Terézia Mora, Liebling der deutschen Literaturkritik, erzählt von ihrer Kindheit in Ungarn, dem Schmerz der Großeltern und ergründet, warum die Liebe uns manchmal wahnsinnig macht.
Terézia Mora erscheint pünktlich zum Treffen im Stuttgarter Literaturhaus. Sie stöhnt, als sie ankommt. Der Zug hatte 55 Minuten Verspätung, und sie musste sich entscheiden: noch Haare waschen oder etwas essen? Entschied sich für Ersteres und „Notobst“, wie sie sagt. Am Montag könnte die 52-jährige Autorin mit ihrem Roman „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ den Deutschen Buchpreis gewinnen – zum zweiten Mal.
Frau Mora, woran denken Sie beim Wort Heimat?
Ich denke an das kleine Stückchen Land in Ungarn, den Weinberg, der sich seit vier Generationen in meiner Familie befindet und auf dem ich jetzt ein kleines Haus gebaut habe. Dadurch fühle ich mich wie eine Landnehmende, wie jemand, der seinen Fuß in die Erde gestemmt hat und sagt: Es ist euch nicht gelungen, uns zu vertreiben.
Ihre Familie gehörte in Ungarn zur deutschsprachigen Minderheit der Donauschwaben . . .
. . . und zu den zehn Prozent im Dorf, die übrig blieben, die nicht vertrieben wurden. Meine Großeltern waren ihr Leben lang selbstversorgende Bauern, haben das konserviert. Aber jetzt sind sie 90, und der Weinberg ist kein richtiger Weinberg mehr.
Was bedeuten Ihnen Ihre Großeltern?
Meine Mutter und ich wohnten mit ihnen zusammen. Die Großmutter ist eine sehr dominante Frau. Irrsinnig stark und zäh und fleißig. Sie weiß alles und kann alles und klettert auf Bäume. Das war natürlich prägend. Meine Mutter war Fremdsprachensekretärin und Fremdenführerin und ich eben ein Kind. Wir haben am Leben meiner Großeltern als Satelliten teilgenommen.
Haben Sie zu Hause Deutsch oder Ungarisch gesprochen?
Meine Muttersprache war Deutsch. Ich habe erst kurz vor dem Kindergarten Ungarisch gelernt. Es lief immer österreichisches Fernsehen und Radio. Was dazu führte, dass ich mehr über verflossene österreichische Kanzler wusste als über irgendeinen ungarischen Politiker. Es war ein Leben in einem Paralleluniversum.
Gibt es bestimmte Wörter der Kindheit, an die Sie sich besonders erinnern?
Eher an die Sprache als Ganzes, die wichtig war. Meine Familie gehört zu denen, die gesagt haben: Sie haben uns alles weggenommen, aber die Sprache behalten wir. Und tatsächlich verdiene ich heute mein Geld mit Deutsch. Also hat es sich gelohnt. Wenn ich an Heimat denke, dann schon auch ein bisschen an Berlin, wo ich seit der Wende lebe. Aber ich wachse langsam raus aus Berlin, ich bin zu alt für dieses Chaos.
War Berlin nicht immer chaotisch?
Früher war das ein armes, sexy Chaos. Der Verkehr war nicht so verrückt und die Gentrifizierung nicht so fortgeschritten. Es war eine Stadt, in der man gut leben konnte. Ich glaube, ich verliere Berlin langsam.
Können Sie sich vorstellen, wieder ganz nach Ungarn zu gehen?
Auch wenn ich das früher nie für möglich gehalten hätte: Ja. Aber ich muss noch durchhalten, weil meine Tochter in Berlin in die Schule geht. Sie ist 16 und Berlinerin, für sie bedeutet Berlin etwas anderes als für mich. Obwohl es sehr bezeichnend ist, dass sie zum Beispiel dort nicht Fahrrad fährt, weil sie den Verkehr so beängstigend findet. Dass ich jetzt gern in Ungarn bin, hängt auch damit zusammen, dass ich extrem lärmempfindlich geworden bin. Und da ist es still. Aber ich habe mit dem Dorf und den Leuten nichts zu tun. Sie haben sich auch nicht verändert. Jetzt sind sie halt keine Kommunisten mehr, sondern rechts. Also wir werden keine Freunde. Wahrscheinlich werde ich irgendwann eine skeptische Einsiedlerin.
Sie haben mal gesagt: „Ich war fünf, als ich begriff, dass ich ein Kind war, ab da konnte ich es kaum erwarten, keines mehr zu sein.“ Warum?
Weil ich Unfreiheit einfach nicht ertragen kann. Ich komme aus sehr autoritären Zusammenhängen. K und K – Kommunismus und Katholizismus. Beide schätzen das Individuum nicht, besonders nicht das weibliche, intellektuelle und kreative. Und natürlich führt das zu Konflikten. Aber ich mochte es auch nicht, dass alles nach den dominanten Großeltern ging. Ich bin keine Bäuerin! Sie lebten ein stark vom Kirchenkalender bestimmtes Leben. Im Kommunismus hat man ihnen die deutschsprachige Kirche und Messe genommen. Mich bewahrte das davor, ständig in die Kirche zu müssen. Die paarmal, die ich war, verabscheute ich es.
Warum?
Wir hatten einen schlechten Priester. Es war klar, dass er lügt. Er wurde später wegen Korruption und Vielweiberei strafversetzt.
Sie wollten also schnell erwachsen werden, um all dem zu entkommen?
Ich wollte mein Gift selbst wählen können. Ich konnte es kaum erwarten, den Schulabschluss zu haben. Dann war ich weg.
Herta Müller schrieb einmal: In jeder Sprache sitzen andere Augen in den Wörtern. Welchen Einfluss haben Ihre Zweisprachigkeit und Ihre Migrationsgeschichte auf Ihr Schreiben?
Hinter jedem meiner deutschen Texte steht ein geheimer ungarischer Text. Als ich anfing zu schreiben, fielen mir manche Begriffe oder Sprachbilder zuerst auf Ungarisch ein. Das ist in meinem Buch „Seltsame Materie“ deutlich zu sehen. Im Hintergrund liegen literarische Zitate ungarischer Dichter. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt. Es soll ruhig zu sehen sein, woher ich sprachlich komme. Ich bin durchtränkt davon. Damit steckt jetzt auch ein ganzer Haufen unbekannter ungarischer Literatur im Deutschen. Von Zeit zu Zeit erfasst mich tatsächlich dieser missionarische Eifer, mit dem man als Ungarin in die Welt geschickt wird: Erzähl den Leuten, wer wir sind und was wir machen.
Also wieder eine Art Landnahme, dieses Mal in der Sprache.
Ja, auch als Übersetzerin kann man ungarische Idiome im Deutschen durchdrücken. Etwas wie „Ein Dorf hinter Gottes Rücken“ – das war bislang im Deutschen keine Redewendung. Aber jetzt schon.
Haben Sie sich mit der Migrationsgeschichte und der Zweisprachigkeit als Außenseiterin wahrgenommen – in zwei Welten, zu keiner ganz passend?
Ich habe das eher gespürt in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Dort habe ich gedacht: Wie kann das sein, dass ich nicht zu ihnen passe? Daraus schloss ich, dass es woanders auch nicht schlimmer sein kann. Mehr als den Tod finde ich auch anderswo. 1990 bin ich nach Berlin gegangen, meine österreichisch-ungarischen Gewohnheiten fand ich anfangs sehr auffällig. Dort erlebte ich dann den preußischen und von der DDR geprägten Alltag in Ostberlin. Der Humor war anders, der Ton und der Umgang.
Heute spricht man auch oft von Kindheitstraumata – wird man seine Herkunftsfamilie eigentlich je los?
Ich glaube nicht. Im nächsten Buch werde ich mich mit dem Kindheitstrauma meiner Großeltern beschäftigen. Die waren zehn und zwölf, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. In ihrem Dorf war ein jüdisches Arbeitslager. Mein Großvater ging als Kind zu dem Feld, auf dem die Gefangenen erschossen worden waren, und er zählte 22 Leichen. Bis zum heutigen Tag zählt er alles. Es ist furchtbar. Er weiß es gar nicht mehr, aber ich weiß, warum er zählt.
Ihre Großeltern erlebten dann mit, wie ein Großteil des Dorfes vertrieben wurde – sie selbst aber blieben.
Sie mussten trotzdem aus ihrem Haus und standen auf der Straße. Meine Großmutter hat durch all das verinnerlicht: Du musst Angst haben vor dem Nachbarn. Jederzeit kann einer kommen, nimmt den Vater mit in den Krieg, dann kommt noch einer und setzt dich auf die Straße, nimmt sich, was er will. Das transportiert sich immer weiter, dieses Misstrauen allen gegenüber. Vor allem aber eines: diese ständige Angst.
Fühlen auch Sie diese Angst?
Wenn ich in dem Weinberg in Ungarn bin, muss ich mir immer klarmachen, wie unwahrscheinlich es ist, dass jetzt einer kommt und das Tor aufbricht, einfach die Tür öffnet.
Man hört oft, dass sich der Schmerz vererbt. Wie Tränen, deren Ursprung man nicht versteht.
Ja, natürlich, weil wir Menschen sind. Wir verstehen, was es mit Theresienstadt auf sich hat, auch wenn keiner von uns damals dort gewesen ist. Schwierig finde ich die Leute, die heute in meinem Dorf in Ungarn leben. Sie sagen, sie waren nicht da, als all das damals passiert ist, sie sagen: Das ist nicht unsere Geschichte. Aber ich sage, das ist trotzdem eure Geschichte, wenn ihr jetzt da seid. Der Bürgermeister und der Notar können es kaum erwarten, dass die letzten Zeitzeugen, die damals Kinder waren und heute hochbetagt sind, endlich sterben. Weil sie wissen, dass die etwas wissen. Solche Traumata arbeiten weiter.
Hadern Sie mit diesen Erfahrungen – oder ist das befruchtend für Ihre Arbeit?
Das schwankt. Manchmal sage ich den Großeltern: Hört auf, darüber zu reden, das ist schmerzhaft, eine Belastung. Für sie ist es eine Erleichterung, aber ich fühle mich so, als würde mir etwas übergeworfen. Das heißt natürlich, ich muss daran arbeiten. Ich bin jetzt auch an einem Punkt, an dem ich literarisch etwas finden muss, was es mir leichter macht, das irgendwie zu sublimieren.
Die Figur Muna in Ihrem aktuellen Buch erlebt eine schwierige Kindheit in der DDR, der Vater tot, die Mutter alkoholsüchtig. Erklärt das, warum sie später jahrelang Beziehungsgewalt toleriert?
Gegenfrage: Was für eine Herkunft wäre denn eine Garantie dafür, dass einem das nicht widerfährt? Die Antwort ist: Gar keine. Das heißt, sie könnte auch aus einer Hippie-Kommune oder aus einem mustergültigen Elternhaus aus Recklinghausen kommen, und es könnte ihr dennoch passieren.
Warum haben Sie diesen Hintergrund dann gewählt?
Weil es einer ist, den ich kenne. Und es ist immer besser, wenn ein Elternteil tot ist, dann bewegt man weniger Figuren. Alter Dramaturgentrick. Ich hab mir sogar überlegt, ob sie Vollwaise sein sollte, und dann dachte ich, nein, lieber diese unbrauchbare Mutter. Damit das nicht so eindeutig zu sehen ist, dass ich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt habe, um zu zeigen, dass man auch allein sein kann, wenn man eine Familie hat.
Im Zentrum der Geschichte steht, anders als in Ihren früheren Romanen, eine Frau. Wie kam diese Geschichte zu Ihnen?
Indem ich am Leben bin und mich umschaue. Insbesondere seit ich eine Tochter habe, muss ich beobachten, wie ungerecht es sofort für Frauen wird und wie viel Ausbeutung da ist. Meine Tochter ist 16, und selbstverständlich ist sie Feministin. Sie weiß, dass sie aufmerksam sein sollte und sich nur mit einem Menschen zusammentun sollte, der sie respektiert und nicht ausbeutet oder schlecht behandelt. Dennoch weiß ich, dass es immer passieren kann.
Und warum passiert das so oft, gerade Frauen: Sie verlieben sich – um es mal so zu sagen – in den Falschen?
Ich glaube, wir können unseren Hormonen nicht widerstehen. Die Natur will, dass wir den Verstand verlieren.
Sie haben schon sehr viele Preise gewonnen. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist gut, erhöht den Marktwert, bringt Aufmerksamkeit. Aber wenn man mich fragt: Was würdest du tun, wenn du den Preis gewinnst, würde ich sagen: Ich würde das nächste Buch schreiben. Und was würdest du tun, wenn du den Preis nicht gewinnst? Ich würde das nächste Buch schreiben.
Autorin und Übersetzerin
Person
Terézia Mora wurde 1971 in Sopron, Ungarn, geboren. Ihre Familie gehörte zur deutschsprachigen Minderheit der Donauschwaben, Mora wuchs zweisprachig auf. 1990 zog sie nach Berlin, studierte Hungarologie und Theaterwissenschaften. Mora erhielt für ihre literarischen Werke unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Preis der Leipziger Buchmesse, den Deutschen Buchpreis und den Georg-Büchner-Preis. Sie gehört zudem zu den renommiertesten Übersetzerinnen aus dem Ungarischen, etwa der Bücher von Peter Esterhazy.
Roman
Der aktuelle Roman heißt „Muna oder Die Hälfte des Lebens“, erschienen bei Luchterhand in München, 448 Seiten, 25 Euro