Das Leben am Wasser ist die Sehnsucht vieler Menschen. Der Berliner Architekt Carlos Zwick hat sich diesen Traum in Potsdam erfüllt. Zu Besuch bei einer großen Familie in ihrem preisgekrönten Haus.
Da steht man dann sprachlos auf der mehr als 20 Meter langen Loggia dieses Hauses von Carlos Zwick und Claudia Kensy, starrt auf die leicht vom Wind gekräuselte Haut des Sees und denkt bei sich: „Die Hauptsache ist wahrscheinlich das Wasser.“
Dieser Satz findet sich in einem Essay des Schriftstellers Martin Walser, der ja bekanntlich am Bodensee wohnt und das Leben am Wasser und die damit verbundene, oft vergebliche Sehnsucht der Menschen nach Ruhe und Natur in seinen Romanen oft thematisiert hat. Dass das Wasser etwas mit einem anstellt, daran besteht kein Zweifel.
An einem See-Ufer viel Zeit verbringen zu dürfen, das Wasser als ersten Nachbarn begrüßen zu dürfen, das ist schon ein Privileg, wenn nicht ein Traum.
Der von der Havel durchflossene Jungfernsee bei Potsdam ist zwar nicht ganz so groß wie das Schwäbische Meer, um nicht zu sagen: Er ist recht klein. Doch der Effekt ist derselbe. Man fühlt sich seltsamerweise geerdet, ganz bei sich. Und weil die Seenlandschaft westlich von Berlin je nach Licht und Jahreszeit so ein zauberischer Flickenteppich aus Schlössern, Wäldern und Wasseradern sein kann, wundert es nicht, dass hier nicht nur Touristiker, sondern auch Immobilienmakler gut zu tun haben.
Verschandelte Ufer
Die Hauptsache, das ist das Wasser. Leider stimmt der Satz nur dann, wenn man hinausblickt, auf einen schönen See, und – mal ganz generell betrachtet – möglichst keinen Blick zurückwirft auf die Ufer. Seen, auch Meeresküsten sind in der Regel verschandelt mit geschmacklosen Bauten. Mit einer unfassbar hässlichen Nicht-Architektur.
Umso schöner ist es, dass es Architekten wie Carlos Zwick gibt, die das Wasser und diese besondere Atmosphäre bei der Konzeption ihres Projekts respektieren und mitdenken. Vielleicht hat seine Sehnsucht nach einem Domizil etwas mit seiner Herkunft zu tun, denn der 71-Jährige ist gebürtiger Allgäuer.
In Sonthofen ist er aufgewachsen, die Alpen immer vor der Brust. Und dann gibt es welche, die können nicht ohne die Berge. Und es gibt Menschen wie Carlos Zwick, die das Tiefland lieben und die Weite des Horizonts brauchen.
Seit 1979 lebt Zwick in Berlin, gründete ebenda 1989 sein Architekturbüro, hat unzählige Preise für seine Bauten erhalten. Und irgendwann suchte er nach einem Grundstück an einem See, um für sich, seine Frau Claudia und die sechs Kinder ein Haus zu bauen. Schließlich fand er etwas in Potsdam, auf einem ehemaligen Gewerbegebiet samt denkmalgeschützten Fachwerkhäusern und Terrassen.
Die Gebäude beherbergten das frühere Parkrestaurant Nedlitz sowie einen Tanzsaal. Was aber noch wichtiger war: Es gab hier einen Anleger für die Ausflugsdampfer der Weißen Flotte, mit denen die Berliner auf einen nachmittäglichen Kaffee vorbeikamen. Selbst der Kaiser habe sich gelegentlich hier sehen lassen, wird kolportiert, weswegen der Garten mit mehreren Höhenebenen den Namen Kaiserterrassen erhielt.
Aufgeständertes Gebäude
„Mir war klar, dass da ein Berg Arbeit auf uns zukommen würde. Aber je mehr ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, dort ein Haus für meine Familie zu bauen, desto motivierter war ich.“ Das Problem: Zwick und seine Frau kauften das Areal 2014, doch bis sie bauen durften, musste der Architekt noch ein halbes Dutzend Bauanträge einreichen, bis die Genehmigung vom zuständigen Baurechtsamt endlich erteilt wurde.
Die Geduld wurde belohnt. Ein L-förmiger Bungalow schwebt nun drei Meter über dem Boden, auf zehn Einzelfundamenten und 40 diagonalen Stelzen verankert. Federleicht erscheint der Doppelquader. „Der Vorteil dieses aufgeständerten Gebäudes ist: Kommt man von der Straße auf das Grundstück, hat man weiterhin einen freien Blick zum See“, sagt der Architekt und Bauherr.
Und weil Carlos Zwick erwiesenermaßen ein Spezialist für die sensible Einbettung der Architektur in die Natur ist, wird bei diesem Haus nicht nur der See inszeniert, sondern auch der Baumbestand. Mit seiner Fassade aus vertikalen, schmalen Lärchenholzlatten verschmilzt der Baukörper mit den Kronen der ihn umgebenden Bäume. „Lärchenholz bekommt mit einiger Zeit so eine Patina, die wunderbar zur dezenten Farbgebung der Uferlandschaft passt“, sagt Carlos Zwick.
Und ein großer Ahorn wächst mitten durchs Wohnzimmer. „Wir haben die Baukörper so zwischen die Bäume eingefügt, dass keiner von ihnen gefällt werden musste.“ Das Haus wirkt so, als wäre es schon immer hier gewesen. Die starke Bezugnahme auf die vorhandene natürliche Umgebung erinnert an die organische Architektur eines Frank Lloyd Wright, zumal sich die Natur in den Räumen spiegelt. Der See als gerahmtes Bild: Durch die verglaste Brüstung ist die Wasseroberfläche des Jungfernsees bis weit in die Wohnräume hinein sichtbar.
Viel Kunst, viele Bücher
Einfach schön. Dass die Innenräume diesem Anspruch ebenso gerecht werden, ist der stilbewussten Hausherrin zu verdanken. Claudia Kensy ist Journalistin, Künstlerin und passionierte Sammlerin zeitgenössischer Kunst. Die Wände sind voller großflächiger Gemälde, die der reduzierten Natur und Architektur eine sophistizierte Kunst entgegensetzen. Dazwischen Bücher, zwei supersympathische Hunde und eine lässige Atmosphäre wie beim Dauerurlaub vom stressigen Leben in der nahen Hauptstadt. Mal ehrlich: Was will man mehr?