Für Lude Döring sind Malen und Zeichnen sein „zweites Paradies“. Foto: Martin Bernklau

Im Saal der Himmelfahrtskirche sind Bilder des Malers und Zeichners Adam Lude Döring zu sehen.

Schönberg - Manche Maler bleiben sich irgendwann unverkennbar treu. Die ganz großen Genies vom Schlage Picassos hingegen prägen gleich viele ureigene persönliche Stile. Es sind oft die Autodidakten, die sich genauso wenig festlegen lassen wollen. Selten setzen sie sich in der Kunstwelt so eindrucksvoll durch wie der gebürtige Dresdner Lude Döring. Dem schon greisen, aber noch frischen und erfrischend freien Zeichner und Maler widmet sich eine Ausstellung im Gemeindesaal der Schönberger Himmelfahrtskirche, die am Sonntagnachmittag bei großem Andrang eröffnet wurde.

„Jedes Bild ist ein neues Spiel, ein neues Abenteuer. Ich entscheide mich fortwährend gegen die Regeln“, sagt der heute 88-jährige, der einige Jahre im alten Sillenbucher Rathaus sein Atelier hatte, aber schon lange bei Sachsenheim lebt. Dieses anarchische Springen „zwischen frei und streng“ hat eine eher ungewöhnliche Spät-Karriere nicht behindert, wobei zur Bekanntheit auch die Freundschaft mit dem kunstsinnigen Ministerpräsidenten Lothar Späth beigetragen haben mag. Die Schönberger Künstlerin Madeleine Linden hat den renommierten Kollegen in den Himmelfahrts-Saal vermittelt.

Und dort traf er zum Beispiel auch einen anderen Schönberger wieder, den früheren Solotänzer und Gefährten der Primaballerina Marcia Haydee, Jean-Christophe Blavier. Döring hatte lange Zeit im engen Probenraum des Stuttgarter Balletts Tanz-Skizzen gemacht, unter dem hohen Regie-Stuhl des legendären Leiters John Cranko.

„Ich bin ein Linienmann“

Sehr anrührend und sensibel skizzierte Dörings Tochter Michaela Duhme das Leben, Denken und Schaffen ihres Vaters. Als Postamtsvorsteher im Erzgebirge, als Holzfäller, Hilfsschreiner und Titanweiß-Mischer bei IG Farben hatte er gearbeitet, bevor Adam Lude Döring seine Liebe zur Philosophie und zur Kunst ins Zentrum stellte. Gezeichnet hatte er schon immer. Bei Max Bense hörte er Vorlesungen, auf der Stuttgarter Merz-Akademie bescheinigte man ihm nach sechs Semestern „kein Zeichner“ zu sein. „Ich bin ein Linienmann“, sagt er heute, als Künstler mit Professorentitel.

Lang besorgte Gebrauchsgrafik ihm und der Familie den Lebensunterhalt. „Seine Kunst ist dem Forschen verwandt. Es gibt keine Komposition, keine Konstruktion, sondern Spiel, er lässt sich überraschen“, so beschrieb die Tochter Werk und Persönlichkeit Dörings. Oft ist das Ergebnis – Poesie. Da sind virtuos dynamisch hingeworfene Tuschen zu sehen wie die vom Cellisten im „Kammerkonzert“, flüchtig-luftige, manchmal erotische Skizzen oder strenge grafisch-geometrische Figurationen wie „b.a.c.h.“ von 1970, teils schwarz-weiße Serien-Drucke, die mit Tusche oder Farbstift übermalt sind.

In all ihrer Vielfalt sprechen sie doch einhellig für ein intuitives Komponieren und Konstruieren, für eine angeborene und weiterentwickelte Begabung für Proportion und Farbbalance, Perspektive und Raum. Am deutlichsten wird das, nebeneinander gehängt, bei dem sorgsam gefügten „Klavierstimmer“ und dem in wild-aggressivem Schwung zweifarbig hingehauenen „Kopf II“. Döring, der Philosoph, liebt Vernunft und Reflexion. Aber er besteht darauf: „Bilder dürfen keine Beute des Denkens werden.“ Für ihn sind sie, sind Malen und Zeichnen sein „zweites Paradies“.

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