde an. Die Schuldnerberatung ist unentgeltlich.