Wer einen Hebel umlegt, kann beobachten, wie Waiblingen nach und nach überflutet wird. Das Modell steht von Mitte November an im Haus der Stadtgeschichte. Foto: Ines Rudel

Es dauert nur etwa vier Minuten – dann steht ein Teil der Waiblinger Altstadt unter Wasser. Wie das Hochwasser im Jahr 1919 die Stadt überflutet hat, zeigt nun ein interaktives Stadtmodell, das Schüler aus Winnenden gebaut haben.

Waiblingen/Winnenden - Kaum ist der Hebel umgelegt, blubbert es leise. Eine Aquarienpumpe nimmt ihren Betrieb auf. Nach und nach, innerhalb von etwa vier Minuten, wird die Schwaneninsel überflutet, gleich darauf säuft die benachbarte Erleninsel ab. Dann bahnt sich das Wasser seinen Weg durchs Waiblinger Wahrzeichen, das Beinsteiner Tor, und in die Lange Straße hinein. Ruckzuck stehen etliche Altstadtgassen unter Wasser.

Zum Glück nur in einem dreidimensionalen Stadtmodell, das Schüler des Winnender Georg-Büchner-Gymnasiums angefertigt haben. Demnächst zieht es in das Waiblinger Haus der Stadtgeschichte um und zeigt anschaulich, was sich vor 100 Jahren in Waiblingen zugetragen hat. Dort stand am 23. Dezember 1919 nicht nur Weihnachten, sondern ein schlimmes Hochwasser vor der Tür.

Hochwasser an Weihnachten

„Innerhalb von ein paar Stunden kam das Wasser“, erzählt der Waiblinger Stadtarchivar Matthias Gandlau, der derzeit eine Ausstellung zum Remshochwasser im Jahr 1919 vorbereitet. Der Titel der Mitte November beginnenden Schau: „Als Weihnachten ins Wasser fiel“. Für die Ausstellung hat Gandlau jede Menge Dokumente, alte Schriftstücke und sogar einige historische Fotos aufgestöbert. Um die Auswirkungen der großen Flut so richtig anschaulich zu machen, schwebte ihm jedoch noch ein interaktives Exponat vor.

Durch seine Frau, die Lehrerin am Büchner-Gymnasium ist, wusste er von der 3D-Druck-AG, die es dort gibt und fragte vorsichtig an, ob diese sich vorstellen könnte, ein Stadtmodell anzufertigen. Lehrer und Schüler waren schnell mit im Boot. Matthias Gandlau lieferte einen Stadtplan von 1924, da es von 1919 keinen gab, und beschaffte die Daten für ein Höhenprofil. „Unsere erster Gedanke war, drei, vier Häuser auszudrucken und auf die nach den Daten modellierte Styroporplatte zu stellen“, erinnert sich der Lehrer Peter Barek an die Anfänge vor gut einem Jahr, „aber dann kam eins zum anderen.“

Haus für Haus mit dem 3-D-Drucker

Sprich: die Schüler Florian Härdter, Lukas Kurz und er haben Woche für Woche mehrere Stunden investiert, um Waiblingen im Jahr 1924 Haus für Haus mit Modellen aus dem 3 D-Drucker nachzubauen. „Wir haben drei Monate nur Häuser ausgedruckt“, erzählt Lukas. Denn der Drucker benötigte allein für das knapp fünf Zentimeter hohe Modell des Hochwachtturms etwa eine Stunde. Und geriet irgendwann an seine Grenzen. Ein neuer Drucker, gestiftet vom Förderverein der Schule, hat dann wieder Bewegung ins Projekt gebracht.

„Erst wollten wir den Hochwasserstand nur an den Häusern einzeichnen“, berichtet Peter Barek. Nach und nach reifte aber die Idee, das Stadtmodell tatsächlich unter Wasser zu setzen. Welche Gebäude in der Stadt betroffen waren, das wussten die Tüftler aus Schadenslisten, die das Stadtarchiv zur Verfügung stellte. Die große Kunst war es, die Höhe richtig auszurichten und die Bodenplatte so zu fräsen und modellieren, dass das Modell mit der Realität übereinstimmt. So muss das Wasser einen Teil von Lange und Kurze Straße sowie der Weingärtner Vorstadt überfluten, während höher gelegene Bereiche trocken bleiben. Das klappt perfekt.

Den Betrachter lässt das Modell fast vergessen, was Matthias Gandlau in Erinnerung ruft: „Das Hochwasser war eine ernste Sache und wirtschaftlich schlimm, auch wenn es hier schön aussieht.“

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