Egon Eiermanns Haus in Baden-Baden – ein Gesamtkunstwerk. Der Stuttgarter Architekt Karl Amann hat es saniert. Foto: Studio Olaf Becker/Olaf Becker

Egon Eiermann gehört zu den bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit. Nun wurde seine Villa aus dem Jahr 1962 von einem Architekturbüro aus Stuttgart behutsam saniert. Zu Besuch in Baden-Baden.

Selbst der berühmteste Architekt muss irgendwo: wohnen. Was nicht so einfach ist, wie es scheint. Schließlich ist das Zuhause eines großen Architekten so etwas wie die gebaute Visitenkarte seines hoffentlich unverwechselbaren Unternehmens. Im Idealfall wurde diese Wohnung, das Haus demnach von ihm selbst entworfen, alles andere wäre ja eine Zumutung.

 

Die Sehnsucht nach dem eigenen Haus

Als Egon Eiermann 1962 mit seiner Familie in die eigene, von ihm selbst geplante Villa in Baden-Baden zieht, geht für den Architekten, Möbeldesigner und Hochschullehrer ein Herzenswunsch in Erfüllung. In den Jahren 1959 bis 1962 baute Eiermann in der Straße Krippenhof in Baden-Baden ein Wohnhaus für seine Familie, das heute als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ geschützt ist.

Damals war das 1904 in Neuendorf/Potsdam geborene Multitalent auf dem Zenit seines Schaffens, galt Eiermann neben Hans Scharoun als einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne.

Zu seinen bekanntesten Bauten gehörte der umstrittene Neubau der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – nebst Erhalt der Turmruine, im Volksmund despektierlich als „Lippenstift und Puderdose“ bezeichnet – sowie die Planung der deutschen Botschaft in Washington. Letztere wird bis heute als Leuchtturmprojekt deutscher Architektur gehandelt. Das Hauptgebäude, eine filigrane Stahlkonstruktion.

Mit seinen Arbeiten knüpfte er an die Gestaltungsprinzipien des Neuen Bauens an. Sein Entwurf eines raffinierten wie schlichten Tischgestells aus dem Jahre 1953 ist ein zeitloser Klassiker, der heute in vielen Architekturbüros einen festen Platz hat.

Befreiung von historischem Zierrat

Durchlässigkeit und Flexibilität, die Durchdringung von Innen und Außen, von Natur und gebautem Raum wurde zum Ausdruck einer Demokratisierung der Architektur und des Möbeldesigns. Mit seiner Reduktion auf die Linie, der Konzentration auf die pure Form und der Befreiung von überbordendem Tand, befreite Eiermann seine Objekte von der Last des Historischen. „Das bewusste Reduzieren, das Weglassen, das Vereinfachen hat eine tiefe ethische Grundlage: Nie kann etwas zuwider sein, was einfach ist“, sagte Eiermann einmal, der – anders als viele andere seiner Zunft – seine Visionen auch in klare, kluge Worte fassen konnte.

Dieser Mann war im besten Sinne zeit seines Lebens besessen von der Suche nach der optimalen, möglichst simplen Lösung, Form und Gestaltung. Und: Eiermann wehrte selbst im Privaten jegliche Kitschattacke ab. Davon weiß auch seine Tochter Anna Eiermann zu berichten. Die heute in Berlin lebende international erfolgreiche Kostümbildnerin für Theater- und Opernproduktionen zog seinerzeit als Sechsjährige mit ihren Eltern von Karlsruhe in die frisch erbaute Baden-Badener Villa.

In einem Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten erinnert sich Anna Eiermann an die geschmacklichen Präferenzen des Vaters: „Mein Vater litt unsäglich unter jeglicher Form von Hässlichkeit. Es bestand eine Dominanz der Ästhetik, die mich bis heute prägt. Es gab kein gemütliches Sofa, wenn es nicht gleichzeitig ästhetisch war.“

Falsche hautfarbene Strumpftöne

Egon Eiermann war eben nicht nur ein außergewöhnlicher Architekt, der Perfektionist entwarf auch das komplette Mobiliar für seine Villa. Seine Augen waren überall. „Hässliche Marmeladengläser auf dem Frühstückstisch, falsche hautfarbene Strumpftöne und auch das Klopapier unterlagen strengen ästhetischen Regeln, denn schon damals gab es dieses mit gestanzten Blümchen und Ähnlichem“, sagt Anna Eiermann. „Hinfort mit sowas!“ lautete also die Devise. Selbst im Wohnzimmer war kein Platz für Spielsachen. Eine bewundernswerte Konsequenz. Heutzutage wäre diese strikte Trennung der Wohnsphären für junge Eltern und ihre Kleinen unvorstellbar.

Gut 60 Jahre später ist die Villa nicht mehr im Besitz der Familie Eiermann, wenige Jahre nach dem Tod des Architekten im Jahre 1970 verkaufte die Familie die Immobilie. Sie wechselte seitdem mehrmals die Besitzer, denen offensichtlich der baukulturelle Wert dieser Wohnikone leider gleichgültig war.

Es wurden Veränderungen vorgenommen, die nicht nur den Ästheten Eiermann erzürnt hätten. Doch glücklicherweise fand sich nun ein architekturaffines Bauherrenpaar, welches die einzigartige Villa kaufte und unter strengen Vorgaben des Denkmalschutzes umgestalten ließ.

Mit einer Sanierung und weitestmöglichen Rückführung in den Originalzustand wurde das Stuttgarter Büro von No W Here Architekten beauftragt – sie haben es als eines von drei Stuttgarter Architekturbüros auf die Shortlist des renommierten DAM Preises 2024 geschafft.

Eine große Ehre, keine Frage. „Ganz ehrlich: Als ich die Anfrage der Bauherren aus Baden-Baden auf dem Tisch hatte, bin ich beinahe von Stuhl gefallen“, sagt Karl Amann, der in Architektur und Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart diplomiert hat. Das erklärt mitunter einiges. „Ich bin ein bekennender Eiermann-Fan“, sagt Amann. „Mehrere meiner Professoren an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste waren Eiermann-Schüler.“

Sanierung und Rückbau

Diese Bewunderung gepaart mit fachlichem Wissen beim Interior Design war ein Glücksfall für die Architektur-Ikone und ihre neuen Eigentümer. Und das Amt für Denkmalschutz. Denn Sanierung und Rückbau erforderten ein sensibles Vorgehen. Karl Amann musste sich einarbeiten, umfangreiche restauratorische Recherchen vornehmen.

„Wir haben die ursprüngliche Raumfolge wiederhergestellt. Dazu mussten wir eingezogene Wände rückbauen“, erklärt Amann. „Zudem haben wir Einbauten aufgearbeitet, alle Oberflächen in den Innenräumen von Patina gereinigt. Und die Elektrik musste ebenfalls komplett saniert werden; alle sehr ungewöhnlich auf runden Plexiglasscheiben montierte Lichtschalter und Steckdosen wurden getauscht und adäquat ersetzt. Und das alles im Einklang mit dem Denkmalschutz.“

Auch im Außenbereich wurde behutsam eingegriffen, damit die Authentizität des Gebäudes wiederhergestellt wird, ohne einen musealen Charakter zu bekommen, schließlich sollen hier Menschen leben. Dass es sich um ein besonderes Haus handelt, erschließt sich jedem Passanten. Die Villa Eiermann wurde in einer starken Hanglage erbaut und fällt gleich in zwei Richtungen ab.

Dabei beträgt der Höhenunterschied bis zu sieben Meter. Darauf reagierte Egon Eiermann mit seinem Entwurf für ein Gebäude-Ensemble, das aus dem Haupthaus und einem kleinen Atelierhaus besteht. Das lang gestreckte Haupthaus ist an der Bergseite im Verlauf der Straße Krippenhof lediglich eingeschossig, an der talseitigen Gartenseite hingegen zweigeschossig.

Zitate und biografische Vorlieben

Das Bauprinzip ist denkbar einfach: ein Schottenbau mit tragenden Querwänden im Abstand von vier Metern, der durch eine Treppe in zwei Abschnitte geteilt wird. Alles wirkt leicht und einfach, doch in Wirklichkeit ist das Haus ein komplexer Bau, mit zahlreichen Anspielungen verschiedenster Baustile und biografische Vorlieben: Je länger man sich mit der Eiermann-Villa und ihrer kleinen, aber feinen Außen- und Gartenanlage beschäftigt, desto mehr erkennt man Zitate traditioneller japanischer Architektur und des Schiffbaus.

„Wenn man das Haus betritt, hat man das Gefühl, man gehe in die Natur. Die Verbindung von Innen und Außen ist einfach beeindruckend“, sagt Karl Amann, der Architekt aus Stuttgart. Seine Wertschätzung für die Arbeit Eiermanns ist mit der Bauaufgabe noch gewachsen.

„Ich hatte von Eiermanns Arbeit eine sehr technische Vorstellung. Doch das Projekt hat meine Sicht auf sein Werk verändert. Sein Haus in Baden-Baden ist in den Innenräumen hochhaptisch, geradezu gemütlich“, erklärt Karl Amann. „Egon Eiermann ist hierzulande vor allem als wegweisender Architekt für Industrie- und Bürobauten bekannt. Was aber meiner Meinung noch fehlt, ist eine höhere öffentliche Wertschätzung seiner Arbeit als Designer im Wohnbereich.“

Behnisch und Partner als erstes aussortiert

Tatsächlich steht der Möbeldesigner Eiermann noch im Schatten des Großarchitekten Eiermann. Was nicht wundert, denn Egon Eiermann hat als Architekt das neue Bild der Bundesrepublik Deutschland wie kaum ein zweiter geprägt. Auch wenn er sich damals nicht für den Erhalt des architektonisch bedeutsamen Kaufhauses Schocken von Erich Mendelsohn in Stuttgarts Innenstadt einsetzte. An der Stelle entstand dann das Horten-Kaufhaus, für das er die charakteristische Kachel-Fassade entwarf.

Doch in München traf er klügere Entscheidungen. Wenige Jahre nach seinem Einzug in die Villa in Baden-Baden, wird Egon Eiermann in eine wichtige Jury berufen, denn 1966 wurden die Olympischen Spiele nach München vergeben. Es wurde ein Architektenwettbewerb initiiert, um die beste Konzeption des künftigen Olympiaparks bestimmen zu können.

Ein Jahr später traten dann die Jury unter dem Vorsitz Egon Eiermanns zusammen, um einen Sieger unter den insgesamt 104 eingereichten Modellen zu küren. Eines der ersten aussortierten Modelle war das der Stuttgarter Architekten Behnisch und Partner, deren kühner Entwurf mit dem Zeltdach als zu waghalsig angesehen wurde.

Das Zeltdach wurde aber noch einmal diskutiert, und zwar als einer der Behnisch-Mitarbeiter, Cord Wehrse, anhand eines ähnlichen Beispiels aus Kanada für die ungewöhnliche Konstruktion warb. Der Entwurf wurde von den Architekten so erweitert, dass man mit dem Zelt nicht nur das Stadion, sondern auch die Olympiahalle und die Schwimmhalle mit diesem Dach bedecken wollte.

Es stellte sich allerdings die Frage, wie man auf einer Tischplatte so ein Zeltdach mit den Masten simulieren sollte. „Ganz einfach“, meinte der Stuttgarter Architekt Fritz Auer, „mit einem Damenstrumpf und Zahnstochern“. Also besorgten sie sich einen passenden Nylonstrumpf von der Frau Fritz Auers und befestigten ihn in der Form des konzipierten Daches mit Zahnstochern und Reißnägeln auf der Tischplatte.

Mut zum radikalen Wurf

Und der Vorsitzende der Olympia-Jury Egon Eiermann? War ebenfalls hin und weg von der Idee und dem Damenstrumpf-Modell, woraufhin er sich leidenschaftlich gegen alle politischen Widerstände dafür einsetzte, dass schließlich in München diese wunderbare Architektur zu den Olympischen Spielen entstehen konnte.

Ohne Egon Eiermanns ästhetischer Radikalität sähe dieses Land bestimmt anders, sicherlich nicht besser aus. Und was für ein Glück für München und die damals noch junge Bundesrepublik Deutschland, dass die Frau von Fritz Auer wohl keine hässliche Strumpffarbe gewählt hatte.