Der japanische Künstler mit Sitz in Stuttgart, Shinroku Shimokawa, hat mit seinem Kochbuch „Man kann keine Steine essen“ den Preis der Stiftung Buchkunst für das schönste Buch Deutschlands bekommen.
Stuttgart - Was ist schön? Darauf gibt es mindestens so viele Antworten wie Individuen. Der Begriff wird in vielen Disziplinen diskutiert, auch in der Kunst. Einig ist man sich mehr oder weniger darüber, dass im Alltag etwas als schön bezeichnet wird, was einen besonders angenehmen Eindruck hinterlässt. Das trifft auf jeden Fall zu auf das von der Stiftung Buchkunst zum schönsten deutschen Buch des Jahres 2021 gekürte Werk. Es hinterlässt nicht nur einen besonders angenehmen Eindruck, sondern ist von berührender Zartheit. Es zieht den Betrachtenden bereichernd in den Bann des Interkulturellen, des Interdisziplinären, des Kulinarischen und würdigt in feinsinniger Weise Lebensmittel, dazu gibt es Rezepte zum Nachkochen.
Shinroku Shimokawa ist der Autor des ausgezeichneten Buchs „Man kann keine Steine essen – Kochbuch eines japanischen Bildhauers“, das von dem in Stuttgart und Basel ansässigen Verlag Prima Publikationen und Christina Schmid, selbst Buchautorin und Gestalterin, publiziert wurde.
Eigentlich arbeitet er mit Steinen
Der 1972 in Tokio geborene Künstler lebt seit zehn Jahren in Stuttgart und arbeitet als Bildhauer. Die Nachricht von dem Preis erreicht ihn Anfang September bei einem Stipendium im Tessin, in der Schweiz. Dort arbeitet er seit März, holt Steine aus dem Fluss oder Steinbruch und entwickelt Kunst, die, wie er sagt, in Deutschland viel besser ankommt als in Japan. „Hier verstehen die Leute eher, was ich mache, und interessieren sich dafür. In Japan mag man ganz feine Kunst. Ich mache aber oft großformatige Sachen. Außerdem kann ich mit den Leuten hier viel besser über Konzepte sprechen als in Japan“, erzählt er im Videogespräch. Die Auszeichnung kommt für ihn völlig überraschend. „Ich wusste zwar, dass wir mit dem Buch in der Auswahl sind, aber ich habe nicht einmal gewusst, dass es ein Preisgeld für den ersten Platz gibt. Ich freue mich sehr darüber.“ Mit dem Preisgeld in Höhe von 10 000 wolle er die unverhoffte zweite Auflage finanzieren, so der Künstler.
Sein Buch ist ganz anders als seine großen, bildhauerischen Arbeiten aus Stein. Er verbindet darin seine Leidenschaft fürs Kochen, seine japanische Herkunft und die künstlerische Arbeit als Bildhauer.
Bildhauerei, Kultur und Kulinarik vereint
Über ein Jahr lang hat er gekocht, ausprobiert, in seinem zum Studio umgebauten Schlafzimmer fotografiert und geschrieben. Herausgekommen ist viel mehr als nur ein Kochbuch. „Für mich ist es ein Künstlerbuch, weil beim Kochen wie auch in der Bildhauerei die gleichen Sachen passieren und wichtig sind“, so der Künstler. „Wenn ich eine Steinskulptur mache, dann muss ich erst den Stein aussuchen und sammeln, ich muss ihn beobachten und experimentieren, und er verändert sich beim Prozess.“
Es ist die fein abgestimmte, zurückgenommene Gestaltung des Buchs, die Texte und Fotos mit viel Weißraum verbindet und die es zulässt, dass jedes Produkt sein ganzes eigenes Aroma entfalten kann. Einleitend lehrt eine Warenkunde japanischer Grundzutaten wie Miso, Shiso, Kombu, Nori und Sojasoße, dass die Basis immer das Wichtigste ist. Fotos von Shimokawas Steinskulpturen bilden die Trenner der Kapitel, die nach Jahreszeiten unterteilt sind. Ansonsten sieht man seine handwerklichen Fähigkeiten, abgesehen von den Gerichten und Fotos, in Form von Geschirr, Schalen, Steinplatten, die Shimokawa selbst gefertigt hat.
Abgeschmeckt ist fast jedes Gericht mit einer persönlichen Note – der passenden Geschichte aus dem japanischen Kontext, Anekdoten zum unterschiedlichen Umgang mit Produkten in Japan und Deutschland (wie etwa japanische Salzpflaumen und schwäbische Zwetschgen), mit einer Erfahrung oder einer kleinen Geschichte, etwa zum Thema Himono, getrocknetem Fisch. Dazu schreibt Shimokawa die Geschichte seines verstorbenen Freundes Makoto auf und wie dieser Fisch aß. Es sei seine Lieblingsgeschichte in den Buch, erzählt er.
Makoto war Shimokawas Freund, auch Bildhauer und sehr viel älter als er. Als japanisches Kriegskind hat ihn die Tradition des getrockneten Fischs sein Leben lang begleitet und auch an seine Kindheit im Krieg erinnert. Shimokawa schreibt: „Makoto hat getrocknete Fische mit großer Freude gegessen und sich für die Speisen aus der Natur bedankt. Auf seinem Teller war nie etwas übrig, weder Haut noch Kopf, noch Gräten.“
Im Kapitel Herbst widmet er sich dem Reich der Pilze. Beim Suchen helfe ihm eine Zen-buddhistische Weisheit: „Fokussiert man ein Blatt, sieht man keinen Baum. Fokussiert man einen Baum, sieht man keinen Wald. Mit offenem Bewusstsein, ohne Gier und ohne starren Blick soll man schauen. Mit schwebendem Herzen kann man alles sehen. Das ist vielleicht das Wesen des Sehens.“ Vielleicht erkennt man so auch die Schönheit am besten.
Übrigens: Das Buch dürfte auch jenen, die nur lesen und schauen und nicht japanisch kochen wollen, ein leichter Genuss sein.
Der Künstler, Ausstellungen und Termine
Shinroku Shimokawa
Man kann keine Steine essen – Kochbuch eines japanischen Bildhauers. Prima Publikationen, 2021. 240 Seiten, 32 Euro.
Termine
Im Rahmen der Gruppenschau „Eine Ausstellung am Rand der Zeit“ präsentiert der Künstler am Samstag, 11. September von 14 bis 18 Uhr sein Buch. Ito Projektraum, König-Karl-Straße 27 a, Stuttgart, www.ito-raum.de
Außerdem stellt Shinroku Shimokawa vom 17. September bis 17. Oktober in der Galerie der Stadt Tuttlingen aus. Mehr Infos unter www.shinrokushimokawa.com Stiftung Buchkunst
Die Stiftung zeichnet Bücher in den Kategorien Die schönsten deutschen Bücher, Förderpreis für junge Buchgestaltung sowie Schönste Bücher aus aller Welt aus. Das Gebrauchsbuch steht dabei im Mittelpunkt, Kriterien sind unter anderem in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung, eine unabhängige Jury vergibt den Preis. Die prämierten Bücher werden auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt. Mehr Infos unter www.stiftung-buchkunst.de